22.09.2019 - 17:42 Uhr
MitterteichOberpfalz

Eine Werksärztin für Schott

Blaue Werksjacke statt weißer Arztkittel: So treffen die Mitarbeiter der Schott AG in Mitterteich ihre neue Werksärztin an. Ein Besuch in der Schott-Praxis bei Dr. Tatjana Wernicke.

Dr. Tatjana Wernicke und Assistentin Bianca Gradl (von links) in den neu eingerichteten Praxisräumen in der ehemaligen Werksleiter-Villa.
von Lena Schulze Kontakt Profil

Der Weltkonzern entschied sich, eine interne Arztpraxis nur für Mitarbeiter am Werksgelände des zweitgrößten Standorts der AG einzurichten. Bei aktuell 1200 Mitarbeitern durchaus unüblich. „Man möchte mehr für die Gesundheit der Mitarbeiter tun“, erklärt die 46-jährige Arbeitsmedizinerin. Die Ärztin wohnte zuletzt in Burghausen im oberbayerischen Landkreis Altötting und zog extra in die Oberpfalz.

Seit Juni ist sie in Mitterteich angestellt. Vier Tage in der Woche ist sie für die Mitarbeiter da. Aber: „Ich betreibe keine Praxis im herkömmlichen Sinn.“ Im Mittelpunkt der Arbeitsmedizin stehe eher die Gesundheitsprävention. Unterstützt wird sie in der Schott-Praxis von Bianca Gradl (43), ihrer arbeitsmedizinischen Assistentin.

Villa zur Praxis umgebaut

Über 30 Jahre betreute Dr. Ursula Geisel-Straus das Unternehmen als externe Arbeitsmedizinerin sehr gut. Zum Jahresende die Ärztin in Rente. Mit diesem Umbruch wird der Gesundheitsdienst am Oberpfälzer Standort neu strukturiert. Maßgebend ist die Ambulanz am größten Schott-Standort in Mainz mit über 2400 Mitarbeitern, den Dr. Margit Emmerich und ihr Team betreuen. Im engen Austausch zwischen den Schott-Hauptstandorten passen Wernicke und Gradl die Gesundheits- und Präventionsangebote auf die Mitarbeiter und die Region an.

Untergebracht ist das neue arbeitsmedizinische Zentrum für Mitarbeiter im VG7 – in der ehemalige Werksleiter-Villa. Bis vor kurzem waren dort Schulungs-und Besprechungsräume. „Die Villa wurde extra für uns umgebaut“, weiß die Arbeitsmedizinerin. Neben der Anmeldung und einem Behandlungszimmer mit Fahrradergometer, Untersuchungsliege und EKG gibt es auch einen Raum für Funktionsdiagnostik, in dem Seh- und Hörtests durchgeführt werden. Zudem gibt es einen Notfall- und Ruheraum. In der oberen Etage hat die Schott-Werksfeuerwehr mit dem Brandschutzbeauftragten ihren Sitz. Zuvor war der Gesundheitsdienst am anderen Ende des Geländes untergebracht. Mit dem Domizil in der Villa rückte die Ambulanz näher an die Produktionshallen.

Kein Hausarzt-Ersatz

Die Mitarbeiter können mit allem kommen: In der Werkspraxis werden Schnupfen, Husten, Heiserkeit und kleine Verletzungen behandelt. Wernicke hat Brandsalben, Bauchschmerz- und Kopfwehtabletten zur Hand, kann Infusionen legen, Blut abnehmen oder helfen, wenn jemand seine Allergietabletten zu Hause vergessen hat. Auch Beratung bei chronischen Erkrankungen, Mobbing oder psychische Angelegenheiten gehören zu Wernickes Aufgabengebiet. „Mir ist wichtig, dass die Mitarbeiter wissen, dass wir da sind“, betont die 46-Jährige. „Unsere Türen stehen immer offen.“ Den Mitarbeitern steht es frei zum Werksarzt zu gehen.

„Wir ersetzten keinen Hausarzt“, stellt Wernicke klar. Die Mitarbeiter krank schreiben darf sie nicht, dazu bräuchte sie eine kassenärztliche Zulassung, die sie in einer Werkspraxis nicht hat. Zudem sei die Ambulanz dazu da, die Schott-Mitarbeiter am Arbeitsplatz zu halten. „Wenn der Mitarbeiter nur eine Schmerztablette braucht, aber weiterarbeiten möchte, geht das hier bei mir viel schneller, als wenn er zum Hausarzt fährt, sich ins überfüllte Wartezimmer setzt, aufs Rezept wartet und sich in der Apotheke die Tabletten besorgen muss.“

Rettungsfahrrad

Bei Unfällen am Gelände schwingt sich die Arbeitsmedizinerin und Allgemeinärztin mit ihrem Notfallkoffer auf ihr Rettungsfahrrad und saust zum Einsatzort. Seit Juni rückte sie schon einige Male aus. „Arbeitsunfälle passieren leider.“ Die Erstversorgung können Wernicke und ihre Assistentin einwandfrei gewährleisten. „Wir können sehr viel selber machen. Da sind die Leute auch sehr dankbar, wenn sie nicht gleich ins Krankenhaus müssen“, sagt die Ärztin aus Erfahrung. Bisher musste wegen jeder kleinen Schnittverletzung der Rettungswagen gerufen werden. Mit der Werksärztin könne der Rettungsdienst entlastet werden. Mit Verdacht auf einen Knochenbruch oder zum Wunden nähen müssen die Verletzten trotzdem ins Krankenhaus. Ein Ultraschallgerät oder gar ein Röntgengerät gibt es in der Werkspraxis nicht.

Den größten Anteil der Arbeit nimmt aber nicht die Notfallmedizin, sondern die Arbeitsmedizin ein. Höhe, Hitze, Bildschirm-Arbeit, technologische Umstellungen, Installationen in gebückter Haltung – trotz der Arbeitsbedingungen ist es wichtig, durch Prävention die Mitarbeiter gesund zu halten. Das Konzept des betrieblichen Gesundheitsmanagement gebe es schon länger. Geboten werden bereits Ernährungsberatung, Rückenfit-Kurse in Zusammenarbeit mit einem Physiotherapeuten, Gesundheits-Checks, Vergünstigungen bei Fitnessstudios, oder ein Drei-Tages-Präventionsangebot. Nun sollen die Angebote ausgeweitet werden. Auch speziell für Azubis soll es ein Programm geben. Wernicke ist Schnittstelle für Personalabteilung, Arbeitssicherheit, Mitarbeiter, Betriebsrat, sie spricht mit Azubis ebenso wie mit Managern. „In vielen Fällen sind wir eher Vermittler und Berater.“ Mit der neuen Werkspraxis sollen Themen, die zur Gesundheitsförderung gehören, an einer Stelle gebündelt werden. „Wir wollen aber niemanden seine Arbeit wegnehmen“, betont Wernicke. „Das könnten wir auch gar nicht leisten“.

Spannende Aufgabe

Die Herausforderung den Gesundheitsdienst in Mitterteich zu etablieren, in ein frisches Team zu kommen, selbst etwas aufzubauen, fand sie spannend. „Ich muss das Rad nicht neu erfinden aber darf mitgestalten“, freut sich Wernicke über ihre neue Arbeitsstelle. Die 46-Jährige arbeitete lange Zeit bei der Wacker Chemie AG. „Da war mir Arbeitsmedizin in allen Facetten geboten.“ Zusätzlich bildetete sie sich zur Allgemeinärztin weiter, war im Krankenhaus und Praxen tätig. Neben der freiberuflichen Arbeitsmedizin betreute sie Pflegedienste und Unternehmen. Die Ärztin stellte fest, dass die Arbeitsmedizin ihr Ding ist. „Ich wollte mir etwas Spezielles suchen“ – Wernicke stieß auf Schott. Nach einem einstündigen Telefonat mit Dr. Emmerich in Mainz sagte sie zu. „Frau Emmerich war so begeistert von ihrer Arbeit. Auch nach 16 Jahren noch. Die Begeisterung ist sofort übergesprungen!“ Obwohl regelmäßig Unfälle passieren, sei eine Werkspraxis mit Ärztin samt Assistentin an einem Standort mit 1200 Mitarbeitern „Luxus“. „Ob ein Werksarzt gebraucht wird, kann man nicht am Krankenstand festmachen. Der hängt von vielen Faktoren ab. Unsere Arbeit ist nicht unmittelbar messbar. Aber wir können den Service bieten, Krankheiten schneller und effektiver zu behandeln. Wir produzieren Wohlbefinden.“

Die Werksärztin auf ihrem Rettungsrad, am Gepäckträger den Notfallkoffer griffbereit.
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