05.09.2019 - 13:17 Uhr
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Die Windkraft in der Oberpfalz: Vier Blickwinkel

Drei Windräder bei Pamsendorf in der Nähe von Pfreimd, fotografiert vom Schlossberg Tännesberg
von Wolfgang Würth Kontakt Profil

Im Hessenreuther Wald bei Erbendorf (Landkreis Tirschenreuth) sollen bis zu 13 Windkraftanlagen entstehen. Noch gibt es keinen Bauantrag, aber bereits viel Widerstand. Ein Anlass mit Oberpfälzer Experten und Betroffenen über Windräder und erneuerbare Energie zu sprechen.

 

Veränderung der Energieträger in Bayern

 

Der Anwohner

Christian Seegerer

Christian Seegerer kann noch lachen, wenn er über sein Leben mit den Windrädern erzählt. Glücklich sind er und seine Familie aber nicht über die fünf gut 200 Meter hohen Anlagen des Windparks Pamsendorf, die seit September 2016 etwa 900 Meter vor ihrem Haus im Gutenecker Ortsteil Trefnitz arbeiten. Hätte die 10-H-Regel schon gegolten, hätte der Abstand gut 2000 Meter betragen müssen. Allerdings trat die Regel erst drei Tage nach Genehmigung in Kraft, sagt Seegerer. Er sei immer gegen den Bau gewesen, andere im Dorf wollten sich nicht gegen die Pamsendorfer stellen, die die Grundstückspacht für die Anlagen erhalten. Unfriede habe die Planung trotzdem in die Dörfer über dem Naabtal zwischen Pfreimd und Nabburg gebracht, bis in Familien hinein.

Inzwischen sei die Ruhe zurück. Man merke, dass viele das Thema gerne totschweigen würden. Ignorieren kann Seegerer die Anlagen aber nicht. Vor allem bei Nordostwind ist das tiefe Brummen der Generatoren zu hören, ganz weg ist es aber nie. „Es ist wie ein Flugzeug, das übers Haus fliegt, aber nie verschwindet.“ Tagsüber überhört man es manchmal. Aber wenn die Vögel nicht mehr singen und die beiden Söhne im Bett sind, sei es wieder da. „Wenn ich im Bett liege und nicht schlafen kann, ist es kein Spaß.“ Der offene Dachstuhl im idyllisch gelegenen Haus wirke dann wie ein Resonanzkörper.

Ob sich der Schall körperlich auswirkt, lasse sich nur schwer sagen. Seegerer glaubt, schlechter zu schlafen. „Besonders bei Nordostwind sind wir nie ausgeschlafen.“ Früher habe er seltener an Kopfschmerzen gelitten. „Aber ob das an den Windrädern liegt, kann ich nicht sagen.“ Zum Schall kommt morgens der Schattenwurf und abends der Discoeffekt durch die Rotorblätter. „Es ist schwer zu erklären, wie störend das ist.“ Immerhin schalten sich die Windräder von selbst ab, wenn das Schatten-Phänomen länger als 30 Minuten auftritt.

Noch ein Nebeneffekt: „Wenn wir in unserem Wald Holz machen, begeben wir uns im Winter in Lebensgefahr“, erklärt der 44-Jährige. Die Rotorblätter könnten dann Eis mit hoher Geschwindigkeit über weite Strecken schleudern. Familie Seegerer hat sich arrangiert, über einen Umzug denke sie nicht nach. „Aber jeder, der mir sagt, das wäre nicht so schlimm, darf sich gerne einmal zwei Stunden vor mein Haus setzen.“ Auch wenn er noch lachen kann, lustig findet Seegerer das Leben mit den Windrädern nicht.

Der Ingenieur

Professor Magnus Jaeger

Magnus Jäger hält eine Menge von der Windkraft: „Sie produziert günstigen Strom ohne Emissionen“, sagt der Professor für Energie-, Umwelt- und Verfahrenstechnik an der OTH Weiden. Das liege an der hohen Zuverlässigkeit, erklärt der Ingenieur. An den Küsten Norddeutschlands kommen Anlagen auf 7000 Volllaststunden jährlich. „In unserer Mittelgebirgsregion sind es immer noch gut 2000“, sagt Jaeger. Photovoltaik-Anlagen erreichen dagegen selten mehr als 1000 Volllaststunden.

Jaeger sagt aber auch, dass es eine politische Entscheidung ist, sich für einen Weg bei der Energieversorgung zu entscheiden. „Ich halte nichts davon, etwas als alternativlos darzustellen.“ Allerdings müsse man sich bewusst sein, dass jede Alternative Kosten verursacht. Bei Erneuerbaren Energien liegen diese Kosten laut Jaeger vergleichsweise niedrig, wenn man die lange Frist berücksichtigt. Sie seien auf jeden Fall niedriger als bei CO2 verursachenden fossilen Energieträgern, oder bei der Kernkraft, bei der die Entsorgung unklar ist. Tschechien werde langfristig keine Freude am beschlossenen Kernkraftausbau haben. In Deutschland hält Jaeger die Kernkraft ohnehin für politisch und wirtschaftlich nicht mehr durchsetzbar.

Hätte der Wissenschaftler die Wahl, würde er deshalb mehr auf Windkraft setzen. In der Oberpfalz werden 9 Prozent des Strombedarfs durch Windkraft gedeckt. Jaeger kann sich eine Verdopplung vorstellen. Grundsätzlich hält der Ingenieur aber nicht viel von pauschalen Aussagen, er setzt auf passgenaue Lösungen. Dabei spielt der Energieträger Gas eine wichtige Rolle. Der sei wesentlich länger als Öl verfügbar und verursache weniger CO2-Emission.

In der eigenen Forschung setzt Jaeger auf ein Thema, dessen Bedeutung noch unterschätzt werde: intelligente Steuerung. Was einmal mit verbilligter „Nachtstromnutzung“ begann, lasse sich heute dank digitaler Technik ausweiten und passgenau steuern. Mit seinen Mitarbeitern forscht Jaeger etwa an Steuerungstechnik, die relativ kleine Blockheizkraftwerke dann zuschaltet, wenn über das reguläre Stromnetz zu wenig Energie fließt. Diese Kraftwerke könnten schon in wenigen Jahren die Versorgung von Wohnanlagen absichern und so das Problem der sogenannten Grundlast lösen. Wind und Sonne alleine sind zumindest derzeit zu unsicher, weil sich die Stromerzeugung nicht direkt an den Verbrauch anpassen lässt, sondern von Sonnenstunden und Windgeschwindigkeit abhängen.

Der Klimaschützer

Reinhard Scheuerlein

Für Reinhard Scheuerlein ist die Frage nach der Windkraft existenziell: „In unseren Wäldern hat ein Waldsterben bisher unbekannten Ausmaßes eingesetzt“, nennt der Regionalreferent für die Oberpfalz im Bund Naturschutz (BUND Bayern) eine bereits sichtbare Folge des Klimawandels. „Daher muss nach unserer Auffassung die dringend erforderliche Energiewende mit dem Dreiklang Energiesparen, Erhöhung der Energie-Effizienz und Ausbau der Erneuerbaren Energien erfolgen.“

Vor allem in Bayern sei der Beitrag der Windenergie zu gering. Es ist die 10-H-Regel, die die Windkraft ausbremst. Im ersten Halbjahr sei im Freistaat keine einzige Anlage neu ans Netz gegangen. Allerdings gebe es auch in Bayern große Unterschiede. So habe im Jahr 2017 der Landkreis Neumarkt 126 Prozent seines Strombedarfs erneuerbar erzeugt. Bei den Landkreisen Neustadt/WN und Tirschenreuth waren es 63 und 61 Prozent. Besonders bei der Windkraft sei der Unterschied „eklatant“. Im Landkreis Neumarkt wurde 33 mal so viel Windstrom erzeugt wie im Landkreis Neustadt und immer noch 16 mal so viel wie im Kreis Tirschenreuth.

Den Vorwurf, der BUND würde Natur- und Artenschutz vernachlässigen, lässt Scheuerlein nicht gelten: „Als Naturschutzverband ist es für uns selbstverständlich, dass eine nachvollziehbare und fundierte Standortwahl erfolgen muss.“ Fälle, in denen der BUND in Bayern zuletzt gegen Windkraftanlagen mit einer Klage vorgegangen sei, habe es laut Scheuerlein nicht gegeben. Ob sich das beim Hessenreuther Wald ändert, ist offen. Schon als es im Jahr 2013 Planungen für den Standort gab, veröffentlichte der BUND eine Pressemitteilung unter dem Titel „Hände weg vom Hessenreuther Wald“.

Deren Inhalte seien weiter aktuell, solange keine fundierten Daten zu neuen Planungen und zur Tierwelt in dem Gebiet vorliegen. „Wegen der hohen Sensibilität des betroffenen Gebiets sind wir bei weitem nicht sicher, ob die Naturschutzanforderungen an eine solche Planung in diesem Bereich erfüllbar sind. Wir fordern daher, die Pläne und aussagekräftige Unterlagen offen zu legen, um eine fundierte Stellungnahme dazu abgeben zu können.“

Der Landschafts- und Artenschützer

Johannes Bradtka

Johannes Bradtkas Meinung zur Windkraftanlagen lässt sich kurz zusammenfassen: Es sollte keine geben. Mindestens in Waldgebieten fordert der Vorsitzende des Vereins für Landschaftspflege und Artenschutz in Bayern (VLAB) ein Verbot. Der VLAB ist bundesweit als Umwelt- und Naturschutzvereinigung zugelassen. Damit hat er das Verbandsklagerecht, er kann etwa gegen Baugenehmigungen klagen, wenn sie unverhältnismäßig in die Natur eingreifen. Der VLAB nutzt dieses Recht vor allem, um gegen Windkraftanlagen vorzugehen. 37 Klagen führe der Verein aktuell in Bayern, Baden-Württemberg und Mecklenburg-Vorpommern. Und der Widerstand wachse bundesweit. „Rund 60 Prozent aller Anträge werden momentan bundesweit beklagt.“ Auch der VLAB tue alles, um zu verhindern, dass über Jahrhunderte gewachsene Kulturlandschaften zu Industriegebieten werden. In den teils mehr als 200 Meter hohen „Monstern“ sieht Bradtka nichts anderes als Industrieanlagen.

Auch das Artensterben bringt Bradtka mit der Windenergie in Verbindung. „Artenvielfalt und Windkraft schließen sich aus“, sagt der studierte Forstwirt. Vor allem für gefährdete Greifvögel wie Rotmilan und Mäusebussard seien Windkraftanlagen eine existenzielle Gefahr. Auch zum Insektensterben trage die Windenergie bei. Hinzu kommen Gesundheitsgefahren für Anwohner durch Infraschall. Neue Untersuchungen zeigen, dass Windkraftanlagen Immobilienpreise sinken lassen. Für den VLAB steht dem zu wenig Positives gegenüber. In keinem europäischen Land wurde die Windkraft so ausgebaut, und doch ist es Deutschland, das seine Klimaziele verfehlt. Um windlose Zeit abzudecken, müssen konventionelle Kraftwerke im Hintergrund „mitlaufen“, sagt Bradtka. Weil die Förderung für erneuerbare Energien den Bau moderner Gaskraftwerke unrentabel macht, übernehmen veraltete Kohlekraftwerke diese Grundlast.

Dabei ließe sich mit Gas viel CO2 einsparen. Statt Wald zu opfern, fordert der Verein verstärkte Aufforstung. Hierfür sollten Waldbesitzer entsprechend entschädigt werden, nicht nur in Deutschland, sondern etwa auch in Brasilien. „Es kann nicht sein, dass wir den Klimawandel bekämpfen möchten und dann die besten Kohlendioxidspeicher, unsere Wälder, für Windkraft opfern.“

Zahlen und Fakten :

Die Windkraft in Bayern und der Oberpfalz

128 Windkraftanlagen mit jeweils mehr als 10 Kilowatt Leistung waren laut Regierung der Oberpfalz Anfang des Jahres 2019 am Netz. Zusammen bringen sie es auf eine Nennleistung von 293 Megawatt und 709 Gigawattstunden Energie im Jahr. Dies entspricht 2420 Volllaststunden. Damit deckt die Windkraft etwa 9,5 Prozent des Oberpfälzer Stromverbrauchs ab, der 2017 bei rund 6500 Gigawattstunden lag.

Insgesamt wird knapp die Hälfte des Oberpfälzer Strombedarfs auf erneuerbare Art erzeugt. Allerdings macht der elektrische Strom weniger als 20 Prozent des Primärenergiebedarfs aus. Dieser Wert weist auch den Energieverbrauch für Heizung und Verkehr aus. Der Oberpfälzer Primärenergiebedarf wird statistisch nicht separat ausgewiesen. Bayernweit liegt der Anteil der erneuerbaren Energien am Primärenergieverbrauch allerdings bei weniger als 20 Prozent.

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