05.07.2019 - 16:45 Uhr
Oberbruck bei KulmainOberpfalz

Haarige Prozession in Richtung Osten

Hermann Prölß ist Baumsteiger und einer von zehn Unerschrockenen, die dem Eichenprozessionsspinner zu Leibe rücken. Im Landkreis sind die kleinen Raupen mit den gefährlichen Brennhaaren unaufhaltsam auf dem Vormarsch.

Um die 20 Nester des Eichenprozessionsspinners haben die Experten in der Eiche an der Kapelle in Oberbruck vernichtet.
von Norbert Grüner Kontakt Profil

Die Eiche bei der Kapelle in Oberbruck bei Kulmain ist am Donnerstag das Ziel von Hermann Prölß und Thomas Stock. Dabei ist heute auch Benjamin Frummet, der seitens des Maschinenrings (MR) die Einsätze koordiniert. Schon im Vorfeld war das Areal per Flatterband abgesperrt und Warnschilder aufgehängt worden, damit sich niemand in die unmittelbare Gefahrenzone der Raupen begibt. Das Üble an ihnen sind ihre Brennhärchen, die sie vor Feinden schützen. Bei Gefahr schießen die Raupen diese Haare ab, der Wind trägt sie mit sich fort und damit sind sie auf ein paar Meter wirksame Geschosse. Wenn jemand ihre Bahn kreuzt und sie auf eine unbekleidete Stelle treffen, brennt das ganz fürchterlich. Manfred Köstler hat das am eigenen Leib erfahren. "Das juckt jetzt schon zwei Tage lang wie der Teufel, aber es ist heute schon besser als gestern." Hautkontakt könne richtig gefährlich werden, weiß Benjamin Frummet. Je nach Empfindlichkeit können üble Symptome wie eitrige Geschwüre und sogar Schockzustände auftreten.

Etwa 20 Nester, so nennen die Profis die Gespinste in denen unterschiedlich viele Raupen leben, sind es im Endeffekt, die sie an der Rinde der Eiche in jeder Höhe finden und unschädlich machen. Dazu bedarf es Sprühkleber, Plastiktüten und Bunsenbrenner. Mit dem Sprühkleber werden die Nester und ihr Inhalt fixiert. Darunter gibt es kein Entrinnen für die nur wenige Zentimeter großen Raupen. Dann wird eine Tüte darübergestülpt und das Nest darin verstaut. Die Tüte wird fest verschlossen und landet zunächst in einem Eimer, den der Baumsteiger mit sich führt.

Bunsenbrenner

Der Bunsenbrenner vernichtet mit seiner heißen Flamme etwaige zurückgebliebene Härchen oder Raupen an der Baumrinde. Die Plastikbeutel landen schließlich in einem größeren Beutel und die gehen direkt in die Müllverbrennung nach Schwandorf. Diese Vorgehensweise entspricht der gängigen Praxis. Von Eigeninitiative im eigenen Garten raten die Experten dringend ab.

So hätten kürzlich Jugendliche aus der Region böse Erfahrungen mit den Raupen gemacht. Sie entsorgten ein Gespinst im Ofen und waren anschließend alle mit juckenden und brennenden Pusteln übersät.

In so einem Fall solle man unbedingt einen Arzt aufsuchen, rät Frummet. Wer den Prozessionsspinner entdeckt, sollte sich beim Maschinenring unter Telefon 0 96 31 - 600 22-11 melden. Dort werde dann alles in die Wege geleitet. Die Baumsteiger selbst sind in weiße Schutzanzüge verpackt, die die Füße mit einschließen. Die Hände schützen eng anliegende Handschuhe, die Atemwege ein Schutzmaske und die Augen eine Brille. Fast wie Virologen in Actionfilmen sehen sie aus und müssen bei den Temperaturen ganz schön leiden, bis zu acht Stunden am Tag.

Nur tagsüber

Übrigens seien die gefräßigen Raupen, die zu 99 Prozent nur Eichenlaub verputzen, nur tagsüber in ihren Nestern anzutreffen. Die verließen sie in der Abenddämmerung, wenn sie in Reih und Glied hintereinander über die feinen Äste nach außen marschieren und ihr Mahl beginnen. Das exakte hintereinandergehen hat ihnen den Namen Prozessionsspinner eingebracht. Und weil sie am liebsten Eichenlaub fressen, wurde "Eichen" dem Namen vorangestellt. Laut Frummet sei die Art arg auf dem Vormarsch. Er sagt: "Ich denke im kommenden Jahr haben sie Tirschenreuth erreicht."

Diesen Zeitrahmen findet Hermann Pröls etwas zu sportlich, wenngleich er in dieselbe Kerbe schlägt und sagt, dass er heuer erstmals ein Nest in der Gegend um Erbendorf gesehen hat. 2017 sah Hermann das erste Gespinst im Kaibitzer Schloßpark. Im vergangenen Jahr tauchten die Raupen in den Gemeinden Kulmain, Kemnath und Immenreuth auf. Es seien in diesen Orten weniger gewesen als heuer, wo der Experte von "massiven" Vorkommen spricht. "Der Eichenprozessionsspinner wandert in östlicher Richtung und wurde bereits in Höhen von 605 Meter über Normalnull gesehen, sagt Prölß. "Vom Klima und von der Höhenlage her braucht keiner mehr hoffen, dass er irgendwo im Landkreis nicht hinkommt, das ist nur eine Frage der Zeit. Er wird kommen und wir werden ihn auch nicht mehr loswerden", schätzt er die Situation ein.

Täglich im Einsatz

Seit April sind die Profis im Einsatz. Derzeit sind sie mindestens ein bis zwei Mal in der Woche unterwegs um den Invasoren den Garaus zu machen. Gegen Ende Juli dürfte der Spuk dann für dieses Jahr vorbei sein, heißt es. Prölß verspricht: "Ich behalte den Feind im Auge."

"Das juckt und brennt fürchterlich", sagt Manfred Köstler, der einmal kurz nicht aufgepasst hat.
Sicher im Plastikbeutel verpackt. Dieses Nest kommt zu den anderen in einem weiteren großen Plastikbeutel. Die werden dann in der Müllverbrennungsanlage in Schwandorf verbrannt.
Mit dem Gasbrenner werden letzte Rückstände an Härchen und Raupen beseitigt.
Sicher eingetütetes Nest.
Mit Sprühkleber wird das Nest gesichert.
Direkt hinter dem Warnschild ist das erste kleinere Nest an der Eichenrinde.
Die Raupen des Eichenprozessionsspinners sehen harmloser aus als sie sind.
Die Raupen des Eichenprozessionsspinners sehen harmloser aus als sie sind.

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