03.09.2018 - 15:37 Uhr
Oberpfalz

Metall im Maisfeld

Bei der Polizei stapeln sich ungeklärte Ermittlungsfälle wegen Sabotage in Maisfeldern. Unbekannte beschädigten seit Jahren immer wieder Agrarmaschinen mit im Acker versteckten Metallgegenständen. Niemand weiß genau, was dahinter steckt.

Bei der Anschlagsserie vor einigen Jahren im Kreis Amberg-Sulzbach glichen sich die Ereignisse: Ein 20 Zentimeter langer Stahlbolzen wurde jeweils an den Maispflanzen befestigt. Er geriet ins Häckselwerk und riss die Klingen aus der Verankerung, die auf dem Traktordach einschlugen. Verletzt wurde glücklicherweise niemand
von Agentur DPAProfil

Es ist ein seit Jahren wiederkehrendes Phänomen in ganz Deutschland: Wenn die Landwirte ihre Maisfelder abernten, müssen sie immer auch mögliche Anschläge fürchten. Unbekannte Täter verstecken regelmäßig große Schrauben zwischen den Maiskolben oder stellen Metallstangen zwischen die Pflanzen. In diesen Wochen häufen sich wegen der Erntezeit erneut die Anzeigen bei den Polizeiinspektionen, sei es in der Oberpfalz, in Schwaben oder in Franken.

Am Montag meldete die Polizei einen weiteren Fall: In Gablingen bei Augsburg hatte am Wochenende eine Spaziergängerin eine Tüte mit Metallteilen an einer Pflanze entdeckt, bevor das Feld abgeerntet wurde und Schaden entstehen konnte.

Das Ziel der Attacken ist offensichtlich, die teuren Erntemaschinen zu demolieren - mitunter entsteht pro Fall ein Schaden von mehreren zehntausend Euro. Für die Arbeiter auf den Feldern besteht zudem Lebensgefahr, weil Metallteile auch wie Geschosse durch die Gegend katapultiert werden können, wenngleich es bislang noch keine Verletzten gab. Über das Motiv herrscht unterdessen meist Rätselraten, denn kaum einer wird erwischt. Sind die Täter militante Naturschützer oder Konkurrenten der geschädigten Landwirte?

Für die Beamten des Reviers in Donauwörth war es ein Déjà-vu, als nun wieder Bauern wegen Anschlägen auf ihre Maishäcksler Anzeige erstatten. "Es geht wieder los in Wolferstadt", kommentierte Hauptkommissar Magnus Kastenhofer trocken. Denn schon 2016 gab es rund um den 1100-Seelen-Ort eine ganze Serie von Maisfeldanschlägen. Trotz umfassender Ermittlungen wurde aber kein Verdächtiger geschnappt. Im vergangenen Jahr sei es dann aber ruhig gewesen, erzählt der Polizeisprecher. "Möglicherweise fühlt sich der mutmaßlich gleiche Täter wieder sicher genug, um seine Anschlagsserie wieder aufzunehmen", vermutet Kastenhofer. Über die Hintergründe könne nur spekuliert werden.

Die Nürnberger Polizei ermittelt aktuell wegen einer Serie mit acht Fällen und einem Gesamtschaden von 120.000 Euro. Auch im Allgäu wurden heuer wieder Schraubenanschläge gemeldet, nachdem es 2017 im Raum Buchloe eine Serie mit zehn Fällen gab. Die Polizei vermutet, dass hinter diesen Taten Menschen stecken, die grundsätzlich etwas gegen den Maisanbau haben. Florian Wallner vom Polizeipräsidium Schwaben Süd/West in Kempten sagt, dass schließlich schon lange die "Vermaisung der Regionen" kritisiert werde.

Maisgegner verweisen darauf, dass Maisfelder das Hochwasserrisiko steigen ließen, weil der so bewirtschaftete Boden Feuchtigkeit weniger gut aufnehmen könne. Andere finden es schlecht, dass der Mais oftmals als Rohstoff für Biogasanlagen und nicht für den Ernährungskreislauf genutzt wird. "Aber wir können es nicht genau sagen, was das Motiv der Täter ist", räumt Wallner ein.

Die Industrie hat längst auf die Sabotage reagiert, in neue Erntemaschinen werden Metalldetektoren eingebaut. Dann kann der Häcksler stoppen, bevor eine Schraube in die Technik gerät. Doch nicht alle Fremdkörper würden durch die Detektoren erkannt, erklärt Martin Wesenberg, Geschäftsführer des Bundesverbandes Lohnunternehmen, in dem rund 2000 Agrarbetriebe organisiert sind. "Es ist ein Riesenproblem", sagt Wesenberg über die Maisfeldattacken.

Eine Möglichkeit die Täter zu schnappen sieht er darin, dass Bauern an ihren Äckern Wildkameras montieren - doch dies ist rechtlich kaum möglich. Förster nutzen die relativ preiswerten Kameras, um im Wald Bewegungen der Tiere zu dokumentieren. Aber die Videoüberwachung öffentlich zugänglicher Stellen ist in Deutschland nur in Ausnahmefällen erlaubt. Wesenberg findet, dass durch die strikten Gesetze in diesem Fall die Falschen geschützt werden.

Der Verbandschef sieht nicht immer Agrargegner als potenzielle Täter an. Sie könnten auch aus der Branche kommen. "Sowas ist vorstellbar", sagt auch Oberstaatsanwalt Marcus Röske zu der Theorie, dass Konkurrenten die Metallteile im Mais verstecken. Seine Staatsanwaltschaft im niedersächsischen Verden ermittelte gemeinsam mit der Kripo seit 2010 wegen mehr als 50 Anschlägen in der Umgebung von Diepholz, deren Schaden sich auf 800.000 Euro addierte. Sogar das Landeskriminalamt in Hannover war eingebunden.

Im Juni konnte die Polizei einen der seltene Erfolge vermelden. Es gab eine große Razzia auf einem Bauernhof und einen Verdächtigen. Doch es gab dann eine dramatische Wendung in dem Fall, Röske äußert sich deswegen zu den Ermittlungsergebnissen nicht mehr. "Der Beschuldigte ist verstorben", sagt er.

"Das ist kriminell" - Fälle in der Region:

Auch in der Region gab es bereits Fälle, in denen Metallteile an Maispflanzen befestigt wurden. Schlagzeilen machte etwa 2013 eine regelrechte Anschlagserie im Landkreis Amberg-Sulzbach.

Damals war stets derselbe Landwirt betroffen, so dass persönliche Motive nicht ausgeschlossen werden konnten. Zum Glück scheint es sich um einen Einzelfall zu handeln: „Die letzten Jahre haben wir nichts mehr gehört“, sagt Harald Pihlhofer, Geschäftsführer des Maschinenrings in Amberg. Pilhofer redet nicht gerne über das Thema: „Wir wollen keine Trittbrettfahrer ermuntern“, sagt er. Das größte Problem bei solchen Anschlägen sei natürlich, dass Menschen ernsthaft verletzt werden können. Doch auch der materielle Schaden ist laut Pilhofer beträchtlich: „Beim ersten Mal zahlt meistens noch die Versicherung, danach nicht mehr.“ Landwirte, die öfter Ziel von Attacken würden, bekämen große Probleme. „Dort will niemand mehr ernten.“

Josef Wittmann, Geschäftsführer des Bayerischen Bauernverbands (BBV) in Schwandorf, sind momentan ebenfalls keine Anschläge auf Maisbauern bekannt.Trotzdem sagt er: „Das ist ein Riesenthema, denn dahinter stehen große Schäden.“ Fremdkörper in der Maisernte könnten zum einen die Tiere gefährden, die das verunreinigte Futter fressen. Zum anderen „sind schnell zig Hunderttausende Euro beieinander, wenn der Häksler beschädigt wird“. Metalldetektoren sprächen nicht auf alles an. Wo sie es tun, entstehe trotzdem ein immenser Zeit- und Geldverlust, da das Aggregat zum Stillstand komme und überprüft werden müsse. Am schwersten wiege natürlich die Gefahr, dass herumfliegende Teile Menschen treffen. Wittmann hat eine klare Meinung: „Das ist kriminell, das muss man so sagen!“

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