Im Jahr 2016, zu Zeiten der großen Flüchtlingswelle, mussten die Kreisbürger fast 13 Millionen Euro für Jugendhilfe ausgeben, 2019 waren im Haushalt noch 10 Millionen Euro veranschlagt. Diesen riesigen Posten hat aber kein Kreisrat und kein Landrat je infrage gestellt. Sie wussten: Die Hunderte von Einzelschicksalen hinter den Zahlen waren bei Klaus Egelseer gut aufgehoben. Der 63-Jährige geht Ende Oktober in die Freistellungsphase. Der aus Sulzbach-Rosenberg stammende Sachgebietsleiter ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und lebt in Altenstadt/WN. Das Abschiedsinterview führte er mit Redakteur Friedrich Peterhans.
ONETZ: Herr Egelseer, Ihr Haus hat seit Ihrem Amtsantritt 2003 bis heute einen Etat verwaltet, der von drei auf zehn Millionen Euro geklettert ist. Heißt das, unsere Gesellschaft wird immer schlimmer und unsere Kinder immer ungezogener?
Klaus Egelseer: Nein, bestimmt nicht. Die Ursachen sind vielfältig. Die Leute kommen zu uns, weil das Problembewusstsein gestiegen ist. Schulen oder Nachbarn schauen inzwischen genauer hin, wenn es um Kindeswohl geht. Und wir bieten mehr und immer frühere Hilfen an, denken Sie an die KoKi, die Koordinierende Kinderschutzstelle.
ONETZ: Lassen die Familienstrukturen im Landkreis zu wünschen übrig?
Da täuschen oft die Zahlen. Manchmal reicht es, dass eine Familie mit zwei bis drei Betreuungsfällen zuzieht, schon schlägt sich das statistisch und finanziell nieder. Durch unsere vielen Präventionsangebote sehen wir zuletzt aber nicht mehr diese extremen Steigerungsraten.
ONETZ: Woran hapert es heute bei der Erziehung?
Das ist schwierig zu sagen, jeder Fall ist anders. Oft sind Paare auf das Elternsein nicht richtig vorbereitet. Das kann man auch nicht aus einem Buch lernen. Hinzu kommen veränderte soziale Strukturen. Das war früher überschaubarer: Es gab in der Familie ein Fernsehprogramm, ein Telefon, die Kinder haben Sozialverhalten in der Gruppe beim Spielen auf der Straße kennengelernt. Und die Nachbarn wussten Bescheid. Es gab also wenig, wo man zu den Kindern Nein sagen musste. Das ist heute für Eltern anders und schwieriger. Und Alleinerziehende haben es ohnehin nicht leicht.
ONETZ: Wie könnte man das umkehren?
Wenn der Staat immer mehr Betreuungsangebote übernimmt und das gut macht, gibt es nichts dagegen zu sagen. Hilfreich ist zum Beispiel eine gute, rhythmisierte Ganztagsschule oder Jugendsozialarbeit an Schulen. Hier wäre eine Ausweitung auf Grundschulen so bald wie möglich wünschenswert. Aber das ist Sache des Freistaats.
ONETZ: Das Jugendamt war lange als Behörde verschrien, die Eltern die Kinder wegnimmt. Ist deswegen die Schwellenangst immer noch so hoch, das Amt einzuschalten?
Das Gegenteil ist der Fall. Man will verhindern, dass Kinder weggenommen werden. Grundsätzlich versuchen wir für jede Familie einen Maßanzug an Hilfe zu bieten, das reicht von der erzieherischen Hilfe über Haushaltshilfen bis zur Finanzberatung. Wir verstehen uns als Dienstleistungs- und Serviceunternehmen. Der überwiegende Teil unserer Arbeit sind ambulante Hilfen. Wir machen Vorschläge, zu denen Eltern auch Nein sagen dürfen - vorausgesetzt, das Kindeswohl ist nicht gefährdet.
ONETZ: Ab wann gilt es als gefährdet?
Das können manchmal ganz banale Sachen sein, etwa wenn ein Baby auf einem Wohnzimmerboden krabbelt, auf dem Zigarettenkippen herumliegen. Stellen Sie sich vor, was passieren kann, wenn das Kind eine Kippe in den Mund nimmt und verschluckt.
ONETZ: Ab wann muss man über Heimunterbringung nachdenken?
Immer, wenn ambulante Hilfen ausgeschöpft sind und Eltern einsehen, dass sie nicht mehr zurechtkommen. Aber so eine Entscheidung fällt Eltern wirklich nicht leicht. Der Tagessatz für die Heimunterbringung liegt bei 150 bis 300 Euro pro Tag. Schon allein deshalb haben wir kein Interesse daran, Kinder leichtfertig in solche Einrichtungen zu geben. Zurzeit haben wir 60 bis 70 solcher Fälle.
ONETZ: Als Alternative werben Sie für Pflegeeltern.
Wir sind immer auf der Suche nach guten Pflegefamilien. Dort leben inzwischen 70 bis 80 Kinder. In diesem Zusammenhang bin ich auch dafür, dass Kinderrechte ins Grundgesetz gehören.
ONETZ: Inwiefern?
Früher hielt ich diese Forderung für überflüssig, inzwischen sehe ich das anders. Bei uns gilt rein das Elternrecht. Das Wohl und der Wille des Kindes müssen aber stärker berücksichtigt werden, wenn es zum Beispiel in einer Pflegefamilie untergebracht ist und die leiblichen Eltern es plötzlich zurückhaben wollen.
ONETZ: Bei Ihrem Amtsantritt hatte das Kreisjugendamt 16 Mitarbeiter, heute sind es 54. Heißt mehr Personal gleich mehr Erfolg?
Ganz grundsätzlich: Prävention ist schwer messbar. Und die Fallzahlen steigen, weil die Leute wissen, dass sie bei uns professionelle Hilfe bekommen. In zwei Dritteln unserer Fälle haben wir schon nach relativ kurzer Zeit Erfolge. Da zahlt sich auch aus, dass wir früher eingreifen, etwa über die KoKi, oder dass seelische Behinderungen besser diagnostiziert werden.
ONETZ: Was waren Ihre härtesten Fälle?
Alle Formen von sexuellem Missbrauch. Und auch die Jahre 2015 und 2016 mit den vielen unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen waren schwierig. Da kamen jedes Wochenende Anrufe der Bundespolizei aus Waidhaus, dass sie wieder ein Dutzend junger Leute aufgegriffen hat. Die mussten wir dann auf die Schnelle unterbringen. Ohne die Hilfe von freien Trägern wie dem St.-Michaels-Werk, dem Learning Campus oder den Kellermann-Einrichtungen hätten wir das nicht geschafft.
ONETZ: Auf was werden Sie sich im Ruhestand als erstes stürzen?
Mir wird nicht langweilig. Wandern, Radfahren, der Computer, Reisen, Sport generell - ich bin vielseitig interessiert.
ONETZ: Ihr Sachgebiet übernimmt Andrea Höning.
Dort ist es absolut in guten Händen. Sie arbeitet sich auch schon seit Juli bei uns ein.











Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.
Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.