Neustadt an der Waldnaab
02.11.2018 - 15:53 Uhr

Steinernes Gedächtnis der Stadt

Allerheiligen, Allerseelen präsentiert sich der Friedhof als leuchtendes Lichtermeer. Öfter als sonst besuchen die Menschen an den stillen Tagen die Gräber ihrer Lieben, um Zwiesprache mit den Verstorbenen zu halten und für sie zu beten.

Ein stattlicher Engel wacht über der Gedenkstätte der Vinzentinerinnen. Die Schwester der heiliggesprochenen Ordensgründerin Johanna Barbara Thouret ist 1796 im Lobkowitzerschloss gestorben. Bild: Gabi Schönberger
Ein stattlicher Engel wacht über der Gedenkstätte der Vinzentinerinnen. Die Schwester der heiliggesprochenen Ordensgründerin Johanna Barbara Thouret ist 1796 im Lobkowitzerschloss gestorben.

Eigentlich sind es in Neustadt zwei Friedhöfe. Der größere Teil gehört der Pfarrei St. Georg, der kleinere der Stadt. Die Grenze bildet der Weg, der von der Gärtnerei Steinhilber durch die Begräbnisstätte führt. "Jeder kann sich dort beerdigen lassen, wo er will", sagt Bestatter Stephan Schmid. Die Grabgebühren sind die gleichen, nur die Rechnung kommt entweder aus dem Pfarramt oder aus dem Rathaus.

Auf dem Neustädter Gottesacker darf jeder seine letzte Ruhe finden. Egal, ob Katholik oder Protestant, Griechisch-Orthodoxer oder Moslem, es ist Platz für jede Glaubensrichtung. Immer häufiger würden Konfessionslose beerdigt, verrät Schmid, der seinen Beruf seit 30 Jahren ausübt. Die Trauerfeier nehme dann nicht der Pfarrer, ein Pope oder Imam vor, sondern ein freier Trauerredner. Nicht selten erfülle diese Aufgabe seine Frau Michaela, eine ausgebildete Trauerrednerin. Wird Stadtpfarrer Josef Häring von den Hinterbliebenen gebeten, ist er jederzeit bereit, am Grab zu beten.

Den Platz vor dem Friedhof zieren die Kapelle Maria Hilf und die Dreifaltigkeitssäule als Rest einer alten Brunnenanlage. Beim Betreten richtet sich der Blick sofort zur Friedhofskirche und weiter auf das 1900 im Jugendstil erbaute Leichenhaus. Gleich nach dem Eingang erinnert ein von den Kulturfreunden Lobkowitz vor einigen Jahren erneuerter Grabstein an Johanna Barbara Thouret. Sie ist die Schwester der Heiligen Johanna Antida Thouret, Gründerin der Vinzentinerinnen, der Töchter von Besançon. Johanna Barbara starb im Neuen Lobkowitzerschloss, wo Fürst Lobkowitz den Grauen Nonnen Räume als Übergangskloster zur Verfügung gestellt hatte. Bis zu ihrem Tod am 23. Dezember 1796 stand die 1934 heiliggesprochene Johanna Antida ihrer jüngeren Schwester in Neustadt einige Wochen lang bei. Noch heute besuchen daher immer wieder die Ordensfrauen den Friedhof und das Schloss. Die Gebeine der 1702 gestorbenen Fürstin Maria Anna von Lobkowitz, der zweiten Gemahlin von Ferdinand-August-Leopold von Lobkowitz, dem Erbauer des Neuen Schlosses, wurden in der Gruft in der Stadtpfarrkirche St. Georg beigesetzt, ihre Eingeweide aber im Friedhof. Daran erinnert ebenfalls ein Gedenkstein. Ein großer Engel mit Amphore symbolisiert die Vorstellung, dass der Leib zu Staub wird. Rosen stehen für die Erneuerung des Lebens.

Kunstwerk aus München

Markant präsentiert sich die Begräbnisstätte der Armen Schulschwestern, die jahrzehntelang segensreich in Neustadt gewirkt haben. Seit 1955 bereichert ein imposantes Kunstwerk den Friedhof. Der Münchener Künstler Gollwitzer hat für die Grabstätte der Franziskaner-Minoriten in einen Stein aus Muschelkalk zwei sich kreuzende Hände mit Stigmata gemeißelt: die von Jesus und des Ordensvaters Franziskus.

Immer wieder verleiten Grabinschriften zum Schmunzeln, wenn es etwa heißt, hier ruht die Brauereibesitzerswitwe oder die Schuhmachersgattin oder die Jungfrau und der Jüngling.

1925 wurde im unteren Bereich des Gottesackers der Kinderfriedhof angelegt. Er besteht nur noch aus etwa einem Dutzend Gräber. Lediglich zwei Frühgeburten kamen in den letzten Jahren dazu. Ansonsten werden die Kinder in den Familiengräbern beigesetzt, erzählt Bestatter Schmid.

Immer mehr Urnengräber

Sehr verwittert ist der Grabstein mit Säulen und Weihwasserkessel von Friedrich Johann Baptist Dietl (gestorben 1872), Offizier in russischen und bayerischen Diensten. An den großzügigen Stifter des Waisenhauses erinnert heute noch die Johann-Dietl-Straße. Ähnlich verhält es sich mit dem Grabstein von Landrichter Karl Franz Reißer von Lichtenstein (gestorben 1864), der ebenfalls wie andere Steine und Platten dem Verfall preisgegeben ist.

Dies hat schon vor einiger Zeit den Oberpfalzverein auf den Plan gerufen. Wie jeder Friedhof sei auch der Neustädter gleichsam ein Buch, das eindrucksvoll den Weg der Stadt durch die Jahrhunderte aufzeige, erklärt Vorsitzender Ernst Umann. Jede Generation schreibe ein weiteres Kapitel hinzu. "Bei einer Fläche von einem Hektar ist der Gottesacker ein großes Museum." Weil aber zusätzlich immer öfter Gräber aufgelöst würden - in den letzten eineinhalb Jahren waren es nach Angaben der Verwalterin des katholischen Friedhofs Hermine Kastner-Bäumler mindestens 30 -, befürchtet der Oberpfalzverein, dass der Friedhof Gefahr läuft, sein Erbe als das steinerne Gedächtnis der Stadt zu verlieren.

Hinzu kommt der Trend zu pflegeleichten Urnenbestattungen. Sie machen unter den 60 bis 70 Beerdigungen im Jahr bereits rund 70 Prozent aus. Weil sie nicht mehr so viel Platz einnehmen, sind immer mehr Leerstände die Folge.

Künstlerisch wertvoll ist der Grabstein aus Muschelkalk auf der Grabstätte der Franziskaner-Minoriten. Er zeigt zwei sich kreuzende Hände mit den Stigmata: Eine gehört Jesus Christus und die andere dem Ordensvater Franziskus. Bild: Gabi Schönberger
Künstlerisch wertvoll ist der Grabstein aus Muschelkalk auf der Grabstätte der Franziskaner-Minoriten. Er zeigt zwei sich kreuzende Hände mit den Stigmata: Eine gehört Jesus Christus und die andere dem Ordensvater Franziskus.
In diesen stillen Tagen setzen sich die Menschen intensiv mit den Verstorbenen auseinander. Die Trauer um die Toten ist fester Bestandteil unseres Lebens. Auch die Grabmale auf dem Neustädter Friedhof, der im Herbst eine besondere Stimmung ausstrahlt, erzählen so manche Geschichte. Bild: Gabi Schönberger
In diesen stillen Tagen setzen sich die Menschen intensiv mit den Verstorbenen auseinander. Die Trauer um die Toten ist fester Bestandteil unseres Lebens. Auch die Grabmale auf dem Neustädter Friedhof, der im Herbst eine besondere Stimmung ausstrahlt, erzählen so manche Geschichte.
Der Kirchturm, der auf der Spitze steht:

Bis 1632 bestatteten die Neustädter ihre Toten in Altenstadt. Unter großen Mühen entstand schließlich im Garten von Bürgermeister Hans Dollhopf ein Gottesacker. Zu den Baukosten schossen alle Bürger Geld zu, indem sie sogenannte Schwingbögen, das sind Teile der Friedhofsmauer, stifteten. Sie sind heute noch sichtbar. Am 10. März 1661 fand die erste Beerdigung statt.

Bis zur Weihe der Friedhofskirche gingen noch einmal drei Jahrzehnte ins Land. Stadtrichter Kaspar Löwel hatte im Traum an vier Stellen des Gottesackers einen Engel sitzen sehen. Als er 1644 starb, hinterließ er 1000 Gulden zum Bau einer Kapelle. Auffällig an der Friedhofkirche sind die steinerne Portalumrahmung, die Sonnenuhr und der Kirchturm. Weil das Mauerwerk des Turms nach unten spitz zuläuft, hieß es im Volksmund schnell: Neustadt hat einen Turm, der auf der Spitze steht. Die Portalumrahmung des Kirchleins zeigt einen gebrochen Giebel - eine Anspielung an das geknickte Leben, das in den Gräbern ruht. Und die Sonnenuhr weist auf die rasch dahingehende Zeit hin, die den Menschen gegeben ist.

Die aus dem Jahr 1736 stammende, weit in den Kirchenraum hineinragende, dunkle Empore passt in ihrer Schlichtheit gut zu den Kirchenbänken. Der wirkungsvolle Hochaltar stellt den Kreuzestod mit der Auferstehung dar. In der Friedhofskirche fanden Geistliche, fürstliche Beamte und deren Frauen ihre Ruhestätte.

Die zahlreichen Grabplatten reden ein ernstes Wort von aller Vergänglichkeit, die auch vor dem Ansehen nicht halt macht. Der originellste Grabstein stammt von Stadtschreiberin Wiedenhofer: "Hier lieg ich und ruf über dich. Geh nit fürüber, bett für mich! Warst helffen mit Verspriche ich Zu bitten auch bey Gott für dich. Willst wissen aber wer ich sey Schau nur da steht mein nam darbey Maria Elisabeth Wiedenhofferin verwitibte Stadtschreiberin alda Geboren 1677. Gestorben 1746."

Weil der Glockenklang ziemlich hart klingt, haben die Neustädter alsbald gedichtet: "Gingl gangl, her mit'm Fankl." Dazu wird folgende Geschichte erzählt: "Manche, die um Mitternacht nach der Friedhofskapelle vorübergingen, sahen das Innere unvermittelt erleuchtet. Wenn sie ihre Furcht überwunden hatten und eintraten, erblickten sie im Kirchenschiff die zuletzt verstorbenen Menschen der Gemeinde. Auf dem Altar aber brannten Kerzen, die für die noch Lebenden standen. Wessen Licht zuerst erlosch, der musste als nächstes sterben. Ein Toter trat dem Besucher bei der Tür gegenüber und nannte in hauchendem Tonfall den Namen des Todeskandidaten.

Gingl gangl, her mit'm Fankl.

Neustädter Volksmund

 
Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:
Zum Fortsetzen bitte

Sie sind bereits eingeloggt.

Um diesen Artikel lesen zu können, benötigen Sie ein OnetzPlus- oder E-Paper-Abo.