26.06.2020 - 15:28 Uhr
Neunburg vorm WaldOberpfalz

"Alte Canzley" in Neunburg birgt Schätze der Baugeschichte

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Ein schlichtes Amtsgebäude entpuppt sich als repräsentativer Prachtbau. Diesen Wandel nimmt die "Alte Canzley" in Neunburg im Verlauf der Bauuntersuchung. Architekt Johannes Steidl stößt auf Handwerkstechniken aus der Zeit der Renaissance.

Im Licht von Scheinwerfer und Stirnlampe begutachtet Bauherr Johannes Steidl die entdeckten Schnitzereien. Der Architekt ist ganz begeistert davon, wie gut sich die Schiffskehlen, Bänderungen und Ornamente über die Jahrhunderte hinweg erhalten haben.
von Philipp Mardanow Kontakt Profil

Dem markanten Leerstand im Zentrum der Neunburger Altstadt – von 1980 bis ’98 Sitz der Verwaltungsgemeinschaft – soll eine Sanierung neues Leben einhauchen. Noch gut erinnert sich Bauherr Johannes Steidl daran, was bei einem ersten Durchgang durch das Gebäude mit einem Mitarbeiter des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege gesagt wurde. Nichts Bedeutsames oder besonders Schützenswertes sei an dem Komplex im Stadtteil Im Berg – „ein Amtskasten aus dem 19. Jahrhundert“, so wäre damals die Einschätzung gewesen.

Im Zuge der Bauforschung brachte den Planer dann aber ein Loch im Dachboden auf die Spur der Besonderheiten. „Gerade einmal mein Kopf hat durchgepasst“, erinnert sich Steidl. Genug aber, um an einem Holzstück besondere Schnitzereien zu erkennen. Wenig später kamen Johannes Steidl und Vater Michael aus dem Staunen nicht mehr heraus: Ihnen offenbarten sich zwei Deckenkonstruktionen aus unterschiedlichen Epochen: eine Bohlenbalkendecke im Stil der Renaissance vom Ende des 16. Jahrhunderts mit aufwendigen Schnitzereien sowie eine barocke Putzdecke – „auch gut 250 Jahre alt“, schildert Steidl.

"Sensationeller Fund"

„Für einen an der historischen Bauforschung interessierten Architekten ist so ein Fund natürlich eine Sensation“, betont der 31-Jährige. Beispielsweise seien die Schnitzereien ausgesprochen gut erhalten – „als hätte der Handwerker gerade erst das Werkzeug beiseite gelegt“, beschreibt es der Architekt. „Lebendig und wie frisch“ wirkten die Ornamente auf den Bohlen und Balken. Laut Steidl handelt es sich dabei um sogenannte Schiffskehlen, die als Schnitzereien in der Zeit von 1544 bis 1599 beliebt waren. Weitere Verzierungen an den Mittelträgern sind in Form einer Rosette gestaltet.

Einen Artikel mit Details zum Planungskonzept für die "Alte Canzley" finden Sie hier

Neunburg vorm Wald

Diese handwerkliche Kunst lässt Rückschlüsse auf die gesellschaftliche Stellung der früheren Hausbesitzer zu. Vor allem die doppelte Ausführung mancher Schiffskehlen spreche laut Steidl für den Wohlstand der Erbauer. Seine Nachforschungen hätten ergeben, dass das Anwesen Ende des 14. Jahrhunderts unter Pfalzgraf Rupprecht III. errichtet worden war – „das war bisher so nicht bekannt“. Einst sei es das Kanzleigebäude der fürstlichen Beamten gewesen, 1587 habe es dann die Stadt Neunburg erworben.

Johannes Steidl berichtet von dendrochronologischen Untersuchungen, die für das Ende des 16. Jahrhunderts verschiedene Arbeiten am Gebäude nachweisen – „vieles spricht für den Umbau zur Stadtschreiberei“, sagt er. Ein Beleg dafür ist, dass das Anwesen in Akten des 18. Jahrhunderts als „Haus von Bärtlme Heber“ genannt wird. Der ist laut der Neunburg-Chronik von Joseph Rudolf Schuegraf (1837) im 16. Jahrhundert Stadtschreiber gewesen. Die kunstvollen Schnitzereien seien ein Argument dafür, dass das Anwesen Im Berg einem repräsentativem, öffentlichem Zweck diente, oder entweder Wohnort eines sehr reichen Bürgers war.

Die Schnitzereien sind so gut erhalten, als hätte der Handwerker gerade erst das Werkzeug beiseite gelegt.

Architekt Johannes Steidl

Architekt Johannes Steidl

Ein weiterer Schatz in der Bausubstanz ist eine Putzfassade, die sich geschützt im Dachboden erhalten hat. Sie ist mit Diamantquadern in Sgraffito-Technik verziert – „ein sehr beliebtes Gestaltungselement der Renaissance“, sagt Johannes Steidl. Damals sei der Putz nicht mehr als rein technische äußere Schicht betrachtet, sondern als Gestaltungsmöglichkeit wahrgenommen worden. Dieser Fund sei „Erste Bundesliga“ habe Raimund Karl, Oberkonservator am Landesamt für Denkmalpflege, dazu gesagt. Solche Putzstrukturen seien in der Oberpfalz gar nicht mehr zu finden, weil im Barock fast alles überformt wurde. Eine ähnliche Fassadengestaltung findet sich beispielsweise im Schloss Bischofteinitz in Westböhmen.

Pläne nochmal überarbeitet

Auf die bisherigen Planungen bei der Sanierung des Gebäudes hatten diese Funde natürlich Konsequenzen. „Es gab schon Entwurfsgrundrisse für jedes Geschoss“, schildert Johannes Steidl. Doch da sich die Decke über vier Räume spannt, muss „das Pferd nochmal neu gesattelt werden“. Nun soll ein repräsentativer Saal entstehen, der als Besprechungsraum dienen, aber auch für Vorträge, Seminare, Ausstellungen oder Trauungen zu mieten sein soll. Die mit Diamantquadern verzierte Fassade soll beim Umbau freigelegt werden, sie wird künftig vom Obergeschoss aus sichtbar sein. Den Antrag auf denkmalrechtliche Genehmigung des Projekts hat Johannes Steidl vor wenigen Tagen bei der Stadtverwaltung eingereicht.

Hufeisen ins Holz geschlagen:

Schutz vor Blitzschlag und bösen Mächten

„Das hat dem Fund der Bohlenbalkendecke noch die Krone aufgesetzt“, sagt Johannes Steidl. Ein altes Hufeisen hängt nur wenige Zentimeter unter der Decke, eine geschmiedete Klammer hält es im Holz fest. Es ist mit der Öffnung nach unten angebracht und dient als eine Art Talisman, der das Haus beschützen soll. Denn laut einem alten Volksglauben sollten der Teufel und seine Heerscharen nicht imstande sein, unter einem Eisenbogen durchzugehen. Über Türen und Kaminen angebracht, sollte ein nach unten offenes Hufeisen auch vor Blitzschlag bewahren.

Das sagt der Heimatpfleger zum Projekt:

"Möglichst hohe Förderung" empfohlen

In einer Stellungnahme für das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege (liegt der Redaktion vor) spricht der Neunburger Kreisheimatpfleger Theo Männer dem Projekt „Alte Canzley“ Respekt und Anerkennung aus. Planer Johannes Steidl habe sich in den Archiven in die Baugeschichte vertieft und damit „völlig neue Erkenntnisse“ ans Tageslicht befördert. Die umfangreichen Befunduntersuchungen dokumentierten die Qualität des Bauwerks und erbrachten laut Männer „wertvolle Kenntnisse für die Sanierung“.

„Das Projekt sollte eine möglichst hohe Förderung erfahren“, sprach der Heimatpfleger eine Empfehlung für das Projekt aus. „Im Ganzen gesehen gibt es aus meiner Sicht zur Sanierung keine Bedenken.“ Insgesamt verdiene Johannes Steidl volles Lob für sein Vorhaben.

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