16.06.2020 - 09:02 Uhr
OberpfalzOberpfalz

Bleib‘ mir vom Leib

Kein Schaden ohne Nutzen: Die Pandemie hält Menschen auf Distanz. Toll, findet Elke Summer. Endlich ist das Gedrängel an der Wursttheke verboten. Und im Restaurant kehrt so etwas wie Privatsphäre ein.

Endlich Abstand - die aktuelle Situation bietet auch Vorteile.
von Redaktion onetzProfil

Von Elke Summer

Darf ich mal, bitte? Nein, dürfen Sie nicht. Solange ein Virus zwischen uns steht, ist Drängeln tabu. Die Corona-Krise lässt uns beim Einkaufen endlich den Freiraum, von dem wir immer geträumt haben. Toll. Denn vor COVID-19 sind uns in jeder Warteschlange Menschen auf die Pelle gerückt, deren Nähe einfach unangenehm war. 300 Gramm Parmaschinken kaufen und drei Meter gegen den Wind nach Billig-Deo riechen – diese Charakterstudien in der Metzgerei gehörten zum Alltag. Heute verhindert der Mindestabstand von 1,50 Metern das unfreiwillige Gruppenkuscheln am Verkaufstresen. Ohne schlechtes Gewissen darf ich jetzt sagen: Bleib‘ mir vom Leib.

Seit jeher kennen Psychologen Distanzzonen. Wer uns in einem Radius von 50 Zentimetern und darunter umkreist, muss entweder die große Liebe, das eigene Kind oder das kuschelige Haustier sein. Fachleute sprechen dann von „intimer Zone“, der Intimsphäre. Alle anderen dürfen sich in der persönlichen Distanzzone tummeln, die in einem Abstand von 1,50 Metern Kollegengespräche oder Smalltalk mit der Nachbarin erlaubt. Werden diese Zonen von wildfremden Menschen unterschritten, löst das Stress und Unbehagen aus. Wie eben der Drängeltyp von der Wursttheke, der sich in meinem Dunstkreis hautnah von der Qualität der Edelsalami überzeugen musste und mir deshalb zu nahe trat.

Auch bei meinem Lieblingsitaliener war die Tuchfühlung mit Tischnachbarn gelebtes Gastro-Konzept. Links neben uns ein gut situiertes Paar, das zwar Geld, aber keinen Gesprächsstoff hatte. Durch ihr Schweigen konnten die beiden jedes Wort von uns verstehen. Rechts neben uns die coolen Jugendlichen, die so laut waren, dass wir Dinge hören mussten, die definitiv nicht für unsere Ohren bestimmt waren. Wer diese Enge mochte, fühlte sich sauwohl. Ich fand‘s grässlich, deshalb kann ich den behördlich verordneten Abstandsregeln eine Menge abgewinnen. Die Tische sind auseinandergerückt – ohne Rücksicht auf mediterrane Lebensfreude und kulinarische Gruppendynamik. Und dank Corona kann ich eine nervige Frage ganz klar beantworten: Ist hier noch frei? Nein.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.