Mehlmeisel
28.06.2019 - 17:44 Uhr

"Schickt mir den Radiergummi"

Michael Nickl aus Mehlmeisel findet auf dem Dachboden eine besondere Postkarte aus dem Jahre 1925. Mit einem ganz bescheidenen Wunsch.

Michael Nickl warf einen Blick in die Vergangenheit. Bild: gis
Michael Nickl warf einen Blick in die Vergangenheit.
Das Sterbebild des Seelsorgers, der 40 Jahre lang Kirchenpingarten mit Weidenberg und Haidenaab betreute. Bild: gis
Das Sterbebild des Seelsorgers, der 40 Jahre lang Kirchenpingarten mit Weidenberg und Haidenaab betreute.

Den typischen rotbraun-blauen Radiergummi werden viele noch aus ihrer Schulzeit kennen. Befand er sich doch in jedem Federmäppchen. Laut Schülererfahrung und nach Google-Befragung wird meistens mit der rotbraunen Seite radiert. Sie ist eher zum Ausbessern und Entfernen von Bleistiftstrichen oder -zeichnungen geeignet, während man mit dem blauen Teil - aufgrund seiner Beschaffenheit - besser der Tinte oder festem Bleistift auf starkem Papier zu Leibe rücken kann. Michael Nickl, anno 1925 Schüler im bischöflichen Knabenseminar Obermünster in Regensburg, dürfte das herzlich wenig interessiert haben. Wichtig war ihm wohl nur, dieses Utensil wieder zu haben. Doch der Reihe nach: Als sein gleichnamiger Neffe, in Mehlmeisel auch bekannt als der "Hone Michl", vor kurzem die Bretter auf seinem Speicher in Mitterlind (Gemeinde Mehlmeisel), dem Geburtshaus des Seminaristen, die Bretter erneuerte, fand er eine Postkarte vom 25. April 1925.

Darauf hatte der Knabe, vermutlich aus den Osterferien nach Obermünster zurückgekehrt, an seine Eltern und seinen Bruder in gestochen schöner Schrift geschrieben: "Gott sei Dank bin ich glücklich in Regensburg angekommen. Habe mich schon wieder eingewöhnt. Bitte schickt mir im nächsten Paket mein Radiergummi mit; er steckt in der Westentasche." Heutzutage unvorstellbar: Aber damals fehlten dem Buben wohl die Zeit, die Gelegenheit und das Geld, sich einen neuen zu kaufen.

Die Vorderseite der 94 Jahre alten Postkarte zeigt die Befreiungshalle in Kelheim und ein Bildnis von deren Erbauer, König Ludwig I. von Bayern, mit der Inschrift: "Möchten die Teutschen nie vergessen, was den Befreiungskampf nothwendig machte und wodurch sie gesiegt". Pfarrer Michael Nickl, bekannt und beliebt als der "Hone Pfarrer" wurde 1908 in Mehlmeisel geboren und am 29. Juni 1934 im Dom zu Regensburg zum Priester geweiht. Er war Kaplan in Erbendorf, in Regensburg und von 1942 bis 1982 Pfarrer in Kirchenpingarten mit Haidenaab und Weidenberg sowie Religionslehrer für die acht dazu gehörenden Volksschulen. 1988 verstarb der langjährige Seelsorger.

Seine letzte Ruhestätte fand er auf dem Friedhof in Kirchenpingarten. Ein sehr schöner Grabstein mit ausführlicher Beschriftung erinnert an sein segensreiches Wirken.

 
Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:
Zum Fortsetzen bitte

Sie sind bereits eingeloggt.

Um diesen Artikel lesen zu können, benötigen Sie ein OnetzPlus- oder E-Paper-Abo.