15.03.2019 - 12:24 Uhr
Neustadt an der WaldnaabOberpfalz

Aus dem Leben eines Lehrers

Es hat sich herumgesprochen: Han’s Klaffl, Staatskabarettist auf Lebenszeit, ist eine Wucht. Kein Wunder, dass sein Programm „Nachschlag! Eh ich es vergesse …“ in der ausverkauften Stadthalle voll einschlägt.

Zur Melodie einer Klaviersonate hat Klaffl der Bach-Büste Kopfhörer aufgesetzt - damit Bach nicht hört, was Klaffl da tut.
von FSBProfil

Schon die ersten paar Minuten umreißen den Inhalt seiner über zweistündigen Darbietung. Klaffl erscheint mit einem tiefen Seufzer auf der Bühne, sucht nach etwas, an das er sich nicht mehr erinnert, sagt: „Das fängt ja gut an!“. Und geht zurück in die Garderobe – damit es ihm wieder einfällt. Motivation voll gelungen! Dann spannt er einen großen Bogen von der Vergesslichkeit im Alter zurück zu seiner Kindheit, gibt als pensionierter Pädagoge natürlich auch Einblicke in seine eigene Schulzeit und spart nicht mit Ratschlägen für die Erziehungsversuchenden bei der Optimierung von Schullaufbahnen. In so einem (Lehrer-)Leben passiert schließlich einiges, das erzählt, verarbeitet, beantwortet und auch philosophisch hinterfragt werden will – ehe es vergessen wird. Und Material für einen Nachschlag hat Klaffl genug. Dabei hält er den Menschen und insbesondere den Eltern einen Spiegel vor. Doch ihm geht es auch um die Bildungspolitik heutzutage und um Gesellschaftspolitik allgemein. So steht zwar das herzhafte Lachen im Vordergrund, aber das bleibt schon auch mal im Hals stecken und wird besonders im zweiten Teil gelegentlich mit nachdenklichen, besinnlichen Gedanken garniert.

Klaffl pendelt auf der Bühne zwischen seinem Lesetisch und dem Rednerpult hin und her, liest aus seinen Schulmemoiren, unterbricht, erzählt frei vor dem Publikum stehend, das er immer wieder einbezieht, und begleitet seine Songs mit großer Lockerheit selbst am Kontrabass oder Klavier. Zunächst erklärt er die Kurzzeitgedächtnislücke als Ergebnis der Evolution: Beine an, Hirn aus! Durch die Bewegungsarmut im Alter versagt diese Lücke und man erinnert sich: „Die gleiche Engstirnigkeit wie vor 80 Jahren“ und „Dees hobe scha amal gseng, dieses Déjà-vu“. Weil Psychiater raten, wegen der Vergesslichkeit seine Erinnerungen aufzuschreiben und jemanden zu suchen, diese zu vermitteln, damit sie selber ihre Ruhe haben, stehe er jetzt hier. So singt er „Mia ham niggs g’habt als Kinder“ und erzählt von seiner schweren Kindheit, als er richtig große Legosteine aus Beton hatte, als er seine kurze „Dorflederhose“ abends neben das Bett stellte und in der Früh wieder in sie einstieg, als sämtliche Krankheiten mit einem Esslöffel grässlichen Lebertrans behandelt wurden – wohl auch der Beweggrund für heutige Greenpeace-Aktivisten, die gegen den Walfang kämpfen. Damals gab es bei den Heimatvertriebenen die „Pflüchtlingsintoleranz“. Ob er „damals“ gesagt habe, fragt sich Klaffl und trägt seinen Song „Mia ham niggs gegen Fremde, außer sie san ned von hier“ vor.

Dann wurde er eingeschult, „eingelocht“ und nun ist der Kabarettist voll in seinem Element. Vom Lehrer „Gulasch“ („Ich hau dich zu Gulasch“) erzählt er, vom Pfarrer „Dalliwak“, der seine Schüler sadistisch an den Schmalzfedern zog und ein begnadeter Spanner war, von seinem Musiklehrer, der einen Kontrabassisten suchte und ihn auswählte, weil er die größten „Bratzn“ hatte. Sein Lied „Zahlen können selber gar nicht rechnen“ untermauert Klaffl mit seiner These „Man muss die Existenzberechtigung der Mathematik nicht durch ihre Anwendbarkeit begründen“.

Beispiel: Eine Familie mit zwei Kindern fährt mit dem Zug nach Wien. Wohin muss man Wien verlegen, wenn eine Familie mit 12 Kindern die Stadt in zwei Stunden erreichen will?

„Nur das Beste ist gut genug für unser Kind“ singt er und ergänzt: Die Anforderungen der Schule müssen an jene der Eltern angepasst werden, die rechtzeitig beim Schulleiter ihre Erwartungen formulieren sollen. Für die „Egoshooter“ von heute braucht ein Lehrer eine Grundausbildung in Entertainment und Rapgesang. Dass ein Schüler hochbegabt ist, sagt auch sein Nachhilfelehrer, der viermal wöchentlich kommt. Eigentlich gibt es heute Schulkostenfreiheit, doch wegen Nachhilfe, Ferienkursen und Anwaltskosten können sich wieder nur betuchte Eltern das Gymnasium leisten: „Wir bereiten unsern Tim aufs Abitur vor“, das künftig wegen der vielen Einserabiturienten in Effizienzklassen wie bei den Kühlschränken eingeteilt wird: von A+ bis A+++ . Weitere Pfeile schießt Klaffl ab mit „Hier wird investiert in Bildung“ (in Sauberkeit und spießbürgerliche Ordnung), vergleicht den Umbau des Bayerischen Schulsystems mit dem einer Autobahn, bei der trotzdem das Stauproblem auf der Überholspur bleibt, und schildert in „Herzlich willkommen im Jahr 2030“ die Situation, dass dann alle Kinder nur noch studieren und man sich fragt, was man übersehen hat, weil die AfD an der Regierung ist.

Nach so viel Ernsthaftem bedarf es in der Zugabe wieder eines „Stimmungsaufhellers“. Am Klavier erklärt Klaffl den Mundartausdruck „Daou dådiårdå då“ und alle im Saal singen den Refrain begeistert mit.

Der Kabarettist in Aktion.
Der Kabarettist in Aktion.
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