25.04.2019 - 17:08 Uhr
MehlmeiselOberpfalz

Mutter und Tochter auf dem Jakobsweg

Mutter Christine und Tochter Marie Pscherer genießen zusammen eine besondere Reise. Sie sind 860 Kilometer auf dem Jakobsweg unterwegs.

Mutter Christine Pscherer (rechts) und Tochter Marie aus Mehlmeisel machen zusammen eine besondere Reise. Die beiden Frauen bewältigen den Jakobsweg und machen ganz besondere Erfahrungen.
von Gisela KuhbandnerProfil

Einen Rucksack hat sich Marie Pscherer schon 2016 schenken lassen. Einen Pilgerrucksack mit vielen Außentaschen, leicht und gut gepolstert. Gepackt allerdings hat sie ihn erst im vergangenen Jahr, bevor sie sich mit ihrer Mutter Christine auf den 860 Kilometer langen Jakobsweg nach Santiago de Compostela machte.

Jetzt sitzen beide am Küchentisch vor einem Schatzkästchen mit Erinnerungen, wie dem Pilgerpass, auf dem der letzte Stempel fehlt und blättern in einem dicken Fotobuch, das den „Camino“ wieder lebendig und manch eine(n) fast ein wenig neidisch werden lässt. „Ihr schafft das nie“, meldete das Umfeld der beiden Pilgerinnen seine Bedenken an, wenn Christine und Marie von ihren Plänen erzählten. Und doch: „Wir haben es geschafft, mit Mut, Füßen, Kopf und Seele ans Ziel zu kommen“, blicken beide auf die unvergessliche, das Leben verändernde Reise zurück.

„Ein Stück weit motiviert zu diesem Weg, der ein ganzes Land durchquert, hat mich Harpe Kerkelings berühmtes Buch über seine Erfahrungen , auch die Erlebnisse einer befreundeten Familie. Aber nicht nur: Was letztendlich der Grund war, weiß die 23-jährige Zahnarzthelferin selbst nicht genau. „Natürlich spielte auch unser Glaube eine wichtige Rolle – keineswegs aber die sportliche Herausforderung, wobei aber ein wenig Fitness nicht schaden kann", ergänzt ihre in der Altenpflege tätige Mutter. Beide hatten sich lediglich mit Walken und Joggen vorbereitet: „Wir gingen die vierwöchige Reise sehr unkompliziert an und ließen einfach alles auf uns zukommen."

Der Start allerdings war nicht ganz leicht: „Ich hatte in den Tagen zuvor eine Magen-Darmgrippe und war noch nicht ganz auf den Beinen“, erzählt Marie, „aber es wurde von Tag zu Tag besser“. Am 20. April stiegen sie in Bayreuth in den Zug, der sie über Paris nach Saint Jean Pied de Port am Fuß der Pyrenäen brachte, die erste offizielle Unterkunft von 29 unterschiedlichen Herbergen - in Sälen, Vier- und – wenn man Glück hatte – sogar Zweibettkabinen. Alles sauber und ordentlich, immer mit Duschen. Maries diesbezügliche Ängste erwiesen sich jedenfalls als unbegründet. Um 8 Uhr früh müssen die Pilger die Unterkunft wieder verlassen haben und am Abend rechtzeitig ankommen, um ein Bett zu kriegen. „Ein einziges Mal haben wir es nicht geschafft“. Wir mussten elf Kilometer bis zur nächsten Unterkunft weiterlaufen, wurden dort aber mit einer sehr berührenden Andacht in einer kleinen Kirche mit Pilgern aus der ganzen Welt belohnt“, erinnern sie sich. „Gefrühstückt haben wir meistens in Cafés, die am Weg lagen – schwarzer Kaffee und ein Croissant inklusive Morgengebet - ein guter Einstieg in den Tag, den ein Pilgermenue nach der Art des Landes am Abend in der Herberge beschloss. Dazu gab es manchmal noch eine Flasche Rotwein“, erzählt Christine

Als „Überlebens-Snack“ tagsüber erwiesen sich eine Handvoll Walnüsse, zwei Datteln, eine Banane und dunkle Schokolade. Das hatte Christine auf einer Israel-Reise gelernt. Und natürlich gechlortes Wasser aus den zahlreichen Brunnen am Weg.

„Wir hatten Regen und Sonne, Schnee und Hagel, viel Glück und kein Pech“ erzählt Marie. „Wir haben viel geredet, gelacht und geweint, gesungen und gebetet, geschwitzt und gefroren , sind gelaufen, gelaufen und gelaufen“, fügt ihre Mutter hinzu, „und wir fühlten uns immer behütet und getragen“. Bewusst haben die beiden auf Luxus verzichtet, zumal man sein Hab und Gut immer mit sich herumträgt. „Wir trafen fröhliche, lustige, nervige und traurige Leute, allein, zu Zweit oder in Gruppen unterwegs, doch die Konstellation Mutter-Tochter war äußerst selten. Doch für mich war von Anfang an klar, dass ich den Weg nur mit meiner Mama gehen will“, sagt Marie und betont: „Wir motivierten und vertrauten uns, hatten immer das Wohl der anderen im Auge, wobei jede natürlich auch einmal einen Durchhänger hatte und Blasen an den Zehen. Kein Spaziergang bei 25 bis 35 Kilometern pro Tag. Nicht ein einziges Mal hatten sie den „Eselsdienst“ – Taxi oder Bus - in Anspruch genommen oder Fahrzeuge, die Rucksäcke mitnehmen.

Beide waren nur ganz kurz enttäuscht, abends in Santiago anzukommen und nicht mehr in die Kathedrale zu können. Die Gepäckaufbewahrungshalle war bereits geschlossen. Und mit Rucksack darf niemand rein. Auch den letzten Stempel bekamen sie nicht mehr. „Dafür hätten wir uns zu lange an der Ausgabe anstellen müssen“, berichten sie. Und für den kommenden Tag war ja bereits das Flugticket gebucht. Aber: Für Christine und Marie war der Weg das Ziel: „Wir sind dem eigenen Leben auf der Spur gewesen. Uns bleiben Begegnungen, Erlebnisse, Erinnerungen und die Erfahrung, was wichtig ist im Leben und wie wenig der Mensch braucht. „Als ich nach Hause kam, hab´ ich erst einmal meinen Schrank ausgeräumt“, verrät Marie und Christine sagt: „Statt Shoppen-gehen in der Stadt sitze ich jetzt oft lieber einmal in der Fußgängerzone bei schwarzem Kaffee und einem – erinnerungsträchtigen Croissant“.

Weil viele Christine und Marie Pscherer nach ihren Erlebnissen fragen, werden sie am kommenden Sonntag, 28. April um 15 Uhr im Pfarrsaal - reichbebildert - von ihrer Reise erzählen. Der Jakobsweg führt zum Grab des Heiligen Jakobus im spanischen Santiago de Compostela. Dort waren im 19. Jahrhundert die einstmals verschwundenen Gebeine des Apostels Jakobus entdeckt worden. Im Jahr 1987 wurde er vom Europarat zum ersten europäischen Kulturweg ernannt. Er verläuft durch viele Regionen Europas . Der Hauptweg, der Camino Francés, führt allerdings aus den Pyrenäen nach Santiago de Compostela. Er zählt seit 1993 zum Weltkulturerbe der Vereinten Nationen. Die Jakobsmuschel ist ein wichtiges Symbol am Wegesrand, das markiert, wo der Weg entlang führt.

Um als offizieller Pilger zu gelten, muss man mindestens die letzten 100 Kilometer zu Fuß oder die letzten 200 Kilometer mit dem Fahrrad absolvieren und dabei täglich zwei Stempel sammeln. Die Stempel erhält man in den auf dem Jakobsweg gelegenen Dörfern in der Pilgerherberge.

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