21.07.2021 - 17:28 Uhr
MitterteichOberpfalz

Wie sich die ostbayerische Autowirtschaft fürs E-Zeitalter rüstet

Diesen Artikel lesen Sie mit
Alle Informationen zu OnetzPlus

Wohin steuert das Automobil von morgen? Eine noch spannendere Frage: Wer steuert das Auto? Auch beim Autohaus Nützel macht man sich dazu Gedanken. Den Betrieb gibt es seit 90 Jahren. Aber so schnell ging es mit dem Wandel noch nie.

Martin Härtl ist einer der sogenannten “Hochvolt-Techniker”, die erst nach umfassender Ausbildung Hand an Elektroautos legen dürfen. Schutzanzug und abgesicherter Arbeitsplatz sind ein Muss.
von Berthold Zeitler Kontakt Profil

Kaum eine andere Branche ist so einem Wandel unterworfen wie die Automobilwirtschaft. Ähnlich der Uhrenindustrie. Dort sind die mechanischen Zeitanzeiger längst zu Klein-Computern am Handgelenk mutiert. Seit Volkswagen bei den Stromern Gas gibt, rückt die E-Mobilität in den Fokus. “Da müssen wir gerüstet sein”, sagt Jochen Sonntag, der für Oberpfalz-Medien beispielgebend für die gesamte Branche ist. Der Geschäftsführer der Motor-Nützel GmbH sieht allein schon in der 90-jährigen Geschichte seines Unternehmens, wie wichtig es ist, rechtzeitig die Weichen zu stellen. Schließlich soll nach dem Willen der Konzernlenker spätestens 2033 kein Verbrenner mehr von den VW-Bändern laufen.

Wie Herbie

Zündkerzen? Braucht’s da nicht mehr, einen Anlasser ebenfalls. Wo kein Abgas, ist auch der Kat überflüssig. Getriebe? Wozu bei einem ein-Gang-Motor? Damit erübrigt sich auch die Frage nach einer Kupplung. Wo nichts ist, kann auch nix kaputtgehen, muss nichts repariert werden.

Dafür servieren die Hersteller immer mehr Gusto-Stückerl aus der Technik-Küche. So ein modernes Modell wie der ID.4 zum Beispiel erkennt den Fahrer schon von weitem und grüßt mit einem Scheinwerfer-Blinzeln wie einst der legendäre Film-Käfer Herbie. Fuß auf die Bremse und schon sind alle Systeme aktiviert. Auf Knopfdruck hält das Auto Spur und Tempo, bremst und beschleunigt automatisch, wenn es der Abstand zum Vordermann notwendig oder möglich macht. Kameras schauen nach vorne und hinten, erkennen Fußgänger und Verkehrsschilder. Selbstredend sind GPS und 4G-Standard an Bord.

Hightech im Auto verlangt aber auch Hightech in der Werkstatt, Aufrüstung in Hard- und Software und einen ständig wachsenden Schulungsbedarf. Nicht nur, aber vor allem auch mit Blick auf die wachsende Zahl der Elektroautos. “Da brauchen wir Spezialisten”, stellt Sonntag klar.

Experten gebraucht

Martin Härtl ist so einer. Denn an den Stromern darf nur Hand anlegen, wer dafür auch ausgebildet ist und AC/DC kennt. Nein, nicht die Hardrock-Band, sondern Wechselstrom und Gleichstrom. “Hochvolt-Technik” heißt das und verlangt Schutzanzug und abgesicherten Arbeitsplatz. Und wenn’s speziell um den schwergewichtigen Akku-Pack im Unterboden geht, muss der “Hochvolt-Experte” ran.

Gerhard Zeitler verfolgt die Entwicklung seines Berufsstandes mit Interesse. Der Bayreuther ist ein Schrauber alter Schule, hat 1962 seine Mechaniker-Lehre begonnen, ist mittlerweile zwar im Ruhestand, aber als Aushilfe im Teiledienst immer noch bei Motor-Nützel tätig. So wie vorher sein Vater und nach ihm sein Sohn Sven. Nächstes Jahr will er die “60 Jahre im Betrieb” vollmachen. “Autos fand ich von Kindesbeinen an schon super.” Dass sein Blaumann oft von oben bis unten ölverschmiert war, “das ist halt mal so bei einem Mechaniker.” Die Arbeiten mussten damals ja oft in der Grube erledigt werden. Erst Ende der 60er Jahre löste eine moderne Hebebühne die Rollpritsche ab, mit der die Schrauber im wahrsten Sinne des Wortes unter das Auto krochen.

Dass in den Anfängen der Firma sogar eine Schmiede in der Werkstatt war, weiß Gerhard Zeitler nur aus Bildern, die Chefsekretärin Manuela Eisner für das 90. Jubiläum zusammengestellt hat. Sogar eine eigene Sattlerei und Schlosserei wurden früher vorgehalten. Und Teile gab’s, “dass wir einen eigenen Wagen hätten bauen können”.

Mit Strom hatte Zeitler damals auch schon zu tun, wenn etwa Lichtmaschine und Zündkerzen zu prüfen waren. “Freilich hat’s dich mal draufg’haut, wennst nicht aufpasst hast”, gesteht der 73-Jährige, “aber schlimm war das nicht.” Die Macken der verschiedenen Modelle, die haben er und seine Kollegen meist schon gewusst, wenn sie Motorhaube geöffnet haben. “Beim Käfer 1302 musste oft die Zündung eingestellt werden, beim 411er auch. Beim 1600er war der Luftfilter oft verstopft. Und der Polo hatte Auspuffprobleme.” Trotzdem lässt er auf seinen eigenen nix kommen. “Über 260 000 Kilometer hat der schon auf dem Buckel.”

Wasserstoff "charmanter Gedanke"

Dass heutzutage ohne Computer und Diagnosegeräte nichts mehr geht, versteht Zeitler durchaus als Fortschritt. Auch er hat lernen müssen, damit umzugehen. “Und wenn was unklar war, haben mir die Jungen weitergeholfen”, lobt er den Zusammenhalt. Dass im Kfz-Handwerk moderne Technik nach der Fehlerquelle sucht, ist für Jochen Sonntag eine riesige Erleichterung. “Das ist wie in der Medizin: Ein CT zeigt, wo es hapert. Operieren muss dann aber auch noch einer.”

Womit wir wieder bei der Eingangsfrage wären. Mensch oder Maschine? Automatisiertes Fahren können Autos heute schon, teilweise sogar autonom. “Das gab’s früher auch schon mal”, sagt Jochen Sonntag mit einem Augenzwinkern und erzählt eine Anekdote aus der Familiengeschichte. “Mein Großvater war oft mit der Kutsche unterwegs. Wenn’s dann beim sonntäglichen Dämmerschoppen einmal etwas später geworden ist, brauchte er sich nur auf den Bock zu setzen. Das Pferd brachte in brav bis vor die Haustür.“

Momentan aber sieht der Bayreuther das Fahren ohne Fahrer so komplex, dass es allein schon aus rechtlichen Gründen nicht machbar sei. “Auch das Thema Wasserstoff ist nur aus ökologischer Sicht ein charmanter Gedanke.” Da seien noch viel zu viele Fragen offen. Und wie sieht er das Auto von morgen? “Voll digital. Da sind ab Werk schon alle Komponenten drin und der Kunde kann sie ganz nach seinen Bedürfnissen gegen eine Gebühr X zeitlich begrenzt oder auch für immer freischalten lassen. Allrad also nur, wenn’s im Winter in die Berge geht. Klimaanlage nur in den Sommermonaten oder Navi nur, wo man sich nicht auskennt.”

So viele E-Autos gibt es in der Oberpfalz

Weiden in der Oberpfalz

400 Fahrschüler in Selb sind einem Betrüger auf den Leim gegangen

Selb
Hintergrund:

Motor-Nützel ein Traditionsunternehmen

  • 1931 legt Hans Nützel, mit gerade einmal 21 Jahren bereits Kfz-Meister, den Grundstein des Unternehmens. Aus der damaligen Motorrad-Werkstatt mit 4 Mitarbeitern ist heute einer der größten Autohändler Nordbayerns mit rund 1100 Beschäftigten an 13 Standorten geworden. Darunter auch 160 Auszubildende, teils im dualen System. Umsatzziel heuer: 300 Millionen Euro.
  • 1948 erhält der Bayreuther – kurz nach der Währungsreform – einen Händlervertrag von Volkswagen, als einer der ersten in Deutschland. Und hat ihn heute noch.
  • 1952 stirbt Hans Nützel bei einem Autounfall nahe München. Seine Frau Emma führt den Betrieb nicht nur weiter, sondern setzt auch selbst Meilensteine.
  • 1981 stirbt die gute Seele des Unternehmens. Da die Ehe mit Hans kinderlos geblieben war, regelt Emma Nützel noch zu Lebzeiten die Nachfolgefrage mit der Gründung einer Stiftung. Sie ist seither alleinige Gesellschafterin des Unternehmens und unterstützt aus den Gewinnen alte und invalide Bürger in Bayreuth und Umgebung. Den Vorsitz des Aufsichtsrats führt der jeweilige Oberbürgermeister.
  • 1990 erlebt Deutschland nach der Wende einen wahren Auto-Boom, von dem auch Motor-Nützel profitiert.
  • 2002 übernimmt Jochen Sonntag als alleiniger Geschäftsführer die Verantwortung und expandiert über Oberfranken hinaus.
  • 2018 wird das Autohaus Enslein&Schönberger mit 5 Standorten im Landkreis Tirschenreuth übernommen.
  • 2021 macht Nützel Pläne publik, die Niederlassung Mitterteich für 1,7 Millionen Euro zu einem Automobilzentrum auszubauen. Im Gegenzug müssen
  • 2023 die Tirschenreuther Mitarbeiter umziehen, wird die dortige Filiale aufgegeben.

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.