22.04.2020 - 12:14 Uhr
MoosbachOberpfalz

Todesmarsch zu Kriegsende führt durch Moosbach

Am 20. April 1945 wurde das Konzentrationslager Flossenbürg wegen der herannahenden US-Armee aufgelöst. 14.460 Häftlinge wurden wie Vieh von den NS-Schergen in Richtung Süden getrieben, um das KZ in Dachau zu erreichen.

Pater Berthold Brandl (links) schilderte seine Erlebnisse in diesen unheilvollen Tagen. Rechts der Historiker Ulrich Fritz, Mitarbeiter der Gedenkstätte Flossenbürg.
von Peter GarreissProfil

In vier Kolonnen zu je 3000 bis 4000 Personen brach man auf. Jede Kolonne wurde von 200 Personen Wachmannschaft begleitet. Vom 21. bis 23. April bewegte sich einer der Todesmärsche, so nannte man später die Marschkolonnen, von Flossenbürg über Neuenhammer, Pleystein, Lohma, Moosbach, Tröbes in den Bayerischen Wald. Dabei spielten sich schlimme Dinge ab.

Tausende ausgemergelte KZ-Häftlinge zogen in einen Zug des Grauens durch Moosbach. Wer von den Häftlingen nicht mehr weitergehen konnte, wurden von den Wachmannschaften erschossen oder erschlagen. Die Häftlinge, nur notdürftig bekleidet, campierten in eiskalter Nacht in den Straßengräben.

Vor genau 75 Jahren wurden die Bürger der Ortschaften Gröbenstädt, Moosbach und Tröbes, der Marktgemeinde Moosbach, Zeugen dieses schrecklichen Ereignisses.

Der heute 91-jährige Pater Berthold Brand schildert, was er als 15-jähriger damals erlebte: „Ich erinnere mich mit Abscheu an die Grausamkeiten der SS-Leute während des Todesmarsches durch Moosbach. Ich musste die Toten von Moosbach und Umgebung mit einsammeln und mehrmals mit dem Bruckwagen zum Friedhof in Moosbach fahren. Wir jungen Leute waren erschüttert, denn wir mussten zusehen, wie die SSler ohnehin schon halbtote Häftlinge durch Kopfschuss töteten“. Anna Kramer, geborene Steinberger berichtet, was sie als 6-jährige damals erlebte: „Der 22. April 1945 war ein wunderschöner Frühlingstag. Und da kam plötzlich auf der Durchgangsstraße in Moosbach ein nicht-enden-wollender Zug mühsam sich dahinschleppender Gestalten in gestreiften Sträflingskleidern daher. Alle waren abgemagert bis auf die Knochen. An den Füßen hatte der eine oder andere klobige Holzschuhe. Viele gingen barfuß. Sie wurden von SS-Leuten mit schussbereiten Gewehren eskortiert. Unterbrochen wurde dieser grauenvolle Zug ab und zu durch einen Wagen mit ebener Lagefläche, auf die die Toten von den SS-Schergen geworfen wurden und die nicht mehr Gehfähigen. Wir Kinder und die Erwachsenen standen fassungslos am Straßenrand. Frauen hatten Wasser, gekochte Kartoffeln oder Brot mitgebracht um diese unfassbare Not zu milden. Ganz brutal wurden sie zurückgestoßen, so dass das Wasser oder das Essen im Straßendreck landete. Dieser Alptraum dauerte nicht nur ein paar Stunden, sondern Tag und Nacht und noch einmal einen Tag und eine Nacht. Nachts im Bett hörte man fast ununterbrochen Schüsse."

Auch die heute 98-jährige Maria Karl aus Moosbach erinnert sich noch genau: „Ich wohnte damals in der Hauptstraße in Moosbach. Schon in der Frühe hörte ich im Radio, dass der Chef des militärischen Nachrichtendienstes Admiral Canaris und Pfarrer Bonhoeffer im KZ-Flossenbürg erschossen wurden. Plötzlich hörte ich das Klappern von Holzschuhen und so breit die Straße war, zwängten sich die Häftlinge in Sträflingskleidung durch Moosbach. Alle waren ausgehungert und abgemagert und manche mussten die Entkräfteten stützen und mitschleifen. Sobald wir uns am Fenster zeigten, staute sich die Menge und mit bettelnden Blicken deuteten sie uns an, dass sie Hunger und Durst haben. Aus Angst vor den SS-Männern trauten wir uns nicht, ihnen etwas Essbares zu geben. Jemand stellte einen Eimer Wasser auf die Straße, doch dieser wurde von den SSlern sofort ausgeschüttet. In einem Anwesen war die Haustür offen und ein Häftling verschwand darin. Eine Anwohnerin hatte das beobachtet und schrie. Das Wachpersonal zerrte den Armen aus dem Haus und hetzte den Hund auf ihn. Später wurde er am Ortsausgang in Richtung Saubersrieth mit anderen entkräfteten Kameraden erschossen. Einige Häuser in der Hauptstraße weiter stand nochmals eine Haustür offen und ein Häftling verschwand darin. Diese Familie gewährte ihn Schutz, was lebensgefährlich war. Er überlebte und wurde von den Amerikanern befreit.“

Johann Reitinger (Hausname Kramer) aus Tröbes erzählt: "Als Bub konnte ich damals sehen, wie sich das Wasser des Tröbesbachs, welches aus Richtung Gaisheim kam und neben der Straße floss, vom Blut der Toten gefärbt war. Die Toten wurden einfach in den Wassergraben geworfen. Im Nachbaranwesen beobachtete ich einen Gefangenen, der unter einem Stein einen Wurm suchte und dabei erschossen wurde. Einige Tote waren entlang der Straße nur notdürftig verscharrt worden, so dass bald die Köpfe zum Vorschein kamen. Entlang des Evakuierungswegs lag Leichengeruch in der Luft."

Die bereits verstorbene Margaretha Stahl aus Saubersrieth hat als 28-jährige die Todesmärsche erlebt und von zehn Jahren folgendes zu Protokoll gegeben: "Ich sehe diese Menschen noch vor mir. Abgemagerte, sich dahin schleppende Gestalten, die erbarmungslos weitergetrieben wurden. Einige Saubersriether Frauen wollten ihnen etwas Essen zustecken, wurden aber gleich von den Wachposten zurückgedrängt. Ich habe auch Schüsse gehört, als sie den Ortsausgang passiert haben. In den Straßengräben zwischen Saubersrieth und Tröbes wurden einige eingescharrt, die nicht mehr auf dem Karren Platz fanden."

Nach diesen schrecklichen Ereignissen teilte der damalige Bürgermeister Danzl von Tröbes dem Sonderstandesamt Arolsen mit, dass alleine in Tröbes 71 KZ-Häftlinge bestattet wurden. Zahlen für Moosbach sind nicht bekannt. Die Leichen wurden 1950 exhumiert und in den Friedhof Muschenried bei Oberviechtach umgebettet.

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