28.02.2021 - 14:33 Uhr
MitterteichOberpfalz

Blick in die Geschichte: Vom Eisenbahn-Bau und italienischen Namen in Mitterteich

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Forte, Gennari oder Riolfi: Wie kamen diese italienischen Namen nach Mitterteich? Ein Beitrag von Familienforscherin Monika Beer-Helm bringt Aufklärung. Und er liefert viel Wissenswertes über den Bau der Eisenbahn in der Region.

Am 10. Januar 1975 stoppte zum letzten Mal eine Dampflok (Baureihe 50) auf dem Mitterteicher Bahnhof (Bild) – anders als in Waldsassen hielt sich der Zuschauerauflauf hier aber in Grenzen. Ab dem 13. Januar 1975 kamen dann Dieselloks auf der Strecke zwischen Wiesau und Waldsassen zum Einsatz.

Von Werner Männer

Italienische Nachnamen wie Forte, Gennari oder Riolfi sind in Mitterteich und Umgebung keine Seltenheit. Den Hintergrund und zahlreiche Details zum Eisenbahn-Bau beleuchtet ein Beitrag des Arbeitskreises Familienforschung Tirschenreuth.

Die Gesellschaft für Familienforschung in der Oberpfalz mit Sitz in Regensburg feiert heuer ihr 30-jähriges Bestehen. Jeder der acht Arbeitskreise ist aufgerufen, für ein Jubiläumsheft einen besonderen Beitrag zu verfassen. Die Vorsitzende des Arbeitskreises Tirschenreuth, Monika Beer-Helm aus Mitterteich, hat sich ein Thema ausgesucht, das schon bei so manchem Fragen aufgeworfen hat: ungewöhnliche Familiennamen. In ihrem Beitrag ist zu lesen, woher Namen wie Gennari, Forte und Riolfi kommen. Zudem erfährt der Leser vieles über den Bau der Eisenbahn-Hauptstrecke Weiden-Mitterteich.

Anschluss an Bäder in Böhmen

Nachdem Anfang 1862 König Maximilian II. die Konzession zum Bau einer Eisenbahnstrecke von Weiden nach Eger erteilt hatte, stellte der Weidener Landtagsabgeordnete Gustav Schlör die konkreten Pläne der Öffentlichkeit vor. Er war im Landtagsausschuss für Bahnbauten am Beschluss beteiligt. 1878 ehrte die Stadt Weiden Gustav von Schlör, der vom König geadelt worden war, für die Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung, indem sie in Weiden einen Platz nach ihm benannte. Zweck des Bahnbaus war es, die Städte Prag, Wien und München an die berühmten böhmischen Kurbäder Karlsbad, Marienbad und Franzensbad anzuschließen.

Die Königlich-Privilegierte Ostbahngesellschaft übernahm dann die Projektierungsarbeiten. Wenzl Fenzl aus Böhmen pachtete die Strecke von Wiesau bis zum Bahnhofsgebäude in Mitterteich. Der erste Spatenstich erfolgte am 26. September 1862. Am 15. August 1864 konnte die Strecke von Schwandorf nach Mitterteich eröffnet werden. Die Eisenbahnstrecke brachte in mehrfacher Hinsicht wirtschaftlichen Aufschwung. Und es kam Geld in die eher ärmliche Region. Viele private Grundbesitzer konnten Grundstücke zu guten Preisen verkaufen. Auch das für den Bahnbau benötigte Material wurde in der Umgebung gekauft, zum Beispiel die Rohstoffe Granit oder Basalt.

Im Sommer 1862 wurde eine Imprägnieranstalt errichtet. Dort wurden aus den Eisenbahnschwellen die harzigen Bestandteile herausgelöst. Dies geschah durch Schwängerung in Wasser mit aufgelöstem Kupfervitriol. Zu dem Werk, in dem hauptsächlich Mitterteicher beschäftigt waren, kam ein Jahr später eine Schneidsäge hinzu. Mit den Fuhrwerken des Gastwirts Joseph Wiendl, dem auch der Werksgrund gehörte, wurden enorme Mengen Schwellenholz herantransportiert. 50 Arbeiter waren hier beschäftigt.

Gute Verdienstmöglichkeiten

Positiv auf die Region wirkten sich auch die mit gutem Verdienst verbundenen Beschäftigungsmöglichkeiten bei der Ostbahngesellschaft aus. Aber um in den Dienst der Ostbahn zu gelangen, mussten höhere Angestellte eine Kaution stellen. Während in den ortsansässigen Betrieben vorwiegend einheimische Arbeiter ihr Geld verdienten, waren beim eigentlichen Bahnbau erste Gastarbeiter aus Böhmen und Italien beschäftigt. Die Arbeiter campierten in Lagern oder Kasernen außerhalb des Ortes. Ihre Frauen waren oft ebenfalls im Bahnbau beschäftigt - als Zuträgerinnen. In der Chronik des Mitterteicher Oberlehrers Rüth ist nachzulesen, dass deren Kinder oft mit Schnaps versorgt worden sein sollen, damit sie schliefen und die Frauen in Ruhe arbeiten konnten.

Südländischer Baustil

Die Ortspfarrer warnten die jungen Mädchen vor dem, so wörtlich, "Gesindel" aus dem Ausland, das wegen schlechter Grundsätze viel Unheil anstifte. Trotzdem entstanden einige Beziehungen zwischen Einheimischen und Gastarbeitern. Die heute noch vorhandenen italienischen Namen wie Forte, Gennari oder Riolfi zeugen davon. In dem Aufsatz geht Autorin Monika Beer-Helm auch ausführlich auf die Stammbäume der Familien ein. Die Baumeister aus Italien brachten auch ihren südländischen Baustil mit, der noch an vielen Bahnhofsgebäuden in der Region auffällt.

Da der Bau der Bahnstrecke in Mitterteich endete, mussten die Reisenden von hier aus irgendwie in die böhmischen Kurbäder gelangen. Gastwirt Joseph Wiendl übernahm im Auftrag der Ostbahn den Weitertransport der Kurgäste oder sorgte für Übernachtungsmöglichkeit in seinem Gasthof. In dem Übereinkommen mit der Bahn war festgelegt, dass der Gastwirt täglich bis zu 20 Personen in "gut beschaffenen, gedeckten Chaisen" den Weitertransport in die drei Bäder garantieren würde. Auch für die Weiterbeförderung des Gepäcks musste er die volle Haftung übernehmen. In österreichischen Zeitungen beschwerten sich aber immer wieder viele Reisende über die unzureichende und manchmal unzuverlässige Weiterbeförderung.

Auch zahlreiche prominente Fahrgäste erwähnt die Autorin Helm in ihrem Bericht. So hat zum Beispiel am 20. Juli 1865 der König von Preußen auf der Durchreise in Mitterteich Station gemacht. Er war zur Kur in Karlsbad und reiste weiter zur Nachkur nach Bad Gastein in Österreich. In Mitterteich wartete er auf einen Sonderzug zur Weiterreise bis nach Regensburg. Ein weiterer prominenter Gast in Mitterteich war Adalbert Stifter. Der letzte berühmte prominente Zugreisende, der vor dem Aus des Bahnhofs in Mitterteich Station machte, war Luitpold Prinz von Bayern.

Wichtige Nord-Süd-Verbindung

Erst ab dem 15. Oktober 1865 war die Bahnstrecke von Schwandorf über Mitterteich bis nach Eger durchgehend befahrbar. Die Verzögerung entstand aus juristischen Gründen, da unterschiedliche Interessen der Bahngesellschaften von Bayern, Österreich und Sachsen eine Rolle spielten. Die Bahnstrecke von Weiden nach Eger galt als wichtige Nord-Süd-Verbindung in Deutschland. Sie war als Hauptstrecke deshalb so breit ausgebaut worden, um Platz zu haben für ein späteres zweites Gleis. Mit dem Anschluss an die Sächsische Staatsbahn in Eger war auch der Kontakt zum Schienennetz der Preußischen Staatsbahn gegeben.

Erinnerungen an große Demonstration gegen Atommülllager in Mitterteicher

Mitterteich
Wie der Mitterteicher Bahnhof um das Jahr 1900 ausgesehen hat, zeigt ein Ausschnitt auf einer alten Postkarte. Es ist eine der ältesten Darstellungen, die von diesem Gebäude bekannt sind.
Ein historisches Bild vom Mitterteicher Marktplatz, wo sich Pferdekutsche an Pferdekutsche reiht, bereit zum Weitertransport der Bahnfahrgäste in die böhmischen Bäder.
Der letzte prominente Zugreisende, der in Mitterteich kurz von der Weiterfahrt nach Waldsassen Station machte, war Luitpold Prinz von Bayern (Vierter von links). Der damalige Bürgermeister Karl Haberkorn (rechts daneben) hieß ihn in Mitterteich willkommen.
Hintergrund:

Verkehr am Bahnhof Mitterteich: Abschied auf Raten

  • Letzter Stopp einer Dampflok (Baureihe 50) auf dem Mitterteicher Bahnhof am 10. Januar 1975. Ab 13. Januar Diesellok-Einsatz auf der Strecke zwischen Wiesau und Waldsassen.
  • Letzter Halt eines Personenzugs am 30. Mai 1986, der letzter Güterzug-Einsatz am 30. Dezember 1999.
  • Abschluss des Gleis-Abbaus am einstigen Mitterteicher Bahnhof im Jahr 2002.
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