10.09.2019 - 14:59 Uhr
MehlmeiselOberpfalz

Von "Tatzen" und Ohrfeigen

Eine ehemalige Schülerin erinnert sich an ihre Einschulung 1946 in Mehlmeisel.

Klassenbild des Einschulungsjahrgangs 1945 in der dritten oder vierten Klasse mit Lehrer Josef Zankl.
von Gisela KuhbandnerProfil

"Nein, Zuckertüten, so wie sie früher hießen, hatten wir damals nicht", sagt Hildegard Schinner. "Aber der Schulranzen, der Schiefertafel, Griffelschachtel und Schwamm beinhaltete, liegt noch auf dem Dachboden", erzählt sie. Geboren 1939, gehörte sie zum ersten Jahrgang, der 1945 nach dem Krieg eingeschult wurde. Und sie weiß noch, dass die Flüchtlingskinder - 1946 waren es 52 - damals sofort in die Klassengemeinschaften mit insgesamt 336 Schülerinnen und Schülern eingebunden waren. "Denn Neid kannte man nicht, weil keiner was hatte, zumindest nicht viel", erinnert sich die Mehlmeiselerin.

Bei einem Klassentreffen vor 20 Jahren hatte Konrektor Richard Schreiber (verstorben) anhand einer Zusammenfassung von Daten und Zahlen zurückgeblickt auf die Schulzeit Mitte bis Ende der 1940er Jahre und über so manches berichtet, was man heute kaum noch glauben kann. Schülerinnen und Schüler - unter ihnen auch Hildegard Schinner - hatten ihren ehemaligen Lehrer gebeten, ihnen diese Aufzeichnungen zu überlassen.

Elternbefragung

So ist darin nachzulesen, dass am 12. Mai 1947 die Schulspeisung eingeführt wurde "eine segensvolle Einrichtung" , an der 235 Kinder teilhaben durften - Schüler, die zu Hause wie Hildegard Schinner eine Landwirtschaft hatten, kamen erst später in diesen Genuss. Zu Beginn dieses Schuljahrs gab es eine Aktion, über die heute wohl jeder ungläubig den Kopf schütteln würde: eine "Elternbefragung zur körperlichen Züchtigung". Von 308 abgegebenen Stimmzetteln (es waren derzeit 329 Kinder an der Schule ) sprachen sich 107 Eltern für das Verbot und 187 für die körperliche Züchtigung aus. Inwieweit sich die Lehrkräfte damals an diese Angaben hielten, weiß Hildegard Schinner nicht mehr. Züchtigung: Das bedeutete meist "Tatzen" und Ohrfeigen. Es sollte aber noch ein paar Jahrzehnte dauern, bis in Bayern die "Watschn" abgeschafft und das "Steckerl" aus den Klassenzimmern verbannt wurden.

Weiter heißt es in den Aufzeichnungen, dass die Schule am 22. Dezember 1948 "ein Radio erhält, wobei nur Schulfunksendungen angehört werden durften". "Im Dezember 1949 sammelten Bürgermeister, Gemeinderäte und Lehrkräfte für eine Schulweihnachtsbescherung. Ergebnis: 117 DM, über einen ½ Zentner Mehl, Fett, Zucker, Äpfel und andere Sachen".

Nachzulesen ist, dass mit dem Erlös "für vier bedürftige Kinder Schuhe gekauft werden konnten, für alle 272 Kinder der Schule große Rosinenlaibchen gebacken wurden und von der Spende des Landratsamts und dem Überschuss aus der Schülerspeisungskasse (55,22 DM) für 57 bedürftige Kinder ein Kleidungsstück, Gebäck, 1 Orange, 2 Äpfel, 1 Drops, 1 Heft und 2 Schreibfedern erhielten". Am 30. Mai 1950 wurden die Kinder aus dem Mehlmeiseler Ortsteil Neugrün in die Zwergschule Hüttstadl/St. Veit (Gemeinde Fichtelberg) umgeschult.

Text geändert

"Auch wenn die Aussage, dass neben der Wiege eines jeden Mehlmeiselers schon ein Notenbüchl liegt, bereits ein wenig abgegriffen scheint, ist es doch so, dass auch damals gerne, viel und stimmig gesungen wurde", erinnert sich Hildegard Schinner. Und Singen war ein richtiges Schulfach. "Trotz hervorragender Leistung haben wir aber bei einem Singwettbewerb mit mehreren Schulen in Kemnath keinen Preis gewonnen - weil unsere damalige Lehrerin den Liedtext eigenmächtig veränderte und Wörter wie 'Schatz' und 'Liebe' einfach gestrichen hatte ..."

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