24.04.2019 - 16:04 Uhr
Neunburg vorm WaldOberpfalz

Gedenktafel für Michael Lottner enthüllt

Ein Satz wurde Michael Lottner zum Verhängnis. Vor 74 Jahren war der Regensburger nach einer Kundgebung für die kampflose Übergabe der Stadt von Nationalsozialisten erschossen worden.

IHK-Hauptgeschäftsführer Jürgen Helmes (links) enthüllte die Gedenktafel für Michael Lottner zusammen mit Anna und Alfred Lottner.

Es war kurz vor Kriegsende, als am 23. April 1945 Hunderte von Menschen auf dem heutigen Dachauplatz zusammenkamen. Sie demonstrierten gegen die Ankündigung des örtlichen NS-Gauleiters, Regensburg gegen die nahenden US-Truppen "bis auf den letzten Stein" zu verteidigen. Domprediger Johann Maier versuchte damals, die aufgeregte Menschenmenge zu beruhigen und ergriff das Wort. Er plädierte dafür, nur um eine kampflose Übergabe der Stadt zu bitten und keine Forderungen an den NSDAP-Kreisleiter zu stellen.

Misshandelt und erschossen

"Hört ihm halt zu, was er zu sagen hat" - mit diesem Satz soll Michael Lottner die Demonstranten aufgefordert haben, dem Domprediger zuzuhören. Der Satz kostete ihm das Leben: Lottner bekannte sich damit offen zu Maiers Standpunkt, Regensburg kampflos zu übergeben. Der 46-jährige pensionierte Polizist wurde von der NS-Kreisleitung abgeführt, misshandelt und später erschossen. Am nächsten Tag wurden auch Domprediger Maier und ein weiterer Protestteilnehmer, Josef Zirkl, hingerichtet.

Die Ereignisse neu recherchiert hat der Regensburger Journalist Christian Eckl, der selbst ein Urgroßneffe von Michael Lottner ist. Auf seine Initiative hin hat am Dienstag die Industrie- und Handelskammer (IHK) Regensburg für Oberpfalz/Kelheim eine Gedenktafel für Michael Lottner an ihr Verwaltungsgebäude in der Altstadt anbringen lassen. Eine solche Gedenktafel hatte es in den 50er Jahren schon einmal an der Fassade der sogenannten Schwarzhaupt-Villa gegeben, dem Gebäude der früheren NS-Kreisleitung. Fälschlicherweise war Lottner dort mit dem Vornamen "Hans" genannt worden. Für den Neubau des IHK-Gebäudes wurde die Villa teils abgerissen, auch die Gedenktafel verschwand.

"Würdigen Engagement"

Dass nun genau dort, wo Lottner vor 74 Jahren erschossen wurde, ein neues Erinnerungsmal für ihn entstanden ist, berührt dessen Nachfahren. Neben dem Journalisten Eckl kam auch die Familie von Alfred Lottner aus Katzdorf bei Neunburg vorm Wald (Kreis Schwandorf) zur Enthüllung der Gedenktafel. Alfred Lottner ist ein Neffe von Michael Lottner, der verheiratet war, aber keine Kinder hatte, als er starb. "Wir würdigen das Engagement des Onkels in unserer Familie", erzählte Alfred Lottners Ehefrau Anna im Gespräch mit unserer Zeitung. Sie hat einen Ordner voller Dokumente von Michael Lottner mit nach Regensburg gebracht. Der Führerschein, das Sterbebild, viele Zeitungsausschnitte sind darin fein säuberlich aufbewahrt.

IHK-Hauptgeschäftsführer Jürgen Helmes stand der Idee einer neuen Gedenktafel von Anfang an offen gegenüber. "Angesichts des in den letzten Jahren immer stärker aufkeimenden Rechtsextremismus muss unsere Gesellschaft die Erinnerung lebendig halten an die verheerenden Folgen der menschenverachtenden Ideologie und Schreckenszeit des Nationalsozialismus", sagte er bei der Enthüllung der Tafel. "Wir wollen daran erinnern, was Menschen anderen Menschen angetan haben", ergänzte IHK-Gremiumsgeschäftsführer Martin Kammerer. "Wir verneigen uns vor Michael Lottner und vor allen Opfern des nationalsozialistischen Schreckensregimes."

Anna Lottner zeigt Jürgen Helmes (rechts) und Martin Kammerer von der IHK Dokumente von NS-Opfer Michael Lottner, die sie in einem Ordner gesammelt hat.
Smartphone-Besitzer können sich mit dem QR-Code auf der Gedenktafel weitere Informationen über Michael Lottner aufs Handy holen.
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