02.10.2019 - 12:55 Uhr
Oberbibrach bei VorbachOberpfalz

Feuerwerk der Tastenkunst

Ein denkwürdiges Konzert beeindruckt, passend zur 900-Jahr-Feier des Dorfes, die Hörer in der Expositurkirche Oberbibrach. Auf einem historischen Instrument erklingen Träumereien aus höfischer Zeit

Während die Oberbibracher 900 Jahre Ortsjubiäum feiern, entfacht im prachtvollen Kirchenraum von St. Johannes Evangelist die britische Cembalistin Medea Bindewald ein "Scarlatti-Fieber".
von Robert DotzauerProfil
Stilvoll und charmant erklärt die Künstlerin das Programm und stellt dem Publikum ihr zweimanualiges Cembalo vor. Das Instrument ist ein Nachbau aus dem 18. Jahrhundert.

Weil sie die klanglichen Möglichkeiten von Instrument und Räumlichkeit geschickt einzusetzen weiß, steckte Cembalistin Medea Bindewald ihr Publikum mit dem „Scarlatti-Fieber“ an. Die Künstlerin wählte Werke, die dem festlichen Anlass Rechnung trugen. „Man muss sich in das 17. und 18. Jahrhundert zurückversetzen“, hieß es bei der charmanten Einführung in das Soloprogramm, das Bindewald mit Werken von Scarlattis Zeitgenossen Thomas Roseingrave, Frei Jacinto do Sacramento, Carlos Seixas und Padre Antonio Soler ergänzte.

Als Glückstreffer erwies sich die Akustik des Oberbibracher Gotteshauses St. Johannes Evangelist. Der Blick der Künstlerin schweifte durch den prachtvollen Kirchenraum, wanderte zu den kunstvollen Fresken sowie Verzierungen und blieb schließlich wieder an ihrem stilvollen zweimanualigen Cembalo-Nachbau aus dem 18. Jahrhundert hängen. „Das hier ist etwas Besonderes“, fand die Musikerin. Als die opulenten Klänge des Instruments das Kirchenschiff erfüllten, spürten die Zuhörer ganz gegenwärtig den goldfarbenen Hauch längst vergangener Zeiten. Diesem Zauber konnte sich niemand entziehen.

Medea Bindewald entführte mit ihren Darbietungen in südliche Gefilde. Mit ihrer Natürlichkeit und einem außerordentlichen Sinn für Klang brachte sie das „Scarlatti-Fieber“ auf Höchsttemperatur. In meditativer Melancholie und auch immer wieder überschäumender Fröhlichkeit ließ die Cembalistin die Werke des in Italien gebürtigen Komponisten und seiner Zeitgenossen erklingen. Wohldosiert setzte sie dabei für ihr stimmungsvolles Spiel alle Klangmöglichkeiten des Instruments ein. Und: Es triumphierte die Spontanität. Unverwechselbar und unverkrampft machte Bindewald, eingebettet in die Akustik des Rokokoraumes, die Musik der Barockzeit wieder lebendig.

Das musikalische Feuerwerk enthielt viel Scarlatti, hatte der Komponist doch mit seinen sagenhaften 555 Sonaten für Tasteninstrument für die Nachwelt „vorgesorgt“. Seine Werke, wie auch die vorgetragenen Stücke der anderen Komponisten, verlangten eine hohe technische Versiertheit, die zum Beispiel bei den Tonrepetitionen der Sonate K. 141 an die Grenze der Möglichkeiten des Instruments gingen.

Bindewald und das Cembalo bildeten aber eine famose Einheit: Extremes Tempo, wechselhaftes Zusammenspiel mit überkreuzenden Händen, Akkordspiel, Rhythmuswechsel und Tonwiederholungen vereinigte sie in Perfektion. Bei Solers "Fandango", ursprünglich ein erotisch angeheizter Paartanz aus dem 18. Jahrhundert, entlockte sie ihrem Instrument sogar Gitarren- und Kastagnetten-Klänge und erzeugte so quasi einen "Fieberstrom". Das variantenreiche Spiel entzauberte das Klischee vom antiquierten Cembaloklang.

Auch bei Frei Jacinto do Sacramentos Sonaten in d-Moll sowie den Werken von Carlos Seixas und Thomas Roseingrave entfaltete die Künstlerin ein wahres Feuerwerk der Tastenkunst. Ein eher poetisches Konzertprogramm mit vielen höfischen Träumereien wurde für die Besucher zu einem intensiven Hörerlebnis.

Im Blickpunkt:

Medea Bindewald

Die künstlerische Arbeit der in England lebenden Cembalistin Medea Bindewald ist vielfältig. Ihre Konzerttätigkeit führte sie zu zahlreichen europäischen Musikfestivals und Konzertreihen. Von 2003 bis 2010 lehrte sie an der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig. Bekannt wurde sie auch durch Live-Auftritte bei BBC Radio Leicester und durch die Live-Sendung "TonArt" auf WDR3.

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