30.04.2020 - 11:26 Uhr
MehlmeiselOberpfalz

Systemrelevant, aber Existenz bedroht

Zum Tag der Arbeit am 1. Mai macht sich der KAB-Diözesanverband Regensburg Gedanken über den Umgang mit den Mitarbeitern in den Dienstleistungsberufen. Deren Anerkennung müsse auch über die Coronakrise hinaus Bestand haben.

Wolfgang Glaser, Sprecher des Kreisverbandes, fordert mehr Anerkennung für Dienstleistungsberufe.
von Gisela KuhbandnerProfil

"In der Regel sind diese Kolleginnen und Kollegen schlecht bezahlt, gesellschaftlich nicht anerkannt, und ihre Arbeit wird in der Öffentlichkeit als selbstverständlich hingenommen", führt Wolfgang Glaser, Sprecher des KAB-Kreisverbandes, aus. "In der Krise werden sie plötzlich systemrelevant, dabei halten die Beschäftigten seit Jahrzehnten in den Dienstleistungsberufen unsere Gesellschaft am Leben", betont der Mehlmeiseler.

Gesellschaftlich notwendige Dienstleistungen würden in der Politik immer noch zu wenig wahrgenommen. Für die KAB sei der Staat kein Unternehmen. Er müsse keinen finanziellen Gewinn machen, sondern dafür sorgen, dass sozialer Friede herrsche. "Der Mensch muss im Mittelpunkt unseres Handelns stehen", erklärt Glaser.

"Zwischen Kostendruck, notwendiger Modernisierung und Unverzichtbarkeit für eine gerechte Gesellschaft haben es Politik und Wirtschaft versäumt, klare Ziele und Prioritäten zu setzen", erläutert Willi Dürr, Sprecher des Leitungsteams im KAB-Diözesanverband Regensburg. Für den Kreisvorstand beschwört das Coronavirus sowohl für Arbeitnehmer als auch Unternehmen eine Krise herauf, die die jahrelangen Verwerfungen auf dem Arbeitsmarkt schlagartig zutage treten lässt.

Löhne halten mit Kosten nicht mit

Die Angst der Arbeitnehmer zu Beginn des Shutdowns war groß, durch die geringe Höhe des Kurzarbeitergeldes Mieten nicht mehr bezahlen zu können oder gar das Dach über den Kopf zu verlieren. So haben sich Löhne und Kosten für Miete und Daseinsvorsorge auseinander differenziert. Zudem hat es faktisch keine realen Lohnzuwächse in den vergangenen Jahren gegeben gab, trotz der exzellenten wirtschaftlichen Lage. "Für viele Menschen geht es schlicht um die Existenz. Das wirtschaftliche Wachstum ging an den Beschäftigten vorbei", argumentiert Diözesansekretär Markus Nickl.

Dienstleistungsberufe bräuchten auch in der Zukunft mehr als nur Schulterklopfen oder den kurzfristigen Applaus. Der Fokus der Öffentlichkeit richte sich zurzeit hauptsächlich auf das Pflegepersonal, aber auch ohne Paketboten, Postzusteller, Reinigungskräfte, Küchenpersonal, Lkw-Fahrer, Verkaufspersonal und Logistiker sei ein reibungsloses Funktionieren einer Gesellschaft nicht möglich. Dabei kämpften gerade diese Berufsgruppen mit Lohndumping. Wer sich mit dem Mindestlohn zufriedengeben müsse, für den werden nur ein Drittel der Rentenbeiträge eines Normalverdieners in die Rentenversicherung einbezahlt. "60 Prozent Kurzarbeitergeld bedeuten immer noch 12 Prozent mehr als das aktuelle Rentenniveau. Wie viele unserer Kolleginnen und Kollegen müssen sie sich dann auf die Grundrente verlassen, die noch gar nicht im Kraft ist. So kann und darf eine auf Gerechtigkeit und Solidarität basierende Gesellschaft nicht funktionieren", erläutert Nickl.

Es habe sich vor allem im Krankenhaussektor gezeigt, dass die Privatisierung großer Teile der Daseinsvorsorge nicht funktioniert. Diejenigen, die diese gesellschaftlich notwendigen Dienstleistungen erbringen, müssten nicht nur wertgeschätzt, sondern auch fair und gerecht entlohnt werden.

Für den KAB-Kreisverband ergibt sich ein klares Bild: "Das ständige Streben alles der absoluten Wirtschaftlichkeit zu unterwerfen hat zur jetzigen Überforderung der Dienstleistungsberufe beigetragen. Die meisten dieser Tätigkeiten werden von Frauen ausgeführt und dienen zum Großteil der Daseinsvorsorge. In den 2000er Jahren wurde viel Pflegepersonal abgebaut, viele Krankenhäuser privatisiert und Reinigungsaufgaben öffentlich vergeben." Der Mensch und der Wert seiner Arbeit müsse im Mittelpunkt stehen, damit aus der Krise die Chance erwächst, es danach besser zu machen."

Einmalzahlungen seien eher eine Entschuldigung als eine Lösung des Problems. "Die politische und öffentliche Diskussion zu gesellschaftlich notwendigen Dienstleistungen und deren Wert muss jetzt beginnen, um nach der Krise die notwendigen Weichen für eine gerechtere und stabilere Zukunft stellen zu können. Nach der Krise ist vor der Krise", meint der Diözesansekretär.

Weiter keine Rücksicht nehmen

Die Begehrlichkeiten würden schon wieder wachsen, wenn Arbeitsminister Hubertus Heil das Arbeitszeitgesetz lockern will, damit noch mehr und länger gearbeitet werden kann. Der Handelsverband Deutschland will ein generelles Öffnen der Läden am Sonntag bis zum Jahresende durchboxen. "Hier scheint man schon wieder auf die jetzt so systemrelevanten und öffentlich beklatschten Berufe in Zukunft keine Rücksicht mehr nehmen zu wollen. Der Sonntag dient den Menschen, um seiner Freiheit und nicht um seiner Verwertbarkeit willen", argumentiert Diözesanpräses Stephan Rödl.

Info:

Info KAB

Die Katholische Arbeitnehmer - Bewegung ist ein starker Sozialverband, in dem etwa 80 000 Männer und Frauen bundesweit organisiert sind. Die Aktivitäten der KAB richten sich nicht ausschließlich an die eigenen Mitglieder, sondern stehen allen offen, die sich den gesellschaftspolitischen Zielen der KAB verpflichtet fühlen. Nähere Informationen unter www.kab-regensburg.de

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