28.06.2019 - 14:08 Uhr
Deutschland und die WeltOberpfalz

"Neapel sehen und sterben"

Wer Neapel einmal gesehen hat, hat das Paradies auf Erden kennengelernt, betont ein Freund, als ich ihn in seiner Heimatstadt besuche und zählt auf: Sonne, Meer, Pizza. Aber die Stadt im Süden Italiens hat noch viel mehr zu bieten.

Neapel liegt am Fuße des Vesuv und auf einem der aktivsten vulkanischen Gebiete weltweit.
von Wolfgang Fuchs Kontakt Profil

Kaffee muss süß sein wie das Leben, schwärmt der Barista und zwinkert mir zu. Nein, das Leben ist bitter und deshalb muss der Kaffee auch bitter sein, widerspricht ein Mann mit fein gezwirbeltem Schnauzbart philosophisch. So ein Unsinn, empört sich eine Frau: Kaffee müsse süß sein. Schließlich sei das Leben schon bitter genug.

Demonstrativ lasse ich Zucker auf meinen Espresso rieseln. Eines ist sicher, betont der Mann hinter der Bar mit erhobenem Zeigefinger: "Den einzig wahren 'Caffè' gibt es nur hier in Neapel." Endlich zu Hause, denke ich glücklich und verabschiede mich von meinen neuen Freunden. Zwei Wochen Urlaub liegen vor mir.

Neapel, Stadt der Widersprüche

Neapel ist eine Stadt der Widersprüche. Einerseits gilt sie als Hauptstadt des sogenannten Mezzogiorno, des armen italienischen Südens. Trotzdem gelingt es den Menschen, ihrem Leben sonnige Süße zu verleihen. "Palla! Palla!", höre ich ein paar Buben rufen, bevor ein Fußball nur knapp meinen Kopf verfehlt. Er prallt von einer Statue ab und landet zwischen den Füßen mehrerer Touristen, die vor "Pio Monte di Misericordia" Schlange stehen, um Caravaggios "Sieben Werke der Barmherzigkeit" zu bestaunen.

Großartige Malerei und Kunst finden sich in Neapel an jeder Ecke: in Kirchen ebenso wie in der Pinakothek, dem archäologischen Nationalmuseum oder an Hauswänden, wie die "Madonna mit der Pistole" von Graffiti-Künstler "Banksy".

Gegenwart und Vergangenheit

Ich setze mich auf eine Bank zu einer Gruppe älterer Herren. "Neapel ist noch viel mehr", sagt einer von ihnen und legt seine Zeitung beiseite. Wie in Rom hätten hier viele verschiedene Kulturen ihre Spuren hinterlassen, seit die Griechen im fünften vorchristlichen Jahrhundert die Siedlung "Neapolis" gründeten: Römer, Goten, Langobarden, Franzosen, Spanier – um nur einige Beispiele zu nennen.

Diese Spuren hätten in Neapel jedoch keinen musealen Charakter, sie seien nicht abgetrennt vom alltäglichen Fluss des Lebens. Gegenwart und Vergangenheit bildeten ein großes Ganzes. "Schau", sagt er und deutet mit dem Finger auf die Buben, die mittlerweile auf der Statue herumklettern und mit ihrem Ball lachend nach Touristen werfen. "Das ist der Flußgott Nil", erklärt der Herr - eine Statue aus dem ersten Jahrhundert. "Siehst du? Kein Zaun, keine Absperrung."

Reichtum auf Boden aus Lava

In diesem historischen, kulturellen und künstlerischen Reichtum möchte ich baden. Auf Boden aus Lava-Gestein schlendere ich durch die zentrale Altstadtgasse Spaccanapoli, vorbei an Pizzabäckern, Eisverkäufern und einer Gruppe Straßenmusiker bis zur Gasse Via San Gregorio Armeno. Hier betreiben die berühmten Krippenmacher von Neapel ihre Werkstätten. Neben Heiligenfiguren wie Josef, Maria oder Diego Armando Maradona verkaufen sie Figuren, die den neapolitanischen Alltag darstellen, etwa einen Spaghetti essenden Familienvater. Ich kaufe eine kleine, rote Holzpeperoni, die ich mir an den Schlüsselbund hänge. Sie soll mich schützen vor bösen Blicken.

Abergläubiges Neapel: Wer diese Holzpeperoni bei sich trägt, ist vor dem bösen Blick geschützt.

Damit fühle ich mich gewappnet und bereit, hinter die Fassaden zu gucken. Nur so kann man einen Ort wie Neapel wirklich kennenlernen, denke ich. Ich möchte mich treiben lassen und das Leben in Innenhöfen und kleinen Gassen, auf Terrassen und abgelegenen Plätzen in mich aufsaugen. Und ans Meer will ich natürlich auch. Die Inseln Capri, Ischia und Procida stehen ebenso auf meiner Liste wie die antiken Ausgrabungsstätten Herkulaneum und Pompeij.

Ich gehe weiter zur Seilbahn, der "Funicolare", und fahre damit auf den Vomero-Hügel. In der Abendsonne lasse ich meinen Blick über Stadt, Küste und Meer schweifen. "Der Vesuv schläft", heißt es. Ehrfürchtig betrachte ich diesen Vulkan. Eines Tages wird er aus seinem Schlaf erwachen.

Ein typisch buntes Bild, das sich in vielen italienischen Großstädten bietet: Gespannte Wäscheleinen zwischen den oft eng aneinanderliegenden Häusern.
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