20.04.2020 - 12:19 Uhr
Muschenried bei WinklarnOberpfalz

Das Leid der KZ-Häftlinge ist nicht vergessen

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Eine Route der Flossenbürger Häftlingsmärsche führt im April 1945 auch über Muschenried. 333 Opfer werden dort in einem Heidegelände am Ortsrand beigesetzt. Zeitzeugen erinnern sich an dramatische Ereignisse.

Bürgermeisterin Sonja Meier legte zum Gedenken an den Todesmarsch vor 75 Jahren eine Blumenschale an der Erinnerungsstätte nieder. Im Hintergrund Zweite Bürgermeisterin Maria Baumer und Christa Bücherl, die seit 40 Jahren diese Gedenkstätte pflegt.
von Georg LangProfil

„Wir hörten ein Geschrei von vielen Menschen, es war ganz weit weg, aber es kam immer näher. Man merkte, dass es aus der Richtung von Winklarn kam und wir rannten zum Kreuzberg und versteckten uns im Gebüsch. Da kam ein schier endloser Zug von Menschen, die jammerten und schrien, und dann knallten immer wieder Schüsse. Wir wussten nicht, was das für Leute waren. Als sie näher kamen, sah man, dass es ganz erbärmliche, abgemagerte Gestalten waren.“

Nachtlager im Sumpfgelände

In diesen Worten beschreibt Maria Ebner (geboren 1937) ihr Kindheitserlebnis vom Todesmarsch vor 75 Jahren. Zusammen mit ihrem Bruder Hans Schwendner (Jahrgang 1939) beobachtete sie am späten Nachmittag des 21. April 1945 aus einem Schlehengehölz am elterlichen Krapflhof, wie sich der Häftlingszug dem „Schleizbach“ (offiziell Schleifbach) näherte, wo den Flossenbürger KZ-Häftlingen in einem sumpfigen Gelände ihr Nachtlager zugewiesen wurde.

Die Beobachtungen der beiden Zeitzeugen decken sich mit dem, was der belgische Häftling Henk Verheyen (1925 bis 2019) über den Todesmarsch niederschrieb: „Wir wurden auf eine Weide getrieben, die unter Wasser stand. Dieser Sumpf lag nahe dem Dörfchen Muschenried. Hagel und feiner Schnee waren gefallen. Unsere Füße sanken tief in den sumpfigen Boden.“

In unmittelbarer Nachbarschaft zum Krapflhof lagerten vor 75 Jahren die Häftlinge am Schleifbach (Schleizbach). Zeitzeuge Hans Schwendner erklärt, wie sich nach der Flurbereinigung die Landschaftsverhältnisse verändert haben.

In diesem Feuchtgelände am Schleifbach starben in dieser nasskalten Aprilnacht viele der völlig ermatteten Häftlinge an den Strapazen des Marsches, an Erschöpfung oder an Krankheiten. Mehrere Muschenrieder Bürger hörten in der Nacht Schüsse oder wurden anderntags Zeugen, wie die SS-Bewacher Häftlinge erschossen oder erschlugen, als sich am Kirchweihsonntag der Zug in Vierer- oder Sechserreihen durch das Dorf in Richtung Ostmarkstraße bewegte. Das Leid der Menschen, denen man nicht helfen durfte, war für viele Muschenrieder ein traumatisches Erlebnis, das sie ihr Leben lang nicht mehr los wurden.

Soldaten treten martialisch auf

Der 80-jährige Hans Schwendner vom Krapflhof erinnert sich, wie in der Samstagnacht vom 21. auf den 22. April 1945 zwei SS-Soldaten an die Haustüre des elterlichen Einödhofs polterten und von der Mutter eine „Pfanne mit eingeschlagenen Eiern“ verlangten. Der martialische Auftritt der „zwei Hünen mit riesigen schwarzen Stiefeln“ in der Bauernstube hat sich beim damals Sechsjährigen eingeprägt.

Als die Familie Schwendner Bedauern mit den bemitleidenswerten Menschen unten am Schleifbach äußerte, schrie einer der SS-Bewacher: „Das sind Verbrecher! Das sind Bestien!“ Als Tante Babett anderntags in der Früh zur Kirchweihmesse nach Muschenried ging, nahm sie einen Umweg, schaute aber von der Höhe aus auf die Gefangenen am Schleifbach, wobei ihr die Bewacher wild fuchtelnd zuschrien, sie solle weitergehen.

Pfarrer geht US-Truppen entgegen

Einem jüdischen und einem polnischen Häftling gelang die Flucht über das mäandernde Gewässer in Richtung Wald. Dort fand sie der Krapflhof-Bauer völlig ermattet. Er versorgte sie heimlich mit Essen, bis die US-Armee Einzug hielt, die mit weißen Betttüchern als Friedensbekundung der Bevölkerung empfangen wurde. Auch der Ortspfarrer ging den einrückenden Siegern mit einer weißen Fahne entgegen. Angesichts der nicht zu verheimlichenden Opferzahl an Häftlingsleichen befürchtete man Strafaktionen der Amerikaner, wie sie beispielsweise in Neunburg vorgenommen wurden.

Vor 25 Jahren, am 21. April 1995, fand in Muschenried eine Gedenkfeier statt, bei der sich der damalige Vorsitzende der "Arbeitsgemeinschaft ehemaliges KZ Flossenbürg", Hans Simon-Pelanda (rechts) und der ehemalige KZ-Häftling Henk Verheyen (Zweiter von rechts) mit der einheimischen Bevölkerung austauschten.

Für die zwei geflohenen Häftlinge am Krapflhof begann jetzt eine gute Zeit. Sie bekamen bis zur Rückführung in ihre Heimat Familienanschluss, wobei die Familie Schwendner auch profitierte, denn der jüdische Häftling war ein exzellenter Schneider und verpasste einigen Familienmitgliedern eine unerwartet schicke Konfektion.

Das verbrecherische Ausmaß des Todesmarsches wurde in der Folgezeit in der hohen Zahl an Leichen entlang des Marschwegs offenkundig. Viele waren nur notdürftig verscharrt oder lagen im Straßengraben. 113 Tote wurden bereits 1945 am Lettenhügel von Muschenried begraben. Im Jahr 1950 kamen noch 220 Leichen hinzu, die bis dahin entweder in Ortsfriedhöfen des Umkreises oder im Gelände entlang der Marschroute Moosbach-Tröbes-Pullenried beigesetzt waren. Die offizielle Einweihung des KZ-Friedhofs Muschenried wurde im November 1950 in Anwesenheit von Staatssekretär Dieter Sattler und weiterer Ehrengäste vorgenommen. 1957/1958 erfolgte die endgültige Umbettung der 333 Leichen in die Ehrenanlage der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg.

Eine Granitplatte erinnert in der Muschenrieder Gedenkstätte an die 333 Opfer des Todesmarsches. Manfred Bücherl hat zum aktuellen Gedenken die verwitterten Schriftzüge aufgefrischt.
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