05.03.2019 - 17:24 Uhr
Neustadt an der WaldnaabOberpfalz

Des Landrichters lasche Arbeitsmoral

Noch heute gedenkt man in Neustadt/WN, Parkstein und Floß des Freiherrn von Lichtenstern und Landrichters Karl Franz Reisner. Seine Dienstzeit gilt als segensreich. Doch an höherer Stelle hat man das nicht immer so gesehen.

Im Lobkowitzer Schloss, dem heutigen Landratsamt, war nach dem Verkauf 1808 das Landgericht untergebracht.
von Rainer ChristophProfil

Im Landratsamt Neustadt/WN stößt der Besucher auf eine historische Person, die in der Stadt und darüber hinaus Geschichte geschrieben hat: Landrichter Karl Franz Reisner, Freiherr von Lichtenstern, geboren 1776 auf Burg Treswitz bei Moosbach. An der Universität Ingolstadt studierte er Rechtswissenschaft und legte sein Staatsexamen ab.

Zur 800-jährigen Geschichte der Stadt Neustadt gehört auch das einstige königliche Landgericht. Nach dem Verkauf ihrer Herrschaft durch die Lobkowitzer an den Bayerischen König, wurde 1808 das Landgericht von Parkstein nach Neustadt an der Waldnaab verlegt. An der Spitze stand der noch junge Landrichter Karl Franz Reisner. Von 1803 bis 1807 war er Landrichter in Nabburg.

Bis 1868 gab es das Landgericht alter Ordnung, auch in Nabburg. Am 9. Mai 1807 kam Johann Eduard von Grafenstein von Parkstein nach Nabburg. Es erfolgte also ein Tausch der Landrichter. Von Grafenstein stammte von Oberweißenbach bei Vilseck ab. Der bis dahin in Nabburg amtierende Freiherr von Lichtenstern ging nach Parkstein. Sein Arbeitsplatz war im Alten Schloss, dem heutigen Vulkan-Museum. 1808 erfolgte ein erneuter Umzug ins Lobkowitzer Schloss in Neustadt.

Vorläufer des Landrats

Die Landgerichtsbarkeit alter Ordnung hielt bis 1868. Von da ab waren Landrichter auch Verwaltungsleute, Richter und eine Art Vorläufer des Landrats in einer Person. Dieser Freiherr von Lichtenstern war ein Ur-Ur-Großvater des heutigen Freiherrn von Lichtenstern in Neusath. Neustadt verdankt dem Freiherrn die wieder ins Leben gerufene Landwehr, eine bayerische Einrichtung, die auf König Max I. Joseph zurückgeht. 1839 wurde er Landwehr-Oberstleutnant, 1858 zum Oberst und Inspekteur durch das Königshaus befördert. Hervorzuheben sind seine sozialen Leistungen. Ganzen Einsatz zeigte er für den Wiederaufbau der durch Feuer zerstörten Ortschaften Floß, Parkstein, Windischeschenbach, Neudorf und Holzhammer. Um mehr Feuersicherheit zu erreichen, mussten die Giebel der Gebäude zur Straße hin aufgebaut werden.

Nach dem Großbrand 1813 in Floß waren dreiviertel der Wohngebäude des Marktes mit Nebengebäuden zerstört. Noch heute würdigt der Markt den Wiederaufbau als Verdienst des damaligen Landrichters. Ihm verdankt Floß durch die äußere Gestaltung ein nahezu "städtisches Gepräge". Ebenso setzte er sich 1855 nach dem großen Brand für den Wiederaufbau in Parkstein ein. Bei dieser Maßnahme wurde die heute noch existierende breite Straßenführung durch Parkstein angelegt, die heute seinen Namen trägt. Im früheren Landgerichtsgebäude ist heute das Vulkan-Museum untergebracht.

1814 erbte er von seinen Verwandten das sich heute noch im Familiensitz befindliche Landsassen-Gut Neusath bei Nabburg. Mit fast 86 Jahren und nach 59 Dienstjahren trat der Freiherr 1862 in den Ruhestand. Doch so hochgelobt wurde er nicht immer. Ein "Separat-Protokoll" des Landrats im Ober-Main-Kreis in Bayreuth, zu dem die Landkreise Tirschenreuth und Neustadt gehörten, wurde am 23. März 1832 an "alle 24 Landraths-Mitglieder" versandt. Darin wurde Lichtenstern vor genau 186 Jahren massiv gerügt und in die Pflicht genommen. Sein Handeln und seine lasche Arbeitsauffassung ließen zu wünschen übrig und waren Anstoß größten Ärgernisses, im Gericht ging es scheinbar drunter und drüber.

Stete Abwesenheit

Beanstandet wurde "die stete Abwesenheit des Landgerichts-Vorstandes zu Neustadt an der Waldnaab aus seinen Amts-Zimmern, und anderes betreffens". Folgende Anklagepunkte gab es zu vermelden: Der Vorstand des Landgerichts Neustadt befinde sich nicht in seinem Amtszimmer im Erdgeschoss des Landgerichtsgebäudes "in Mitten seines Personals", sondern besorge seine Amtsgeschäfte in einem abgesonderten "Lokale des ersten Stockwerks". Wenn nun, wie dies in einem Landgerichte von 20 000 bis 22 000 Seelen fast täglich der Fall sei, der eine Assessor mit den "Criminalverhören" beschäftigt sei, der andere Assessor, so wie der Aktuar, auf Commissionen abwesend seien, so befinde sich das zahlreiche Schreiberpersonal ohne Aufsicht und Kontrolle.

Würde sich der Landgerichtsvorstand, gleich anderen Landrichtern, in oder doch der Nähe der Kanzlei aufhalten, so würde der "jetzt höchst schleppende Geschäftsgang" dieses Landgerichts rascher, der Fleiß und gute Wille des Schreiberpersonals größer sein. Die Willkür desselben gegen des Amtsuntergebenen aufhören und manche Unordnung ein Ende nehmen.

Weiter heißt es: "Jeder, der auch nur einmal in diesem Landgericht zu tun hatte, wird die Richtigkeit dieser Angaben bezeugen, so wie dieselbe sich durch Augenschein täglich nachweisen lässt." Massiv wird unterstrichen, dass noch mehr zu beklagen sei, "dass sich dieser Landgerichtsvorstand ungeachtet des erst im vorletzten Jahre erneuerten Regierungsverbots vom 23. September 1830 (veröffentlicht im Kreis Intelligenz Blatt Seite 776)" alle ignoriere. Kein Vorstand eines Landgerichts dürfe sich ohne Urlaub aus seinem Gerichtsbezirke entfernen. Er aber würde sich "ungescheut" sehr oft des Jahres über, auf sein im Landgericht Nabburg im Regenkreise gelegenes, auf acht Stunden von Neustadt entferntes Gut Neusath begeben, und dort mehrere Tage zubringen. "Ob mit oder ohne Urlaub, kann zwar nicht gesagt werden, doch ist eine höchste Bewilligung bei der so oft vorkommenden Entfernung kaum zu vermuten."

"Übelstände"

Die Beweise zu dieser Behauptung, so ist festgehalten, werde sich die königliche Regierung des Obermainkreises durch eidliche Aussagen zu verschaffen wissen. Dass die so oft wiederkehrende ungesetzliche Abwesenheit des Landgerichtsvorstandes Neustadt sich auf "die Geschäfte nothwendig nachtheilg einwirken muss, und die Quelle namenlosen Übels wird, bedarf einer weiteren Ausführung". Die königliche Staatsregierung wird daher gebeten, den angegebenen großen Übelständen ein für "allemal und zwar auf das nachdrücklichste" abzuhelfen.

Scheinbar hatte diese Rüge Erfolg, denn zwölf Jahre später wurde der in Neustadt aus heutiger Sicht geschätzte Landrichter durch die Verleihung des Verdienstordens vom Heiligen Michael durch König Ludwig I. geehrt. Gleichzeitig wurde ihm für die großen Wohltaten seines bis dahin 36-jährigen beachtlichen Wirkens in Neustadt gedankt. Ab 28. November 1842 hatte er sogar ein Mandat im Landtag als Nachfolger des entlassenen Carl von Korb.

Verspottet wegen seines Sprachfehlers:

Maria Trottmann, im Jahr 2015 verstorbene Kulturreferentin und ehemalige Leiterin des Neustädter Stadtmuseums, bezeichnete den Landrichter nicht nur als ein Original. Er „regierte besonders klug, umsichtig und segensreich“. Ob seines Sprachfehlers wurde er hinter seinem Rücken spöttisch „Der Atn-Atn“ genannt. Der Grund war seine Angewohnheit, nach jedem Satz, häufig sogar während des Satzes die Worte „Atn-Atn“ zu setzen. Viele, fast unglaubliche Geschichten kursieren über Reisner, der am Neustädter Friedhof seine letzte Ruhestätte fand. So kam eines Tages ein Bauer ins Amt, um eine Erbschaftssache zu regeln. Sein Problem war, dass er ebenso stotterte wie der Landrichter. Beim Vortragen seines Anliegens rutschte ihm auch „Atn“ aus dem Mund. Mit Zornesröte im Gesicht ließ Lichtenstern ihn sofort wegen Beleidigung einsperren. Dies dauerte nicht lange. Als der Richter von dem Problem des Bauern hörte, wurde er sofort auf freien Fuß gesetzt. Die Liberalisierung im Gerichtswesen nach der Französischen Revolution schien dem Landrichter nicht gefallen zu haben. Eine Abschaffung der Prügelstrafe kam ihm nicht in den Sinn. Ganz im Gegenteil. Einem Delinquenten soll er ermahnt haben: „Wenn er wieder etwas anstellt, lasse ich ihn – Atn – erneut verprügeln.“ Und setzte hinzu: „Da werden wir doch sehen, wer es länger von uns beiden aushält, er mit dem Prügeln oder ich mit meinen Ermahnungen, Atn Atn.“ Wenn sich aber Menschen in Not Ähren oder Kartoffeln nach der Ernte vom Feld holten, ließ er diese gutmütig ohne Strafe laufen. (cr)

Ein Bild im Landratsamt Neustadt/WN zeigt den Landrichter Karl Franz Reiser, Freiherr von Lichtenstern.
Die Uniform der Neustädter Bürgerwehr ist die Originalnachbildung aus der Zeit der Königlich-Bayerischen Herrschaft.
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