18.06.2019 - 16:44 Uhr
Oberteich bei MitterteichOberpfalz

Zupfen und zwirbeln: Doris Scharnagl-Lindinger hat ein ungewöhnliches Hobby

Durch einen Zufall kam die 46-Jährige aus Oberteich zum Spinnen von Schafwolle. Für das uralte Handwerk braucht sie aber Unterstützung durch moderne Technik.

von Lena Schulze Kontakt Profil

Durch Zufall kam Doris Scharnagl-Lindinger zum Spinnen. "Es ist eigentlich kein Hobby, sondern eine alte Zunft. Das machen sogar ziemlich viele, aber im Verborgenen." Vor zwei Jahren bei einem Dorffest fragte ein Bauer aus Großbüchlberg, der nebenher Schafe hält, ob jemand Schafwolle brauchen könne. "Eine Freundin spinnt öfter Wolle im Bärnauer Geschichtspark, die wollte ich mal fragen", erzählt die 46-Jährige. Dazu kam sie gar nicht. Am nächsten Tag standen drei riesige Säcke voll mit Schafwolle vor ihrer Haustüre. Ungewaschen, noch mit Ästen, Blättern und Unrat darin. "So viel konnte meine Freundin in Bärnau auch nicht brauchen", war sie über die Menge erstaunt. Einen Sack tauschten die Freundinnen, zwei Säcke blieben übrig. "Ich wollte die Schafwolle nicht verkommen lassen", sagt Scharnagl-Lindinger.

Die Oberteicherin interessiert sich sehr für altes Handwerk. Im Internet recherchierte sie, wie man die Wolle verarbeitet. Das Spinnen brachte sie sich mühevoll selbst bei. Zunächst probierte sie, die Wolle selbst zu waschen und weichte das Material in einem großen Bottich in Regenwasser ein. Zum Trocknen hing sie die Büschel an eine Wäscheleine. Bevor die Wolle weiterverarbeitet werden kann, muss sie kardiert - gebürstet und gekämmt - werden. Nach ein paar Versuchen stellte sie fest: "Per Hand ist das viel zu aufwendig und zu anstrengend." Scharnagl-Lindinger packte die Schafwolle in einen Karton und schickte sie in zur Wollkämmerei Godosar nach Grünberg im mittelhessischen Landkreis Gießen.

Motorisiertes Spinnrad

Die nächste Herausforderung: das Spinnen. "Zunächst hab ich es mit einer Handspindel versucht." Sie zupfte und zog die Wolle aus dem großen Büschel zu einer Art Faden und zwirbelte sie dann leicht, durch das Drehen der Spindel - ähnlich wie bei einen Kreisel - entsteht das Garn und wickelt sich an der Spule auf. "Da sitzt du ja Stunden", meinte ihr Mann Matthias. Aber die Frau, die seit zehn Jahren auf den Rollstuhl angewiesen ist, kann die Kurbel eines Spinnrads nicht mit den Füßen bedienen. "Ich bau dir was", sagte ihr Mann. Anstatt über das Fußpedal wird Scharnagl-Lindingers Spinnrad nun über einen Motor elektrisch betrieben. "Das ist jetzt schon der dritte Motor", sagt sie. "Der erste ging mir viel zu langsam."

Trotz Akkubetrieb braucht man zum Spinnen viel Fingerspitzengefühl. Schnell reißt die Wolle ab, oder man kommt mit dem Zupfen und Zwirbeln nicht hinterher. "Das Spinnen ist eigentlich eine typische Winterarbeit", sagt Scharnagl-Lindinger. Meist sitzt sie ein bis zwei Stunden am Abend vor dem Spinnrad. Ein meditative Beschäftigung. "Es geht so schnell und es ist schön, wenn die Spule immer voller und voller wird." Deswegen blieb sie nach den ersten Versuchen einfach dabei.

"Die meisten Spinnräder auf dem Markt sind Dekoration", sagt sie. "Da weiß man nie, ob sie funktionieren oder nicht." Ihr erstes Spinnrad kaufte die Frau einem Arzberger über das Internet ab. Nach einiger Zeit ging es kaputt und ein Ersatz musste her. Das zweite - ein original Flachsspinnrad, mit dem die Vorbesitzerin schon gesponnen hatte - ist schon über 55 Jahre alt. "Ein richtig neues, schönes Spinnrad kostet zwischen 400 und 500 Euro", und dann müsste es die Stiftländerin noch umbauen lassen.

Im Sommer kommt die aktive Frau nicht zum Handarbeiten. Dann ist auf dem Bauernhof in Oberteich mit den vielen Tieren zu viel zu tun. Dort lebt die 46-Jährige mit ihrem Mann und ihrem neunjährigen Sohn, ihre beiden erwachsenen Töchter wohnen nicht mehr im Haus. Auf dem Hof gibt es neben zwei Golden-Retriver-Hunden auch Katzen, Enten, Gockel, Gänse und Truthähne. Die drei Pferde sind Scharnagl-Lindingers ganzer Stolz. Neben dem Reiten und dem Spinnen ist die Oberteicherin zudem als ehrenamtliche Wohnberaterin und Behindertenbeauftragte im Landkreis unterwegs. Die Pistolensportschützin, die 2008 bei den Paralympics in Peking dabei war, ist außerdem immer noch als Sportschützen-Trainerin beim Behinderten- und Rehabilitations-Sportverband Oberpfalz (BVS) aktiv.

Mützen und Socken

Die Arbeit mit der Handspindel und das Stricken fallen Scharnagl-Lindinger durch eine Überbelastung der Arme sehr schwer. Wie beim Spinnen behalf sie sich mit einer Maschine. "Diesen Winter hab ich mit der Strickmaschine bestimmt 15 Mützen gestrickt. Die hab ich gleich zu Weihnachten verschenkt", sagt sie und lacht. Auch Handschuhe und Socken strickt die aktive Frau aus ihrer eigenen Wolle. Für den Hund einer Freundin arbeitet Scharnagl-Lindinger gerade an einem Hunde-Mantel.

"Es macht mir total Spaß, zu sehen, dass aus dem schmutzigen Rohmaterial ein eigenes Produkt wird. Da ist keine Chemie drin, nur reine Natur." Scharnagl-Lindinger verarbeitete inzwischen auch die Wolle von Lamas und Alpakas. Zwar ist diese sehr viel weicher, aber Schafwolle ist der Oberteicherin trotzdem lieber. "Die hat gröbere Härchen und reißt nicht so leicht." Ein Vlies Wolle, etwa ein Meter lang und zehn Zentimeter dick, wiegt rund ein Kilogramm. Daraus lassen sich etwa vier Spindeln voll Wolle spinnen.

"Immer nur weiße Wolle wird irgendwann langweilig", sagt die Hobby-Spinnerin. Ihre schwarze und braune Wolle ist jetzt fast seit einem Jahr in der Wollkämmerei. Zwar dauert die Bearbeitung der Aufträge in der Familienfirma teils sehr lange, dafür ist Scharnagl-Linder mit der Preis-Leistung sehr zufrieden. Auch im Wollefärben hat sie sich schon versucht. Beim erste Versuch, die weiße Wolle dunkelblau zu färben, scheiterte sie. Das Material verfilzte. "Ich musste das ganze nochmal per Hand kardieren. Aber mir wars zu Schade zum Wegwerfen.

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