Einen Monat lang den Rasenmäher stehenlassen: Der „mähfreie Mai“ ist eine Initiative, die dazu aufruft, im Mai den Rasen nicht zu mähen. Was zunächst ungewöhnlich erscheinen mag, hat einen ernsten Hintergrund: den Schutz der Artenvielfalt und die Unterstützung von Insekten, insbesondere Bienen und anderen Bestäubern. Auch der Landkreis Neustadt an der Waldnaab beteiligt sich an der Initiative.
Die Idee des „mähfreien Mai“ stammt ursprünglich aus Großbritannien und entstand dort vor etwa sechs Jahren. Seitdem hat sich die Bewegung auch in Deutschland verbreitet. „Dahinter steckt der Gedanke, dass Gärten mehr sein können als nur gepflegte Rasenflächen – nämlich kleine Lebensräume“, sagt Maria Treiber, Kreisfachberaterin für Gartenkultur und Landespflege in Neustadt an der Waldnaab.
Für Insekten und andere Tiere bieten Gärten Nahrung und Schutz. Gleichzeitig bevorzugen viele Menschen einen lebendigen und naturnahen Garten. „Viele unterschätzen, wie ‚leer‘ ein ständig kurz gemähter Zierrasen biologisch gesehen ist“, sagt Treiber. „Für viele Tiere ist er fast wie eine grüne Betonfläche: sauber und ordentlich – aber ohne Nahrung und ohne Verstecke.“
Naturnäher mähen statt gar nicht mähen
Das Landratsamt empfiehlt keinen vollständigen Mähstopp, sondern ein „naturnäheres Mähen“. Das bedeutet: seltener mähen, unterschiedliche Höhen stehen lassen, kleine Wildinseln schaffen und nie alles auf einmal schneiden. „Ein paar ungestörte Wochen können überraschend viel bewirken“, sagt Treiber.
Ein höher gewachsener, natürlicher Rasen kann das Mikroklima im Garten verbessern. Pflanzen, Schatten, Bodenfeuchtigkeit, Windschutz sowie Steine oder Mauern beeinflussen, wie stark sich ein Bereich aufheizt oder abkühlt. Längeres Gras bleibt in der Regel kühler, da es Feuchtigkeit besser speichert und dadurch Boden und Luft kühlt. So wird verhindert, dass sich der Boden stark erhitzt, was angenehmere Bedingungen für Tiere schafft, erklärt Treiber.
Weniger Aufwand, weniger Emissionen
Ein naturnaher Rasen spart außerdem Zeit, Energie und Emissionen von Gartengeräten und verursacht weniger Lärm. Da der Boden mehr Feuchtigkeit speichert, muss der Rasen seltener bewässert werden. Das ist sowohl praktischer als auch umweltfreundlicher.
Dennoch wirkt ein ungemähter Rasen auf manche Menschen schnell ungepflegt. Deshalb gibt das Landratsamt einige Tipps für eine naturnahe, aber dennoch ordentliche Gestaltung:
So bleibt die Wiese ordentlich – trotz Wildnis
Ein Hinweisschild kann erklären, warum der Rasen naturnah gepflegt wird. Dafür hat das Landratsamt eine Vorlage erstellt. Ränder und Übergänge zu anderen Flächen sollten weiterhin gemäht und gepflegt bleiben. Eine klare Struktur mit verschiedenen Bereichen ist sinnvoll – etwa kurzen Sitzflächen, wilden Ecken, Blumenflächen oder Gemüsebeeten. Gemähte Wege und Grenzen geben dem Garten optische Ordnung.
Blumen und Wildkräuter sollten bewusst zugelassen werden, da sie zeigen, dass es sich um eine lebendige Wiese und nicht um einen „vergessenen Raum“ handelt. Es wird außerdem empfohlen, höher zu mähen – statt auf „Golfplatzhöhe“ besser auf sieben bis zehn Zentimeter. „Entscheidend ist weniger die perfekte Kürze als eine sichtbare Struktur“, sagt Treiber. Ein- bis zweimal im Jahr sollte der Rasen dennoch zurückgeschnitten werden, damit die Fläche kontrollierbar bleibt und nicht verfilzt. Auch zu häufiges Aufräumen oder Vertikutieren sollte vermieden werden, da Laub wichtigen Schutz für Insekten bietet. Weniger Düngen fördert zudem heimische Blumen und Kräuter.
Trittsteine für Insekten, Vögel und Fledermäuse
„Ein einzelner Garten wirkt klein – für viele Tiere ist er aber ein wichtiger Zwischenstopp oder sogar ein Zuhause“, erklärt Treiber. Besonders in Städten und Siedlungen entstehen immer mehr Lücken in der Landschaft. Naturnahe Gärten könnten dort als „Trittsteine“ für Insekten und andere Tiere dienen. Sie bieten Nahrung, Wasser und Schutz sowie Möglichkeiten zur Fortpflanzung oder Rast. „Für Wildbienen kann ein blühender Garten darüber entscheiden, ob sie genug Nahrung finden oder nicht.“
„Zu fragen, warum Bienen wichtig seien, sei wie zu fragen, warum die Luft wichtig ist“, sagt Reinhard Scheuerlein, Regionalreferent des Bund Naturschutz Oberpfalz. Bienen seien eine zentrale Lebensgrundlage für den Menschen, weil sie weit mehr tun als nur Nektar zu sammeln. Sie ermöglichen die Fortpflanzung vieler Pflanzenarten.
Zur Artenvielfalt gehören auch Tiere und Kleintiere, die im oder rund um den Garten leben. „Insekten sind eine wichtige Nahrungsquelle für Singvögel, besonders für Jungvögel, die von ihren Eltern gefüttert werden müssen“, sagt Scheuerlein. Vogelfutter allein helfe Jungvögeln nicht, da sie auf Insekten angewiesen seien. „Ein längerer Rasen und damit mehr Insekten ist nicht nur vogelfreundlich, sondern auch fledermausfreundlich.“
Die Vielfalt der Lebewesen in einer Region beginne im Kleinen. Insekten dienen anderen Tieren als Nahrung, die wiederum von Räubern gefressen werden. Dieser Kreislauf starte bereits im eigenen Garten. „Alles hängt in der Natur mit allem zusammen“, sagt Reinhard Scheuerlein.



















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