Oberleinsiedl bei Ursensollen
06.03.2020 - 18:08 Uhr

Sind die Bauern wirklich an allem schuld?

Deutliche Worte gab es in Oberleinsiedl bei der Versammlung der Erzeugergemeinschaft Qualitätsgetreide zum Reizthema Düngeverordnung.

Dr. Hansgeorg Schönberger bei seinem engagierten Vortrag vor den Getreidebauern bei deren Frühjahrsversammlung in Oberleinsiedl. Bild: wec
Dr. Hansgeorg Schönberger bei seinem engagierten Vortrag vor den Getreidebauern bei deren Frühjahrsversammlung in Oberleinsiedl.

Große Aufmerksamkeit herrschte bei der Frühjahrsversammlung der Erzeugergemeinschaft Qualitätsgetreide in Oberleinsiedl im Gasthaus Michl. Als Gastredner trat Reinhard Jung aus Brandenburg ans Rednerpult. "Wie geht es nun nach den Trecker-Demos weiter?", stellte er in den Raum. Sein leidenschaftliches Plädoyer richtete sich gegen die Insektenlüge, gegen Mercosur und die Düngeverordnung. Er forderte mehr bäuerliche Familienbetriebe, von denen es im Osten immer mehr, im Westen immer weniger gebe. Die Bewegung "Land schafft Verbindung" müsse unbedingt unterstützt werden.

Der Druck der Bauern auf der Straße sei angekommen, Grundsympathie und Verständnis für die Landwirte seien spürbar. Seiner Meinung nach sei "der Kompromiss, die Düngeverordnung 2017 auszuprobieren, kompletter Schwachsinn" und beruhe auf Lug und Betrug. Jung halte auch die immensen Auflagen, die auf die Bauern einprasselten, für sinnlos. Jeder Landwirt sei im Grunde ein Freund der Natur, habe aber auch eine Berufsehre. Er produziere Lebensmittel - und das mit gutem Gewissen.

Mit Daten und Fakten wartete Rafef Al Saker als Getreidehändlerin von Bayernhof auf. Sie berichtete über statistische Zahlen auf dem Getreidemarkt sowie die aktuelle Situation weltweit. China sei bedeutender Weltimporteur für Deutschland, der Export schwächele jedoch aufgrund des grassierenden Coronavirus stark und drücke die Preise.

Die nahende Afrikanische Schweinepest sorge für Unsicherheit bei Mästern und Züchtern. Deutschland habe bei Raps einen großen Importbedarf. Sowohl Dinkel als auch Soja seien groß im Kommen. Al Saker empfahl, sich mit dem Anbau von Dinkel zu beschäftigen und gab Infos dazu.

In diesem Jahr stehe die Düngeverordnung und der "Blühstreifen am Feldrand" im Fokus des AELF, so Engelbert Hollweck. Er appellierte an die Bauern, auf die allerhand Bürokratie zukomme, die Hilfe vom Amt in Anspruch zu nehmen. Hollweck wunderte sich über die roten Gebiete im Landkreis, die angeblich Gewässer mit hoher Nitratbelastung ausweisen. Durch den berechtigten Eingriff des Vorsitzenden der Erzeugergemeinschaft, Georg Straller, sei Bewegung in diese Diskussion gekommen. Auch der Bayerische Bauernverband, vertreten durch Kreisobmann Peter Beer, arbeite sehr gut mit Georg Straller daran.

Beer stellte die Düngeverordnung an den Pranger, "das ist auch für Fachleute nicht mehr nachvollziehbar!". Die Düngung sei vor der Ernte notwendig, man habe auf die Witterung und die daraus resultierende Ernte keinen Einfluss. Er forderte die Bauern auf, die Bewegung "Land schafft Verbindung" bei der Veranstaltung am 5. März in Regensburg zu unterstützen.

Info:

Fakten zur Landwirtschaft

Dr. Hansgeorg Schönberger von der N.U. Agrar zog alle von Anfang an in seinen Bann. „Die Bauern sind an allem schuld – oder?“, so titelte sein Vortrag, der eigentlich nicht nur von Landwirten gehört werden sollte, sondern vielmehr von der breiten Öffentlichkeit und all denjenigen, die kein gutes Haar an den Nahrungsmittelproduzenten Nummer eins ließen.

Schönberger reflektierte die Veränderung des Menschen und die Entwicklung der Möglichkeiten, für Lebensmittel zu sorgen, angefangen bei Adam und Eva, über den Jäger und Sammler bis hin zum heutigen Lebensmittelproduzenten. Wenn die Landwirte alles so schlecht machten, warum seien dann die Böden trotz jahrtausendelanger Bewirtschaftung immer steigend ertragsfähig? „Wo geht Massentierhaltung los?“, fragte er und verwies auf dichtgedrängte Hochhaussiedlungen. Derartige Lebenssituationen könne man im direkten Vergleich durchaus als „Käfighaltung für Menschen“ bezeichnen, dies scheine jedoch niemanden großartig zu stören.

Aber – „viele Menschen brauchen auch viel zu essen!“ Zu Kriegszeiten in den 1940-er Jahren versorgten sich noch 60 Prozent der Menschen selbst, mit zunehmendem Fortschritt und einer „Fresswelle“ in den 50er Jahren stiegen auch die Ansprüche an das Essen. Auf dem Weg vom Hunger zum Überfluss und mit dem steigenden Grad der Selbstversorgung nahmen auch die Diskussionen rund um das Essen zu. Einmal ging es um die Cholesterinwerte, dann um Seveso und die steigende Krebsangst, dann kamen Tschernobyl und vergiftete Böden.

Seit Anfang der 2000er Jahre höre man die Schlagworte „Bodenschutz – Naturschutz – Artenschutz“ und Anforderungen an die Produktionsweise stiegen kontinuierlich. Glyphosat und Angst vor Gentechnik machten dem Verbraucher ebenso Angst wie Gluten in Weizenprodukten. Wobei Professor Schönberger darauf hinwies, dass auch Dinkel Gluten enthalte – entgegen der allgemeinen Meinung.

Die Grundbedürfnisse des Menschen müssen mit den Schutzbedürfnissen von Wasser, Boden und Klima vereinbar sein. Gleichzeitig dürften weder für die Natur noch für die Artenvielfalt Nachteile entstehen.

Wenn man dann noch die Wahl-Bedürfnisse der Verbraucher – ohne Gentechnik, ohne Chemie und ohne Kunstdünger – mit einkalkuliere, sei man wieder bei regional und bäuerlich. Die sozialromantischen Vorstellungen des Städters träfen jedoch oftmals auf die weniger idyllische Realität in der Landwirtschaft. (wec)

 
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