17.04.2020 - 12:29 Uhr
Neustadt am KulmOberpfalz

Bomben auf Neustadt am Kulm

Vor 75 Jahren erlebten die Neustädter einen der schwärzesten Tage in der 650-jährigen Geschichte der Kulmstadt. Bei einem Bombenangriff wurden große Teile der Altstadt in Schutt und Asche gelegt.

Am 19. April 1945 zerstörten acht amerikanische Jagdbomber vom Typ P-47 Thunderbold große Teile der Altstadt von Neustadt am Kulm. Die abgeworfenen Brandbomben verwandelten Teile des Marktplatzes schon nach wenigen Minuten ein in ein gigantisches Flammenmeer. Das Bild wurde vom Rauher Kulmweg in Richtung Ortszentrum aufgenommen.
von Autor OWProfil

Wir schreiben den 19. April 1945, der Himmel ist leicht bewölkt. Die Angst vor den anrückenden Amerikanern lähmt das Leben in der Stadt. Nur noch wenige Einwohner glauben an den Endsieg. Vor einigen Tagen waren die Explosionen bei der Bombardierung der Festung Grafenwöhr bis zum Rauhen Kulm zu hören.

Die Amerikaner hatten bereits Bayreuth eingenommen und rückten von dort aus mit zwei Kampfgruppen in Richtung Grafenwöhr vor. Neustadt am Kulm lag auf dem Weg der Kampfgruppe A. Wie immer in diesen letzten Kriegstagen wurden die Einheiten bei ihrem Vormarsch durch Luftstreitkräfte unterstützt.

Um 8.55 Uhr tauchten plötzlich acht amerikanische Jagdflugzeuge vom Typ P-47 Thunderbold am Rauhen Kulm auf. Sie eröffneten sofort mit ihren Bordwaffen, Raketen und Bomben das Feuer. Es gab keine Gegenwehr, da sich keine deutsche Truppen in der wehrlosen Stadt befanden.

Schwere Zerstörungen gab es auf der Sommerseite. Ein Großteil der Häuser wurde hier ein Raub der Flammen.

In den folgenden 60 Minuten erlebten die Stadt und ihre Bewohner ein Inferno. In mehreren Angriffswellen stürzten sich jeweils vier Flugzeuge gleichzeitig auf das Ziel und deponierten ihre todbringende Last. Zunächst wurden 4 Sprengbomben, jeweils 250 kg schwer, und 8 Brandbomben M78 aus einer Höhe von 150 Meter abgeworfen. In den folgenden Angriffswellen feuerten sie 20 Raketen vom Typ HVAR 5 aus 60 Meter Höhe ab und gaben 3021 Schuss aus ihren Bordwaffen MG 50 ab.

Noch heute besteht im Stadtgebiet die Gefahr von Blindgängern. Deshalb wurde beim momentanen Kanalprojekt die Trasse von einem Kampfmittelräumdienst vorsorglich abgesucht.

Da zur Zeit des Angriffs die Sonne im Osten hinter dem Rauhen Kulm stand, kamen die Flugzeuge bei jedem neuen Anflug aus der Sonne über dem heutigen Brunnröhrenweg. Die ersten Bomben fielen in die Hollerslohe sowie links und rechts am Beginn des unteren Marktplatzes.

Das alte historische Rathaus aus dem Jahre 1554 brannte völlig aus und musste abgerissen werden.

Durch die schnelle und große Rauchentwicklung auf der Sommerseite und den Umstand, dass zu dieser Zeit etwas Wind aus Norden herrschte, war die Winterseite in starken Rauch gehüllt. Deshalb konnten die Piloten der Jagdflugzeuge diese Gebäude nur noch schlecht wahrnehmen. Diesem Sachverhalt ist es zu verdanken, dass die Winterseite wahrscheinlich fast vollständig verschont wurde.

Der Katastrophe vom 19. April 1945 fielen drei Menschen zum Opfer. 39 Wohnhäuser und 129 Nebengebäude wurden durch die abgeworfenen Bomben und den danach wütenden Feuersturm zerstört. Ein Teil der alten Stadtmauer, das 1654 erbaute Rathaus und das untere Tor wurden so schwer beschädigt, dass sie in den folgenden Jahren abgerissen werden mussten.

Nach dem Bombenangriff marschierten die Einheiten der Kampfgruppe A um 14 Uhr, aus Richtung Lämmershof kommend, in das noch lichterloh brennende Neustadt ein. Bis auf wenige Sicherungsposten hielten sie sich nicht lange auf. Sie rollten mit ihren Panzern und Fahrzeugen weiter in Richtung Filchendorf und erreichten noch am gleichen Tag ihr Etappenziel, den Truppenübungsplatz Grafenwöhr.

Das beschädigte untere Tor wurde zunächst provisorisch repariert. Wenig später wurde es dann aber aus verkehrstechnischen Gründen abgerissen.
Im Blickpunkt:

Broschüre mit detaillierter Schilderung

In mühevoller Kleinarbeit hat Hobbyheimatforscher Georg Miedel diesen schwarzen Tag in der Geschichte der Kulmstadt nachrecherchiert. Bei seiner Arbeit konnte er auch Einsatzbefehle und andere militärische Dokumente im amerikanischen Militärarchiv einsehen.

Zum 75. Jahrestag der Katastrophe hat er jetzt im Auftrag der Stadt eine Broschüre verfasst. In ihr wird detailliert die Bombardierung von Neustadt am Kulm beschrieben. Das Schriftstück liegt kostenlos für jeden Neustädter Bürger im Rathaus aus.

Ursprünglich wollte die Stadt diesen Tag mit einer Gedenkfeier auf dem Marktplatz begehen. Doch wegen der Coronakrise muss diese ausfallen. Bürgermeister Wolfgang Haberberger wird in aller Stille im Namen der Stadt am Kriegerdenkmal einen Kranz niederlegen.

Vom Bombenangriff auf Neustadt am Kulm gibt es im Internet ein Video.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.