28.05.2019 - 12:00 Uhr
Bad NeualbenreuthOberpfalz

Als Heilbad der Zukunft punkten

Bisher gibt es in Bayern 20 Heilbäder. Neualbenreuth/Sibyllenbad will das 21. werden. Der Weg dorthin hält aber einige Hürden bereit.

von Martin Maier Kontakt Profil

Seit Monaten weist Bürgermeister Klaus Meyer bei öffentlichen Terminen auf Mittwoch, 5. Juni, hin. An diesem Tag schaut sich eine Kommission in der Gemeinde um. Diese entscheidet mit über die Anerkennung von Neualbenreuth als Heilbad. "Das ist ein entscheidender Tag. Hier müssen wir uns von unserer besten Seite zeigen", appelliert der Rathauschef immer wieder an die Bürger.

Neualbenreuth verfolgt schon länger das Ziel, das Prädikat "Heilbad" zu erreichen. Vertraut mit den ganzen Vorgängen sind vor allem Bürgermeister Klaus Meyer, die Leiterin der Gäste-Information, Uschi Stingl, und Altbürgermeister Albert Köstler. Bei einem Gespräch mit dem "Neuen Tag" erinnern sie daran, dass die Marktgemeinde seit Ende 1997 staatlich anerkannter Erholungsort ist. Zur gleichen Zeit erhielt das Kurmittelhaus das Prädikat "anerkannter Heilquellenkurbetrieb".

In dieses Jahr fiel auch die Einweihung des Badetempels. Schon damals gab Köstler den nächsten Schritt aus: "Jetzt am Heilbad-Flair feilen", wurde der damalige Rathauschef im "Neuen Tag" zitiert. Und auch der damalige Bezirkstagspräsident Hans Bradl wertete diesen Tag "als wichtigen Schritt zur Anerkennung von Sibyllenbad als Heilbad".

Fehlende Reha-Klinik

Eine schier unüberwindbare Hürde zur Erlangung des Prädikats "Heilbad" war aber die fehlende Reha-Klinik. Mit der nordrhein-westfälischen Unternehmensgruppe Fuest standen der Zweckverband Sibyllenbad und die Gemeinde laut Köstler in aussichtsreichen Verhandlungen. "Sie wollten eine Kurklinik mit 200 Betten bauen. Die Pläne waren unterschriftsreif."

Dann sei es aber Ende der 1990er nach einer Gesundheitsreform zu einem großen Einschnitt bei der Verschreibung von Kuren gekommen. Das Projekt scheiterte. Der Heilbad-Status lag somit erstmal auf Eis.

Im April 2011 reichte Neualbenreuth trotzdem den Antrag ein. Allerdings teilte das Bayerische Innenministerium kurz danach mit, dass es den Antrag zurückstellt. Hauptgrund war die weiterhin fehlende stationäre Kureinrichtung. "Das haben wir natürlich gewusst. Aber es gab Informationen, dass diese Anerkennungsvoraussetzung bald wegfallen könnte", erklärt Uschi Stingl.

Letztendlich dauerte es über sechs Jahre. Erst im November 2017 wurde die neue Anerkennungsverordnung beim Bayerischen Heilbädertag in Weißenstadt vorgestellt. Es fielen aber nicht nur Bestimmungen weg, sondern es gab an anderen Stellen auch Erweiterungen. Beispielsweise ist seither ein Qualitätsmanagement vorgeschrieben. "Das können wir vorweisen. Da waren wir Vorreiter", freut sich die Leiterin der Gästeinformation.

Im Mai 2018 teilte Neualbenreuth schließlich dem Innenministerium mit, dass man den Antrag zur Prädikatisierung zu Ende bringen wolle. Davor habe es immer wieder Gespräche mit Vertretern des Innen-, Wirtschafts- und Gesundheitsministeriums in München sowie der Regierung der Oberpfalz gegeben.

Hintergrund:

Heilbad-Status: die Voraussetzungen

Laut dem Bayerischen Innenministerium sind Heilbäder Kurorte, „die Kuren auf der Grundlage eines natürlichen, wissenschaftlich anerkannten Heilmittels des Bodens (beispielsweise Heilwasser) anbieten und über klimatische und lufthygienische Verhältnisse verfügen, die die Gesundungs- und Erholungsmöglichkeiten unterstützen“.

Als geschütztes Prädikat dürfen in Deutschland nur staatlich anerkannte Heilbäder den Beinamen Bad erhalten. Maßgeblich ist das Votum des Fachausschusses für Kurorte, Erholungsorte und Heilbrunnen. In dem Gremium sind unabhängige Fachleute. Die Entscheidung des Fachausschusses stützt sich unter anderem auf das Ergebnis einer Ortsbesichtigung durch eine Kommission des Fachausschusses. Folgende Anerkennungsvoraussetzungen sind zu erfüllen:

1. Natürliche Heilmittel des Bodens in ausreichender Menge: zwei staatlich anerkannte Heilquellen.

2. Gutachten: Analyse des Bioklimas und ein Luftgutachten.

3. Medizinisch-balneologische Beurteilung der angewendeten Heilmittel.

4. Kur auf der Grundlage von Heilwässern muss ein Schwerpunkt des Fremdenverkehrsangebotes sein.

5. Artgemäße Kureinrichtungen: unter anderem Kurmittelhaus, Einrichtungen der Bewegungstherapie, geeignetes Qualitätsmanagement-System, ausgedehnte Park- und Waldanlage mit gekennzeichnetem Wegenetz sowie ein Kurpark in angemessener Größe und Ausstattung.

6. Kurortcharakter und Ortshygiene: Laut Merkblatt des Bayerischen Innenministeriums muss „ein Heilbad ein entsprechendes ‚Flair‘ zeigen“. Dazu zählt das Ortsbild. „Den Ortscharakter prägen aber auch die Einrichtungen zur medizinischen Versorgung und therapeutischen Betreuung der Gäste, kurgemäße Unterkunft, Verpflegung sowie das Freizeit- und Erholungsangebot.“ Wichtig seien zudem einwandfreie ortshygienische Verhältnisse (Trinkwasserversorgung, Abwasserbehandlung, Altlastensituation), die Verkehrssituation und die sonstigen Umweltbedingungen.

Falls man das Prädikat erhalten hat, kommt es alle zehn Jahre zu einer Reprädikatisierung. Dabei wird überprüft, ob die Voraussetzungen der ursprünglichen Anerkennung weiterhin gegeben sind. Verbunden ist dies mit einer Ortsbesichtigung der Kommission. (rti)

Harten Kriterien erfüllt

"Die Bezeichnung Heilbad ist die höchste Anerkennung, die ein touristischer Ort erhalten kann. Daher sind auch die Kriterien dafür sehr hoch", weiß Meyer. Und er ist sich sicher: "Die sogenannten harten Kriterien erfüllen wir." Daran arbeite die Kommune schon seit Jahrzehnten. Viele Dinge seien auch die Basis gewesen, um touristisch voranzukommen. Der Kern sei dabei schon immer das Heilquellen-Schutzgebiet. Eine Rolle spielen auch der Bademantelgang vom Hotel Pyramide und Appartement-Hotel. Die beiden Häuser würden die "gehobene Übernachtungsmöglichkeit" im Kurgebiet sichern.

Die Erfüllung der harten Fakten ist die eine Seite, die andere sind die sogenannten weichen Kriterien. Dazu zählt, dass ein Heilbad ein "entsprechendes Flair" haben muss. Dieser Begriff lässt einiges an Interpretationsspielraum. "Natürlich können wir uns nicht mit großen, historisch gewachsenen Heilbädern vergleichen", erklärt der Rathauschef. Shopping-Angebote gebe es in der Gemeinde kaum. Aber dafür könnten die Gäste in die benachbarten Städte fahren. "Schließlich sind wir das Kurbad des Stiftlands. Die Kommunen arbeiten zusammen", verweist Meyer auf den Zweckverband Sibyllenbad und die Ikom Stiftland. Das geforderte "Kurort-Flair" wolle er auf die gesamte Region übertragen. "Das ist nicht nur auf Neualbenreuth beschränkt."

Infobox:

Herzkammern des Sibyllenbads: Katharinen- und Sibyllenquelle

In Neualbenreuth wurden fünf Brunnen erbohrt: die radonhaltige Katharinenquelle mit zwei Brunnen und die kohlensäuremineralhaltige Sibyllenquelle mit drei Brunnen. „Das seltene Edelgas Radon ist eines der wirksamsten Heilmittel der Bäderkunde. In der notwendigen Regelmäßigkeit angewandt, reaktiviert es die körpereigenen Selbstheilungskräfte, fördert die Durchblutung, wirkt schmerzlindernd, hemmt Entzündungen und stärkt das Immunsystem“, schreibt das Kurmittelhaus auf seiner Homepage. Radonbäder werden im Sibyllenbad in einer Serie ab sechs Einzelbädern abgegeben.

Das Heilwasser aus der Sibyllenquelle reguliere auf natürliche Weise den Kreislauf, wirke ausgleichend auf den Blutdruck, fördere die Durchblutung der Gefäße, stärke das Herz und wirke physischer und psychischer Belastung entgegen. Das kohlensäuremineralhaltige Heilwasser wird unter anderem den Becken der Heilwasser-Badelandschaft beigemischt. Zudem wird es in Einzelbädern abgegeben und Gäste können sich im Kurmittelhaus an einem Trinkbrunnen bedienen. (rti)

Neue Krankheitsbilder

Bei seiner Argumentation streicht der Bürgermeister die naturnahe Erholung heraus. "Davon schwärmen unsere Gäste." Auch würden die Besucher immer wieder den guten Kontakt zur Bevölkerung lobend erwähnen. Und dann nennt er noch ein großes Pfund, mit dem der Markt wuchern könne: "Sibyllenbad, Gäste-Info, Gemeinde und Fremdenverkehrsverein treten gemeinsam auf." Dies würde auch nach außen einiges ermöglichen. Mit diesen Schlagworten wolle er der Kommission das "Kurort-Flair" vermitteln.

Stingl spricht in diesem Zusammenhang vom "Kurort der Zukunft". Denn Sibyllenbad und Gemeinde würden ein gesundheitliches Umfeld für die Krankheitsbilder unserer Zeit aufweisen. Als Beispiel nennt sie die Burnout-Prophylaxe.

"Unser Konzept ist stimmig. Ich bin mir sicher, dass wir den Titel bekommen", strahlt Meyer Selbstbewusstsein aus. Wenn er auch einschränkt, dass es kein Beinbruch wäre, wenn es nicht klappen würde. Die Kommission wird am Mittwoch, 5. Juni, gegen 11 Uhr in Neualbenreuth erwartet. Nach einer etwas längeren Begrüßung ist eine Rundfahrt durch die Kommune geplant. Zum Abschluss geht es in den Kurpark und das Sibyllenbad.

"Oscar für gute Arbeit"

Die Verantwortlichen rechnen damit, dass die Kommission insgesamt fünf Stunden vor Ort sein wird. "An diesem Tag ist Überzeugungsarbeit zu leisten", weiß Stingl. Dass die Bewerbung auch mit Kosten verbunden ist, gibt der Rathauschef zu: "So ehrlich muss man schon sein." Dabei nennt er unter anderem die verschiedenen Gutachten.

Und was würde das Prädikat "Heilbad" bringen? "Die Auszeichnung wäre eine Art Oscar für die gute Arbeit, die alle in den vergangenen Jahrzehnten geleistet haben", antwortet der Bürgermeister spontan. Sichtbar werde das dann durch das Tragen des Zusatzes "Bad" im Ortsnamen.

Sein Vorgänger Albert Köstler sieht darin eine Aufwertung für die ganze Region und ein Zeichen nach außen. "Wir werden damit den Ansprüchen unserer Kurgäste gerecht. Wir zeigen, dass wir uns weiterentwickeln", ergänzt Meyer. Zudem erwarte man sich eine Steigerung der Übernachtungszahlen.

Ende des Jahres rechnen die Verantwortlichen mit der Bekanntgabe der Entscheidung durch den Innenminister. Das Votum fällt der Fachausschuss für Kurorte, Erholungsorte und Heilbrunnen. "Vielleicht haben wir dann ein schönes Weihnachtsgeschenk", hofft Meyer auf eine positive Nachricht.

Im Blickpunkt:

Mitglieder der Kommission

„‚Heilbad‘ ist das deutschlandweit höchste Prädikat und ein Alleinstellungsmerkmal. Es zeugt von Qualität“, hebt Veronika Perschl, stellvertretende Geschäftsführerin des Tourismusverbands Ostbayern, hervor. Grundsätzlich würde diese Auszeichnung eine Aufwertung für gesamte Region bedeuten und sei auch bei der Werbung ein positiver Faktor.

Bisher gibt es in der Oberpfalz nur ein Heilbad: Bad Kötzting ist seit 2005 staatlich anerkanntes Kneipp-Heilbad. In Bayern sind 20 Heilbäder, 5 Kneipp-Heilbäder, 3 Kneipp-Kurorte, ein Schroth-Heilbad, 13 heilklimatische Kurorte, 81 Luftkurorte und 235 Erholungsorte registriert.

Perschl ist selber Mitglied der Kommission, die am Mittwoch, 5. Juni, in Neualbenreuth auf Stippvisite ist. An diesem Tag gehe es darum zu zeigen, dass der Tourismus im Ort eine große Bedeutung hat. Über die Chancen von Neualbenreuth, das Prädikat zu erhalten, könne sie natürlich keine Auskunft geben.

In der Kommission sitzen Vertreter von folgenden Institutionen: Lehrstuhl für Public Health und Versorgungsforschung (Fachbereich Medizinische Klimatologie/Versorgungsforschung Kurortmedizin) der Ludwig-Maximilians-Universität München, Institut Wasserchemie und Chemische Balneologie der Technischen Universität München, Landesärztekammer, Deutscher Wetterdienst, Bayern Tourismus Marketing GmbH, Tourismusverbände Oberbayern, Allgäu, Ostbayern und Franken, Deutscher Hotel- und Gaststättenverband, Bayerischer Heilbäderverband, Deutsche Rentenversicherung, Bayerischer Städtetag, Bayerischer Gemeindetag, Bayerisches Innen-, Wirtschafts- und Gesundheitsministerium. (rti)

Nachgefragt:

Schub für das Kurmittelhaus

Sibyllenbad-Werkleiter Gerhard Geiger sieht in dem Bäder-Status die Möglichkeit, noch mehr Aufmerksamkeit in Bayern für das Kurmittelhaus zu gewinnen. „Das würde noch einmal einen Schub geben. Das geht durch die Medien“, ist er sich sicher.

Geiger verweist darauf, dass seine Einrichtung im Freistaat 2008 Vorreiter mit der Einführung eines Qualitätsmanagements war. Dies ist seit Ende 2017 eine Anerkennungsvoraussetzung, um das Prädikat „Heilbad“ zu erhalten. Im Mittelpunkt des Sibyllenbads würden natürlich die Heilmittel Kohlensäure und Radon stehen. Wichtig ist Geiger aber auch, Gesundheitsthemen der Zukunft aufzugreifen. Dabei nennt er die Burnout-Prophylaxe. Ein Beispiel dafür sei das sogenannte Waldbaden, ein Trend aus Japan (Shinrin Yoku). Menschen sollen im Wald abschalten, entschleunigen, sich von dem Stress lösen.

Die Einbettung in das Stiftland sei bei dem Antrag auf das Prädikat entscheidend. Außerdem könne man mit dem Baxi ein hervorragendes Mobilitätskonzept vorweisen. Es müsse allen klar sein, dass „wir anders sind als die meisten Heilbäder. Wir sind ländlich geprägt.“ Von einem Kurort habe jeder Gast ein besonderes Bild. Und auch Neualbenreuth könne mit einem eigenen Profil aufwarten. Mit Blick auf die Bewerbung ist der Werkleiter „guter Dinge“. Gemeinde und Kurmittelhaus hätten ihre Hausaufgaben gemacht. „Wir alle fiebern dem 5. Juni entgegen.“ (rti)

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