10.09.2018 - 12:09 Uhr
MehlmeiselOberpfalz

Schulanfang ohne die Wirtsanni

Ein Schulanfang, der gewöhnungsbedürftig ist. Ein besonderes Geschäft für Generationen von Kindern schließt seine Pforten.

Die Wirtsanni
von Gisela KuhbandnerProfil

Wusste sie doch immer, wer in welcher Klasse ein liniertes oder kariertes Heft braucht, ein kleines oder ein großes Format, einen harten oder einen weichen Bleistift, einen dünnen oder einen dicken Schreibblock. Einen bunten Stundenplan und ein kleines Geschenk gab´s immer gratis zum Einkauf dazu.

Es wird wohl kaum ein Kind in Mehlmeisel geben, dass am ersten Schultag nicht bei der Wirtsanni gewesen ist. Kleine Wartezeiten waren natürlich kein Problem, hatte man sich doch schon so viel zu erzählen. Wenn´s gar so dick herging, half Nachbarin Hildegard Kleier mit aus.

So gibt es in der Gemeinde – ob groß oder klein – wohl niemanden, der die „Wirtsanni“ nicht kennt – als Person und auch als festen Punkt in Mehlmeisel, fast schon wie einen Straßennamen (… wir treffen uns bei der Wirtsanni…)

Jetzt - nach 54 Jahren – hat Annemarie Pscherer ihr Geschäft geschlossen - krankheitsbedingt . Momentan ist sie im Seniorenheim in Kemnath, wo sie – wenn es ihr gut geht, weiterhin Decken für die Mission strickt, gerne in der Gemeinschaft singt wie bisher. Hinter dem Ladentisch allerdings kann sie nicht mehr stehen, auch nicht mehr – eine ihrer weiteren Leidenschaften – zu Fuß zu Wallfahrtsorten pilgern.

Als sie 1964 das Geschäft mitten im Dorf eröffnete, war alles angeboten, was das Herz begehrt, Textilien, Wolle, Spielsachen, Schreibwaren und vieles mehr. „Es gab einfach alles“ erzählt Sohn Alexander. Sein 2003 verstorbener Vater ist damals auch „auf den Handel“ gefahren. Der Laden florierte, es gab „Stoßzeiten“ wie die Vorweihnachtszeit oder obigen Schulanfang – „konkurrenzlos – bis das Internet kam – dann bist du tot“ wie Alexander das schleichende dörfliche Ladensterben ganz krass auf den Punkt bringt.

„Denn die letzten zehn Jahre hat meine Mutter das Geschäft quasi – ohne Textilien - nur noch als Hobby betrieben, aber weiterhin mit Leib und Seele, wie in den vergangenen Jahrzehnten. Für den Laden hat sie alles gegeben“ sagt er. Sie liebte die Begegnung mit den Leuten, das Reden, das fachliche Beraten, den guten Rat, was wiederum die Kundschaft sehr zu schätzen wusste. Klar, dass es Annemarie Pscherer sehr schwer gefallen ist, das Geschäft aufzugeben, was sie letztendlich aber auch akzeptiert hat bzw. akzeptieren musste.

Freuen würde sie sich, wenn ihre Kunden – ein letztes Mal zum Schulanfang – zum Räumungsverkauf von 11. bis 14. September kommen würden und – ganz zum Schluss noch am Samstag, 29. September, zum großen Flohmarkt (jeweils von 8 bis 16 Uhr. Wenn es ihre Gesundheit erlaubt, wird sie an diesen Tagen nochmals persönlich für ihre Kunden da sein und sich bei ihnen für jahrelange Treue bedanken.

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