06.02.2020 - 12:10 Uhr
MehlmeiselOberpfalz

"Jawohl, das weiß ich noch"

Mehlmeiseler Pfarrer organisiert 1953 einen grandiosen Kinderfasching. Kleine Maschkerer geben sich Mühe mit selbstgemachten Kostümen. Trotz Eiseskälte herrscht eine tolle Stimmung beim Umzug.

Faschingsumzug
von Gisela KuhbandnerProfil

"Gutes tun, fröhlich sein und die Spatzen pfeifen lassen." Dieses bekannte Sprichwort stammt von Don Bosco, dem 1815 geborenen berühmten italienischen Priester und Sozialarbeiter, der wohl ein Vorbild gewesen sein könnte für den Mehlmeiseler Pfarrer German Vollath. Nicht nur wegen der Frohnatur und der Volksnähe: Beide hatten auch einen Hund. Womöglich hätte auch Don Bosco einen Kinderfasching organisiert, wie damals der örtliche Seelsorger 1953 in der Fichtelgebirgsgemeinde, wenn es in Turin einen ähnlichen Brauch gegeben hätte.

Fotos aus einem Nachlass

Auf diesen damit verbunden Faschingszug stieß Hobby-Heimatforscher Josef Wiche, als er Fotos aus dem Nachlass des 1993 verstorbenen Alfons Lehnert inventarisieren wollte. Und er musste auch erfahren, wie schnell Ereignisse der Ortsgeschichte aus dem Gedächtnis verschwinden. Für unsere Zeitung hat er recherchiert: "Die Witwe Christa Lehnert hatte mir erzählt, dass es der größte Kinder-Fasching war, der je in Mehlmeisel stattgefunden hat, mit einem über hundert Meter langen Zug in der Zeit nach 1950." Abgebildet sind aufwendig maskierte Kinder, die nicht einfach nur eine gekaufte Maske tragen, sondern in handwerklich liebevoll genähten Kostümen durch den Schnee stapfen, sichtlich Spaß haben, die lachenden Gesichter voll greller Schminke.

Wiche glaubte, dass er schnell Informationen über diesen Fasching erhalten werde, wenn er ältere Mehlmeiseler befragt, doch erstaunlicherweise erinnerte sich kaum jemand an dieses Ereignis. Gerade die ältesten Mitbürger schüttelten vielfach den Kopf: "Darüber weiß ich leider nichts ..."

Bislang muss sich Wiche mit den Informationen zufrieden geben, die ihm manche Schulkinder von damals erzählen konnten. So sagte Herbert Daubner (geboren 1943) spontan: "Jawohl, das weiß ich noch! Wir gingen hinter einem großen Pferdeschlitten her durch das ganze Dorf."

Und seine Ehefrau Anni, die sich persönlich nicht erinnern kann, bestaunte die abgebildeten Kinder: "Kaum zu glauben, diese Maskierungen. Man hatte doch in der Zeit nach dem Krieg so etwas nicht." Die besten Informationen konnte die Unterlinder Bäckersfrau Felizitas Bauer beisteuern: "Daran kann ich mich gut erinnern. Ich war als Rotkäppchen mit meiner Freundin Anneliese Bauer, der Gendarmentochter, dabei. Der Faschingsumzug ging von der Schule aus. Ich war damals etwa 9 bis 10 Jahre alt." (Bauer ist 1946 geboren)

Mittlerweile hat Wiche einzelne Informationen wie ein Puzzle zusammenstellen können: 1953 war Pfarrer German Vollath nach Mehlmeisel gekommen, ein sehr volksnaher Priester, der mit seinem Dackel Spazieren ging und den Kontakt zu den Mehlmeislern suchte. "Er war so leutselig"; beschreibt ihn die 86-jährige Irma Hautmann. Vollath war der einzige Pfarrer, der die Muttergottes aus der Loretokapelle abgenommen hat, um sie feierlich auf einer Pferdekutsche durch das Dorf zu fahren. Und seine Idee war es auch, die Kleinen in einem fröhlichen Umzug durch das Dorf ziehen zu lassen.

Die Lehrerschaft unterstützte diese Idee und so sammelten sich alle Schulkinder an diesem denkwürdigen Tag bei der Schule von Mehlmeisel. Jedes Kind hatte nach Anweisung des Lehrers maskiert zu kommen, und so gaben sich die Eltern teilweise viel Mühe, ein lustiges Kostüm zu nähen.

Faschingsumzug

Riesengroßer Hut

Der Pfarrer selbst erschien lächelnd mit einem übergroßen Faschingshut und nahm auf dem Pferdeschlitten Platz, "den der Wirts-Richard steuerte, mit den Gäulen des Mukl-Seff oder des Schenkl-Müllers". Vereiste Straßen im winterlichen Dorf machte diese Schlittenfahrt möglich. So setzte sich die "Prozession" mit etwa 200 übermütigen Kindern in Bewegung und zog in einem großen Bogen über die Webergasse hoch durch die Ortsteile Richardsfeld und Unterlind und wieder zurück zur Schule.

Die Kinder von damals bestätigen übereinstimmend, wie ausnehmend fröhlich es mit dem bestens gelaunten Pfarrer zuging, der den Menschen in den verschneiten Häusern zuwinkte. "So einen Fasching hat es in Mehlmeisel nur ein einziges Mal gegeben", betont Anneliese Bauer.

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