26.04.2019 - 13:05 Uhr
NeualbenreuthOberpfalz

Sibyllenbad: Von Keimzelle zum Kurbad

Die Skepsis war greifbar, als das Badehaus Maiersreuth vor 30 Jahren den Probebetrieb aufnahm. Schließlich hatte der erste Anlauf zum Sibyllenbad in einer riesigen Pleite geendet. Doch der zweite Versuch führte zum Erfolg.

von Michaela Kraus Kontakt Profil

Das weiß kaum eine besser als Jutta Hoffmann. Als Frau der ersten Stunde hat sie das Sibyllenbad von 1989 an begleitet, zunächst als Betriebsleiterin des Badehauses in Maiersreuth und seit 1996 im neu eröffneten Kurmittelhaus als Bereichsleiterin Service, Personal und Gästeberatung. "Wir waren voller Tatendrang und für alles offen", blickt die 57-jährige Waldsassenerin auf spannende Anfangszeiten zurück. "Dass es einmal so ein schönes, großes Bad wird, konnte sich vor 30 Jahren keiner vorstellen." Viele Einwohner hegten angesichts der Bauruinen des ersten Projekts nicht besonders viel Zuversicht.

Wertvolle Radonquelle

"Unser Kapital war die wertvolle Radonquelle", erinnert sich Hoffmann. Dazu kam die kohlensäurehaltige Sibyllenquelle. "Radon-Heilwasser ist sehr selten", weiß die medizinisch schon immer interessierte Betriebsleiterin der Pionierjahre genau Bescheid über die Strahlung und die wissenschaftlich erforschte Heilwirkung des schnell flüchtigen Edelgases auf Entzündungsprozesse im Körper.

Der 1980 gegründete Zweckverband Sibyllenbad erwarb das leerstehende Schulhaus in Maiersreuth, um in einem nicht allzu teuren Pilotprojekt zu erkunden, ob ein Kurmittelhaus in der nördlichen Oberpfalz erfolgversprechend ist. "Ein Hauptziel war auch, Arbeitsplätze in ein strukturschwaches Gebiet zu bringen", sagt Jutta Hoffmann.

Kleines, aber feines Haus

In den Umbau des Schulhauses und den Anbau mit einem 60 Quadratmeter großen Bewegungsbecken steckten die Verbandsmitglieder rund 7 Millionen DM. Neben dem Bezirk Oberpfalz, mit 70 Prozent Hauptgeldgeber des Sibyllenbads, gehören dem Zusammenschluss bis heute der Landkreis Tirschenreuth (15 Prozent), die Städte Tirschenreuth, Mitterteich und Waldsassen (4 Prozent) sowie die Marktgemeinde Neualbenreuth (3 Prozent) an. Am 28. April 1989 war Eröffnung in Maiersreuth. "Unser Haus war klein, aber fein", erinnert sich Jutta Hoffmann an die familiäre Atmosphäre, die bald auch viele Badegäste zu schätzen wussten.

Sechs Hauptakteure hielten das Pilotprojekt in Maiersreuth am Laufen: Neben der gelernten Arzthelferin Jutta Hoffmann, die sich zur Verwaltungsfachwirtin weiterbildete, war Physiotherapeut Siegfried Wagner aus Waldershof am Start. Für die Technik war Ferdinand Planner verantwortlich. Dazu kamen die Badehelferinnen Elli Lang und Margarete Schmaus. Und als künftiger Badearzt legte sich der in Neualbenreuth niedergelassene Mediziner Professor Dr. Dr. Wolfgang Grunewald kräftig ins Zeug. "Das war schon eine Herausforderung, den Betrieb aus dem Nichts heraus zu organisieren", blickt die damalige Leiterin zurück. "Ich hatte ein riesige Palette an Aufgaben vom Kassieren der Eintrittsgelder bis zum Dienstplan-Schreiben."

Wobei es in den ersten Monaten kaum personelle Verfügungsmasse gab: "Es gab Zeiten, da haben wir vier Wochen durchgearbeitet." An den Wochenenden etwa war Jutta Hoffmann oft "mutterseelenallein", wenn sie Badeaufsicht hatte. Da musste sie zunächst in den Keller, um die Filterrückspülung in Gang zu setzen und legte erst mal nach einem genauen Plan Hebel in gewisser Reihenfolge um, bevor die ersten Gäste kamen.

Einkaufen mit Inge Aures

"Wir mussten viel improvisieren", hat Jutta Hoffmann auch ein paar Anekdoten parat. Zum Beispiel die, dass zum Beginn des Probebetriebs die bestellten Reinigungsmittel noch nicht geliefert waren. "Da haben meine Helferinnen einfach Schrubber und Putzmittel von zu Hause geholt." Die Trennvorhänge zwischen den Kabinen für die Behandlung besorgte die Badehausleiterin kurzerhand in einem Waldsassener Fachgeschäft, begleitet von der Architektin Inge Aures: Die heutige SPD-Landtagsabgeordnete war damals Projektleiterin der Kulmbacher Firma, die den Maiersreuther Anbau mit dem Bezirk Oberpfalz plante.

Wie Heringe im Wasser

Der Badebetrieb lief von Anfang an hervorragend. "Personell ging das nicht lange. Unser Physiotherapeut war auf Monate ausgebucht, so dass wir SOS nach Regensburg schickten." Vier weitere Kräfte kamen innerhalb kurzer Zeit dazu, um den Andrang zu bewältigen, ebenso Badehelferinnen und Halbtagskräfte für die Verwaltung. "Das hat sich galoppierend positiv entwickelt. Die Badehalle war voll, oft standen die Leute wie die Heringe im Wasser. Wir platzten aus allen Nähten. Das Pilotprojekt hat seinen Zweck erfüllt", zieht Jutta Hoffmann Bilanz.

Auch in der Bevölkerung legte sich die Skepsis. Das Badehaus war bestens frequentiert, die Besucherzahlen entwickelten sich von 29 000 in der Anfangszeit auf 63 295 Gäste im Jahr 1994. Der Bau des Kurmittelhauses konnte beginnen.

Heute 86 Arbeitsplätze

Heute arbeiten im Sibyllenbad 86 Menschen, was 56 Vollzeitstellen entspricht. "Eine tolle Chance für die Region", fasst Hoffmann die Entwicklung zusammen, die sie noch ein gutes Stück begleiten will. Im Januar hat sie vom Zweckverband eine Urkunde zum 30. Dienstjubiläum bekommen. So lange es gesundheitlich geht, möchte die 57-Jährige weitermachen: "Meine Arbeit macht mir Spaß. Mal ist es schön, mal stressig, jeder Tag wie eine Wundertüte."

Seit 1996 ist ihr Arbeitsplatz im Kurmittelhaus. Doch ihr Herz hängt schon noch am alten Badehaus, das seit vielen Jahren ungenutzt ist. Jetzt soll der Bau durch ein gefördertes Künstlerprojekt wieder mit Leben gefüllt werden. Beim Tag der offenen Tür im Sommer 2018 reihte sich auch Jutta Hoffmann neugierig ein: "Da ist noch alles, wie es war - wie ein Dornröschenschloss. Das Gefühl war wunderbar, so als ob man sein Kind nach vielen Jahren wiedersieht."

Hintergrund:

Vom kleinen zum großen Badehaus

Die Heilmittel Radon und Kohlensäure aus den Quellen sind gleich geblieben. Massiv verändert hat sich das Umfeld der Verabreichung. So startete der Betrieb im Badehaus Maiersreuth vor 30 Jahren mit zwei Radon-Wannen und zwei Fango-Kabinen, damals natürlich noch ohne Wasserbett, wie sich Jutta Hoffmann erinnert. Außerdem standen Stangerbad, externe Elektrotherapie und eine Wanne für Unterwasser-Massage zur Verfügung. Krankengymnastik war schon damals in Einzeltherapie im Becken möglich.

Heute stehen zehn Räume für Krankengymnastik und Massage, sechs medizinische Wannen und fünf Fango-Kabinen zur Verfügung. Die Badelandschaft mit Innen- und Außenbecken wurde um einen Heilwasserparcours erweitert, der orientalische Badetempel kam hinzu sowie eine großzügige Saunalandschaft. Seit der 2015 abgeschlossenen Modernisierung bei laufendem Betrieb haben sich die Besucherzahlen wieder mehr als erholt: 2018 zählte man knapp 300 000 Gäste, was einem Tagesschnitt von 818 entspricht.

Ausblick:

Neues Zentrum für Kunst und Kultur

Aus dem Badehaus soll ein Kunsthaus mit Ausstellungsflächen, Bühnen und Ateliers werden. Der Markt Neualbenreuth nutzt die Förderoffensive Nordostbayern zur Leerstandbeseitigung, das Amt für Ländliche Entwicklung fördert das Projekt. Erste Schätzkosten belaufen sich auf 1,6 Millionen Euro bei 90 Prozent Förderung. Das alte Schulhaus soll Gästehaus für Künstler, Stipendiaten und Workshop-Teilnehmer werden. Die Künstlerinnen Susanne Neumann, Chriska Wagner und Andrea Lamest wollen die Bürger einbinden und kulturelle Initiativen vernetzen. Die Badehalle soll Ausstellungsort für raumgreifende und außergewöhnliche Installationen werden. Bürgermeister Klaus Meyer begrüßt die Initiative und freut sich über die optimale Förderung: „Die Gemeinde erfährt dadurch einen Mehrwert für Kurgäste, aber auch für unsere Bürger vor Ort.“

Rückblick:

Vom "Weltbad" noch Ruinen übrig

Die ersten Pläne klangen größenwahnsinnig. Eine Gruppe heimatvertriebener Egerländer wollte schon 1967 ein „Weltbad“ errichten. In drei Ausbaustufen sollte nicht nur „Sibyllenbad“ entstehen, sondern auch „Obereger“ bei Pechtnersreuth sowie eine „Tillenstadt“ bei Altmugl. Doch die Kapitalkraft der Unternehmer, die die Pläne aufgriffen, reichte schon für die Anfänge mit Kurhaus, zwei Sanatorien und drei Kurhotels nicht aus. Die Eigenmittel der Sibyllenbad GmbH & Co. KG waren bald erschöpft. Viele Investoren, angelockt vom Steuerabschreibungsmodell, verloren Geld. Zurück blieb nach dem spektakulären Baustopp 1972 eine Ruinenlandschaft, die von der Natur inzwischen gnädig zugewuchert ist.

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