14.01.2020 - 12:43 Uhr
MitterteichOberpfalz

Blinde Flecken in der Barrierefreiheit

Wer blind oder sehbehindert ist, hat es nicht gerade einfach, seinen Alltag zu bewältigen. Drei Betroffene zeigen Oberpfalz-Medien, wie sie im Landkreis Tirschenreuth ihr Leben meistern.

Maria Röber (links) und Eleonore Weigl sind durch die altersbedingte Makuladegeneration erblindet. Sie finden die taktilen Leitstreifen an der barrierefreien Bushaltestelle am Unteren Markt in Mitterteich hilfreich.
von Lucia Seebauer Kontakt Profil

In Mitterteich lebt die 69-Jährige Eleonore Weigl. Vor 20 Jahren begann ihre schleichende Erblindung durch die sogenannte altersbedingte Makuladegeneration (AMD). "Heute kann ich alles nur durch einen Nebel sehen", sagt sie. Als sie ihre Diagnose bekam, hatte sie einen Grad der Behinderung von 60 Prozent, nun sind es 100. Mit 53 Jahren musste sie das Arbeiten aufhören. Autofahren ist für sie unmöglich. "Das vermisse ich sehr."

Gehweg abtasten

Sie nimmt Oberpfalz-Medien auf einen Spaziergang durch die Stadt mit. Bevor sie aus dem Haus in der Marktredwitzer Straße geht, nimmt sie ihren Blindenstock in die rechte Hand und setzt eine spezielle Sonnenbrille mit gelben Gläsern auf. "Das schützt meine Augen vor Wind und dem Blenden der Sonne." Zu Fuß unterwegs, bewegt sie ihren Stock, an dem sich unten eine bewegliche Kugel befindet, vor sich her. Sie tastet geübt den Gehweg ab, um sich zu orientieren. Das hat sie im Mobilitätstraining durch den Bayerischer Blinden-und Sehbehindertenbund (BBSB) gelernt. Am Besten findet sie sich zu Hause oder in ihrer direkten Umgebung zurecht.

Es geht vor zu der Ampel an der Färberbrücke. Diese ist die einzige Blindenampel im Landkreis. Im Gehweg ist eine taktile Führung eingelassen: Weiße Platten mit Rillen und Noppen. Mit ihrem Stock erkennt sie so, wo die Überquerung der Straße beginnt und aufhört. Mit Hilfe eines auditiven Signals kann sie hören, wann rot oder grün ist. Es ist einer der wenigen Plätze, wo die 69-Jährige barrierefrei über die Straße kommt. Auf der anderen Seite wartet eine gute Bekannte auf sie. Die 88-jährige Maria Röber ist mit Blindenstock und einem Blindenabzeichen an der Jacke ausgestattet. Auch sie hat seit 1997 AMD.

Maria Röber aus Mitterteich hat einen Trick beim Überqueren der Ampeln, die nicht barrierefrei sind. Sie geht mit ihren Augen ganz nah an das rote Lichtsignal ran. Leuchtet es rot, heißt es stopp. Geht das Licht aus, kann sie über die Straße gehen.

Maria Röber weiß: "Mitterteich hat schon viel gemacht." Doch während die Ampel an der Färberbrücke eine große Hilfe ist, gibt es noch andere Stellen, an denen es für Sehbehinderte noch hakt. So ist es für die Damen schwieriger, die beiden anderen Ampeln zu überqueren. Maria Röber hat einen Trick: Sie geht mit ihren Augen ganz nah an das Signalkästchen ran. Leuchtet das Signal rot, weiß sie, dass auch die Ampel rot ist. Geht das Licht aus, kann sie gehen. Scheint aber die Sonne stark und blendet, funktioniert das nicht. "Dann müssen wir uns auf das Gehör verlassen." Es sei mit dem Verkehrslärm nicht immer leicht zu deuten, woher die Autos kommen. "Hier bräuchten wir dringend Hilfe", betont Röber.

Es geht weiter an den Unteren Markt. Im Winter sei es einfach, an die barrierefreie Bushaltestelle zu gelangen. "Im Sommer steht hier alles voller Tische", weiß Weigl, da sich dort zwei Restaurants befinden. "Die Stadt sagte, dass hier noch eine Leitlinie kommen soll." Diese soll sicher an den Tischen vorbei führen. Um mobil zu sein, sind beide auf Angehörige oder auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen. Das Baxi sei hier sehr hilfreich.

Lange gekämpft

Der Spaziergang führt weiter zum Rathaus. Die Frauen suchen den nächsten Zebrastreifen. "Wir haben lange gekämpft, dass einer der Parkplätze vor dem Übergang weggemacht wurde, da sonst immer ein Auto im Weg war."

Auf der anderen Seite bei der Bücherei befindet sich das schwerste Stück des Weges: Kopfsteinpflaster. "Da verhakt sich der Blindenstock", sagt Weigl. Beide wollen sich auch engagieren, wenn der Obere Markt umgebaut werden soll. Dann soll es eine taktile Markierung an der Überquerung zur Sparkasse geben. "Viele können sich nicht in uns hineindenken", sagt Eleonore Weigl. Alltägliches könne sie oft nicht ohne Hilfe erledigen. Dennoch will sie so viel wie möglich selber schaffen und teilhaben.

Maria Röber möchte zur Commerzbank, um Geld abzuheben. Sie traut sich nicht, beim Schuhhaus Mörtl die Straße zu queren. "Es ist zu gefährlich", betont sie. Lieber geht sie einen längeren Umweg über den Oberen Marktplatz. Am Geldautomat kommt die 88-Jährige zurecht. "Ich merke mir, wo ich hindrücken muss." Röber hat auch ein eigenes Smartphone. Auf diese Weise kann sie mit ihrer 91-jährigen Schwester in Schweden kommunizieren. Vieles funktioniert über Spracheingabe. Um noch mehr zu lernen, macht sie demnächst auch einen Kurs.

Im Alltag helfen den beiden verschiedene technische Hilfsmittel. Um Dokumente, Zeitungsberichte oder Briefe zu erfassen, hat Eleonore Weigl ein Lesegerät zu Hause. Durch Kontrast und die Vergrößerung der Buchstaben kann sie so Texte verstehen, auch wenn es anstrengend ist. Maria Röber verwendet beim Einkaufen im Supermarkt den sogenannten Einkaufsfuchs. "Das ist ein Scanner, der vorliest, welches Produkt man in der Hand hält." So habe sie sich gemerkt, wo die Dinge, die sie braucht, in den Regalen stehen.

Eleonore Weigl hat zu Hause ein Lesegerät. Damit kann sie trotz ihrer Seheinschränkung Briefe, Zeitungsberichte und andere Dokumente lesen.

"Es kam allmählich"

Ortswechsel: Edgar Haegele aus Erbendorf ist es wichtig, so selbstständig wie möglich zu sein. In der Stadt ist er viel zu Fuß unterwegs. Seinen Blindenstock hat er immer dabei. "Bis 1991 bin ich noch Auto gefahren", erklärt er bei einem Rundgang. "In meinem früheren Leben war ich Chemiker." Mit den Jahren merkte er, dass seine Augen immer schlechter werden. "Es kam allmählich", sagt er. Schließlich ging er zum Augenarzt: "Er sagte, ich werde blind. Einfach so." Haegele leidet ebenfalls an AMD.

Für ihn ist es wichtig, so selbstständig wie möglich zu sein. Bauliche Veränderungen für Sehbehinderte oder Blinde gibt es in Erbendorf bislang nicht. Der 72-Jährige wohnt nahe des Marktplatzes. Da er sich inzwischen an seine Umgebung gewöhnt hat, kann er zu Fuß wichtige Orte erreichen. Bei Straßenüberquerungen verlässt er sich auf sein Gehör. "Erst wenn keine Geräusche zu hören sind, gehe ich über die Straße." Er kennt zentrale Kreuzungen, weiß wo die Fußgängerampeln stehen. Zum Teil erkennt er noch Konturen, die ihm den Farbwechsel der Ampel zeigen.

Edgar Haegele aus Erbendorf kennt sich in seiner Stadt gut aus. Er versucht so selbstständig wie möglich zu Fuß zurecht zu kommen. Auch die große Kreuzung am Marktplatz kann er überqueren.

Haegele achtet auf seine Gesundheit und Fitness: "Ich gehe zwei bis drei Mal in der Woche in die Muckibude", sagt er. Meist kauft er in der Bäckerei oder Metzgerei ein. Ab und an geht er auch mal zu Aldi. "Das mache ich aber nicht oft, da die Überquerung der Tirschenreuther Straße anspruchsvoll ist." Beim Rundgang fällt auf: Die Wegbeschaffenheit ist sehr unterschiedlich. Bei Kopfsteinpflaster oder Rissen im Gehweg verhakt sich der Blindenstock von Haegele immer wieder. Auch eine neue Baustelle kann zum Hindernis oder zur Stolperfalle werden.

Haegele weiß, dass er nicht der Einzige in Erbendorf ist, der eine Beeinträchtigung der Augen hat. "Der Einzige, der sich mit einem weißen Stock outet, bin ich." Er erläutert, dass es eine hohe Schamgrenze gibt und viele nicht zeigen wollen, dass sie blind oder sehbehindert sind. "Das ist aber sehr gefährlich", betont er. Denn wer blind sei und einen Unfall verursache, ohne gekennzeichnet zu sein, sei voll haftbar. "Das übernimmt keine Versicherung."

Die Braille-Schrift hat Haegele zwar mal gelernt, beherrscht sie aber nicht. "Da war ich schon zu alt." Im Alltag helfen ihm Lesegeräte oder sein Laptop, der ihm etwas vorliest. Eine Blindenampel würde sich Haegele wünschen, aber: "Ich sehe das realistisch. Das kostet natürlich Geld und wegen mir alleine rentiert sich das nicht."

Einer der wichtigsten Plätze ist für ihn die Bushaltestelle am Marktplatz. "Sie ist die einzige Möglichkeit, ohne Auto von hier wegzukommen." Der aus seiner Sicht schlechte öffentliche Nahverkehr mache es aber schwer. Mit dem Zug fährt er zum Blindenstammtisch nach Weiden. Ob er zu dem Stammtisch nach Mitterteich kommt, weiß er noch nicht, da es keine direkte Verbindung dorthin gibt. "Ich müsste von Erbendorf nach Reuth zum Bahnhof, mit dem Zug nach Wiesau und von dort aus nach Mitterteich und wieder zurück."

Info:

Erster Stammtisch im Landkreis

Maria Röber unterstützt Eleonore Weigl bei der Organisation des ersten Stammtisches für Blinde- und Sehbehinderte im Landkreis am Donnerstag, 16. Januar. Beginn ist um 14 Uhr im Museumscafé Mitterteich. „Der Stammtisch soll vierteljährlich, an jedem dritten Donnerstag im Monat veranstaltet werden“, sagt Weigl. Der offizielle Veranstalter ist die Bezirksgruppe Oberpfalz des Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbundes (BBSB).

Info:

Blinde und Sehbehinderte im Landkreis Tirschenreuth in Zahlen und Fakten

Nach dem aktuellen Sozialbericht leben im Landkreis 90 Personen, die in ihrem Schwerbehindertenausweis das Merkzeichen „Bl“ (blind) eingetragen haben. Das Merkzeichen bekommen Menschen, die blind oder hochgradig sehbehindert sind. Der Behindertenbeauftragte des Landkreises, Reinhard Schön, erklärt, das Blinde eher zu den Randgruppen der eingeschränkten Personen gehören.

„Die Zahlen sind rückläufig. 2014 waren es noch 111 Menschen, die das Merkzeichen Bl hatten.“ Im Gegensatz dazu steige die Zahl aller, die als schwerbehindert gelten und deren Grad der Behinderung bei mehr als 50 Prozent liege – auch hierunter fallen Menschen, die nur eingeschränkt sehen können. 2018 sind in der Statistik 8879 Betroffene aufgeführt (2014: 8800). „Je höher das Alter ist, desto höher wird die Zahl der Betroffenen“, weiß Schön.

Seine Stellvertreterin Doris Scharnagl-Lindinger und Sozialpädagogin Christina Ponader sind in der ehrenamtlichen AG Barrierefreies Bauen und Wohnen im Netzwerk Inklusion tätig. Die beiden werden in die Planung von Baustellen miteinbezogen und können auch das Signet „barrierefrei“ vergeben. Zudem beraten sie Menschen mit Seh- oder Gehbehinderungen zum barrierefreien Wohnen. Scharnagl-Lindinger weiß, dass die meisten Menschen, die blind oder sehbehindert sind, im Blindenbund Oberpfalz organisiert sind.

Sie habe selten Kontakt mit Betroffenen und würde sich wünschen, dass diese offener auf sie zukämen. Christina Ponader erklärt: „Der Bedarf an baulichen Anpassungen für Seheingeschränkte ist sehr hoch, da dies nicht nur eine Frage der Behinderung, sondern auch des Alters ist.“ Bislang halten sich bauliche Veränderungen, die speziell für Blinde oder Sehbehinderte gemacht werden, in Grenzen. Dabei handelt es sich um passende Schriftgrößen, Beschilderung in Braille-Schrift, Kontraste und Orientierungspunkte. Bisher gibt es unter anderem eine Blindenampel, eine Bushaltestelle, zwei Bahnhöfe (Immenreuth und Reuth bei Erbendorf), einen Kreisverkehr (Konnersreuth) und zwei Rathäuser (Kemnath und Waldsassen), die als barrierefrei gelten.

Hier finden Sie den Sozialbericht 2019 auf der Webseite des Landkreis Tirschenreuth

Auf der Webseite "Barrierefrei Leben" finden Sie weitere Informationen zum Thema Barrierefreiheit in den Bereichen Wohnen, Bildung und Arbeit, sowie Inklusionssport

Info:

Bestimmung des GdB

Um den Grad einer Behinderung (GdB) bei einem Blinden oder Sehbehinderten festzulegen, spielen die Sehschärfe und die Einschränkung des Geschichtsfeldes beim Sehen eine wichtige Rolle. Beträgt unter anderem die Sehschärfe auf dem besseren Auge (mit Brille oder Kontaktlinsen) den Wert 0,02 oder weniger, gelten Betroffene vor dem Gesetz als blind und erhalten das Merkzeichen Bl im Schwerbehindertenausweis. Beträgt wiederum die Sehschärfe auf dem besseren Auge (mit Brille oder Kontaktlinsen) nicht mehr als 0,05, ergibt sich ein GdB (Grad der Behinderung) von 100. Betroffene gelten dann nicht als blind, aber als hochgradig sehbehindert. Sie erhalten das Merkzeichen H für Hilflosigkeit.

Ab einem Grad der Behinderung von 50 wird ein Schwerbehindertenausweis ausgestellt. Bei einem GdB von 60 Prozent erhalten Betroffene das Merkzeichen RF für Rundfunkgebührenermäßigung. Ab 70 Prozent gibt es die Merkzeichen G und B. Sie ermöglichen eine freie Fahrt im ÖPNV und bestätigen, dass die Mitnahme einer Begleitung nachgewiesen ist. (Quelle: www.amd-netz.de)

Sehschärfe Rechtes Auge 1,0 0.8 0,63 0,5 0,4 0,32 0,25 0,2 0,16 0,1 0,08 0,05 0,02 0
Linkes Auges 5/5 5/6 5/8 5/10 5/12 5/15 5/20 5/25 5/30 5/50 1/12 1/20 1/50 0
1,0 5/5 0 0 0 5 5 10 10 10 15 20 20 25 25 25
0,8 5/6 0 0 5 5 10 10 10 15 20 20 25 30 30 30
0,63 5/8 0 5 10 10 10 10 15 20 20 25 30 30 30 40
0,5 5/10 5 5 10 10 10 15 20 20 25 30 30 35 40 40
0,4 5/12 5 10 10 10 20 20 25 25 30 30 35 40 50 50
0,32 5/15 10 10 10 15 20 30 30 30 40 40 40 50 50 50
0,25 5/20 10 10 15 20 25 30 40 40 40 50 50 50 60 60
0,2 5/25 10 15 20 20 25 30 40 50 50 50 60 60 70 70
0,16 5/30 15 20 20 25 30 40 40 50 60 60 60 70 80 80
0,1 5/50 20 20 25 30 30 40 50 50 60 70 70 80 90 90
0,08 1/12 20 25 30 30 35 40 50 60 60 70 80 90 90 90
0,05 1/20 25 30 30 35 40 50 50 60 70 80 90 100 100 100
0,02 1/50 25 30 30 40 50 50 60 70 80 90 90 100 100 100
0 0 25 30 40 40 50 50 60 70 80 90 90 100 100 100

Finden Sie hier weitere Informationen zur Krankheit AMD und zur Bestimmung des Grad der Behinderung

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