Josef, der Hornissen-Flüsterer

„Ich bin Hans im Glück“, ruft Josef Ernst. In letzter Sekunde hat er die Hornissenkönigin gefunden. Die Hoheit steckt im Rollo-Kasten von Anna Schatzberger fest, wo Ernst das Hornissennest vor der Vernichtung retten will.

von Ulla Britta BaumerProfil

Anna Schatzberger öffnet erleichtert die Tür. Ein paar Tage musste die Wiesauerin warten, bis Josef Ernst Zeit für sie hatte. Der Imker aus Münchenreuth ist Fachberater für Hornissen und Insekten am Landratsamt Tirschenreuth. Seit Jahren rettet er Insektennester davor, einer Giftspritze zum Opfer zu fallen.

Hornissen müsse man sogar leben lassen. "Sie stehen unter Artenschutz." Bei Schatzberger haben sich die Flugkünstler im Rollo-Kasten eingenistet, ein beliebtes Wohnheim für Großinsekten. "Alte, hohle Bäume gibt es nicht mehr. Die haben wir überall 'erfolgreich' weggemacht", schimpft Ernst. Der Imker setzt sich für die Insekten ein. Er weiß von der Wichtigkeit ihrer Funktion.

Nest manchmal zu groß

Ernst klagt, während er sein umfangreiches Equipment bei Schatzberger aufbaut, über das Insektensterben. Deshalb ist er nicht böse darüber, dass in diesem Sommer viele Leute am Landratsamt oder direkt bei ihm um das Entfernen von Hornissennestern bitten. Kürzlich sei er bei einer Waldsassenerin gewesen. Dort habe er leider nichts ausrichten können, weil das Nest zu groß war. Solche Nester müssten leider aufgegeben werden. Das sei manchmal notwendig, weil die Hornissen gefährlich seien. Wenn auch der Volksmund natürlich übertreibe mit der Behauptung "sieben Hornissen können ein Pferd töten", weiß Ernst. Er werde regelmäßig gestochen.

"Aber das macht nichts. Damit werde ich resistent gegen den Giftstoff." In Schatzbergers Rollo-Kasten findet der Insektenexperte sehr "brave" Hornissen. So brav, dass er bei seiner Rettungsaktion mitunter die Handschuhe weglässt. Alles beginnt mit dem Aufbau des Equipments. Das Werkzeug ist simpel, erfüllt aber tierschonend seinen Zweck: Ernst hat dafür vor vielen Jahren einen Lehrgang in einer Umwelt- und Naturakademie in Lauf absolviert.

Er benutzt einen normalen Haushaltsstaubsauger, der umgebaut ist. Zwischen Staubsaugerbeutel und Schlauch steckt ein Dachrinnenrohr, das vorne mit einem Gitter und am Ende mit einer Klappe versehen ist. Wenn auch die Hornissen seine besten Freunde sind, zieht der Mann, der sein ganzes Leben schon mit stechenden Insekten verbringt, seinen weißen Schutzanzug über. Man müsse es nicht herausfordern, gestochen zu werden. Ernst warnt gleich all jene, die selbst Hand anlegen wollen. "Das ist gefährlich. Ruft lieber im Landratsamt an. Wir kommen!"

Der Münchenreuther öffnet den Rollo-Kasten und leuchtet mit der Handylampe die finstere Luke aus. "Da sind sie", ruft er erleichtert. Froh deshalb, weil nur etwa 50 Insekten am Bauen sind. "Wenn das Nest zu groß ist, kann ich nichts ausrichten." Jetzt umschwärmen ihn die ersten Hornissen. Mit der Zeit werden sie aggressiver und fliegen direkt vor die Nase ihres Retters. Der Experte arbeitet gelassen weiter, saugt die Tiere in das Behältnis. Nach einer Weile legt er sein Arbeitsgerät weg und zeigt auf ein Sichtfenster im Rohr, wo aufgeregtes Krabbeln herrscht. Schatzberger schaut interessiert zu. Sie möchte alles wissen über Hornissen. Ernst gibt Auskunft, während er - nun mit Handschuhen - das Nest aus dem schmalen Fensterschlitz zieht. Hornissen, sagt er, gebe es seit 500 000 Jahren. "Und uns erst 20 000 Jahren." Sie seien sehr nützlich, da sie Ungeziefer fressen. Dieses Nest bekomme ein Bekannter.


Wo ist die Königin?

Jetzt aber ist Konzentration erforderlich. Vorsichtig löst der Fachmann die zerbrechlichen Waben heraus und hält wenig später das Nest in Händen. Wo ist die Königin? "Ohne sie kann das Volk nicht weiterleben." Während er "Madame" sucht, nehmen andere Hornisse auf seiner wieder ungeschützten Hand Platz. Die Tiere sind sehr friedlich. Fast scheint es, als würden sie Josef, den Hornissen-Flüsterer, als ihren Retter akzeptieren. Der Insektenfachmann hängt das Nest in eine Holzkiste.

Ein weiteres Mal wird der Schlitz ausgeleuchtet. "Heute bin ich Hans im Glück", ruft Ernst und hält die Hornissenkönigin in Händen. Er hat sie aber nicht angefasst. Der Fachmann hält sie in einem kleinen Behältnis gefangen. Das gefällt ihr nicht. Wenig später ist "Madame" wieder beruhigt. Sie darf zu ihrem Volk in die Holzkiste. Die Rettung ist erfolgreich abgeschlossen.

"Wir können Leute brauchen. Wer Lust auf den Job als Insektenberater hat, kann sich am Landratsamt melden", wirbt Ernst. Geld gibt's dafür allerdings nur als Unkostenbeitrag. Aber ihm geht es nicht ums Geld. Er will seinen Beitrag dazu leisten, dass Insekten nicht ausgerottet werden. "Die hier kriegen Asyl in Münchenreuth", witzelt er, bevor er Schatzbergers Hornissenvolk später in die Freiheit entlässt. Hintergrund

Hintergrund:

Landkreis: Vier Hornissen-Berater

Folgende Hornissen-Berater stehen für eine Beratung zur Verfügung: Hubert Wolf aus Bärnau (Telefon 09635/1833), Wolfgang Haberzeth aus Kemnath (09642/914362), Josef Ernst aus Münchenreuth (09632/1091 oder 0171/4167351) und Karl-Heinz Böhm aus Kemnath (09642/8607). Außerdem hilft auch die Untere Naturschutzbehörde (09631/88337) weiter.

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