23.07.2018 - 14:03 Uhr
Neunburg vorm WaldOberpfalz

Als Männer noch Bruchen trugen

Spaghettiträger und Wonderbra sind keine Erfindung der Neuzeit, sondern haben bereits im Mittelalter ihre Vorläufer. Beim Festakt von Stadt und Festspielverein rückt Textilarchäologin Katrin Kania ein Stück Mode-Geschichte in den Fokus.

Über 20 "Hussenkrieg"-Mitwirkende sind für ihr Bühnenengagement ausgezeichnet worden. Ehrennadeln und Urkunden überreichten Bürgermeister Martin Birner (links) sowie die Festspielvereins-Vorsitzenden Helmut Mardanow (Dritter von links), Horst Palmer und Hans-Werner Habel (von rechts).
von Philipp Mardanow Kontakt Profil

(mp) Das Lied "Männer in Röcken" der Spielleute von "Lupus Vagabundus" hallt Sonntagvormittag durch den Schlosssaal und gibt die Thematik vor. "Gut betucht - Mode im Mittelalter" ist der Festvortrag von Katrin Kania überschrieben, und die freiberufliche Textilarchäologin aus Erlangen schildert ihren Zuhörern zunächst, dass aus dieser Zeit nur ganz wenige Original-Stücke vorhanden sind: "Aus einem Zeitraum von 1000 Jahren Modegeschichte wurden in Europa gerade einmal 200 Kleidungsstücke entdeckt." Es sei ein "Zwölfer im Lotto" bei Ausgrabungen auf eine komplette Kleider-Garnitur zu stoßen.

Bunt und vielfältig

Und doch erschließe sich, in Kombination mit Bild- und Schriftquellen, ein buntes und sehr vielfältiges Bild der Mode von einst. So sei Damenunterwäsche "auch im Mittelalter überhaupt nicht langweilig gewesen", berichtet Kania. Auch eine Vorform der Spaghettiträger habe es schon gegeben, ebenso eine Art "Wonderbra": "In ihre Hemden nähten sie Säcke, um ihre Brüste zu stützen", zitiert die Expertin aus einer überlieferten Schrift

Der "Dresscode" bei den Mannsbildern besagte, dass das Unterhemd nicht über die Tunika hinausstehen sollte. Vorgänger der Unterhose war die sehr weit geschnittene "Bruche", und aus den "Beinlingen" - ein eng anliegendes Strumpfpaar - entwickelte sich erst später die Hose. "Unspektakulär" sei zunächst das modische Erscheinungsbild gewesen, erst ab dem 15. Jahrhundert setzten sich körperbetontere Schnitte durch. "Die Beine - und nicht der Waschbrettbauch - waren damals das erotische Aushängeschild eines Mannes."

Die Stoffe sollten möglichst gleichmäßig, fein und schön bunt sein, so Katrin Kania weiter. Schneider zeichneten Kleidungsstücke zunächst auf die Textilien auf, nahmen dann den Zuschnitt vor, und modellierten die Kleidung direkt auf den Körper, daher komme auch der Begriff "auf den Leib geschneidert". "Schnittmuster wie in der Burda hat es damals nicht gegeben", so Kania, lediglich Zuschnitthilfen seien bekannt gewesen.

"Mittelalterkleidung war Funktionskleidung", stellt Kania fest. Widerstandsfähig, mit genug Bewegungsfreiheit, und klimatisiert durch die Unterbekleidung: "Leinen nimmt den Schweiß auf und kühlt", beschreibt die Expertin die Wirkung dieser "Kleinklimaanlage". Wie sich jemand im Mittelalter kleidete sei unter anderem von seinem sozialen Stand abhängig gewesen, aber auch Eitelkeit habe dabei eine Rolle gespielt. Damals wie heute sei Kleidung ein Statussymbol gewesen, so Katrin Kania zum Abschluss. Die Festspieler Jürgen Hoffmann, Clara Sänger und Beate Mardanow führen danach bei einer kleinen Modenschau noch verschiedene Arten von Bekleidung vor.


"Stück hat profitiert"

Dass es bereits Kleidervorschriften in der Spätantike gegeben habe, berichtet Helmut Mardanow, Vorsitzender des Festpielvereins in seiner Einführung auf den Vortrag. Später zeichnet er zusammen mit Bürgermeister Martin Birner und den weiteren Vorsitzenden Hans-Werner Habel und Horst Palmer die langjährigen Mitwirkenden aus (Info-Element). Der Bürgermeister bedankte sich beim Ensemble, dass die Herausforderung der Neuinszenierung mit Regisseur Cornelius Gohlke angenommen wurde, die Veränderungen hätten dem Stück gut getan.

Treu auf der Bühne:

23 Ensemble-Mitglieder des "Hussenkrieg"-Festspiels sind für ihre Treue geehrt worden; zusammen bringen sie es auf 290 Bühnen-Jahre. 30 Jahre: Franz Binder; 25 Jahre: Manuela und Michael Hellmuth; 20 Jahre: Tibor Alesik, Siegfried Beck, Heribert Nothas, Sieglinde Palmer; 15 Jahre: Monika Prechtl; 10 Jahre: Rebecca Jobst, Christin Krämer, Monika Lermer, Birgit Röckl, Manuel Winkler; 5 Jahre: Petra Beck, Jonas Biegerl, Rebecca Biegerl, Florian Beer, Antonia Hellmuth, Cornelius Karger, Romina Müller, Holger Sänger, Amelie von Wenz. (mp)

Eine kleine Modenschau rundete den Vortrag ab: Referentin Dr. Katrin Kania (rechts) hilft den "Mannequins" Clara Sänger und Beate Mardanow (von links) beim Anlegen eines Bußkleids aus dem 13. Jahrhundert (links) und eines rekonstruierten Adelskleids aus der Zeit um 1200.

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