10.02.2020 - 10:10 Uhr
OberviechtachOberpfalz

Abenteuerliche Balkan-Streifzüge

Im Jahr 2015 ist Harald Grill mehrere Monate durch den Balkan gereist. Bei einer Lesung im Doktor-Eisenbarth- und Stadtmuseum vermittelt er spannende Eindrücke. Mit Witz und Überraschungen fasziniert der Autor sein Publikum.

Behutsam hat sich Harald Grill bei seiner Reise den Balkan-Ländern angenähert. Bei den Freunden der Kunst erzählt er, wie er sich dabei von der "Entdeckung der Langsamkeit" hat leiten lassen.
von Georg LangProfil

„Wir haben heute drei Pausen, die erste is um Zehne!“, droht Harald Grill seinem Publikum im Saal des Kulturzentrums im Museum und verlangt mit einem Augenzwinkern, dass sich die Zuhörer auf eine lange Nacht einstellen. Die Lesung, die sich als unterhaltsame Schilderung seiner „Balkan-Streifzüge durch Rumänien und Bulgarien bis Odessa“ aus dem Jahr 2015 präsentiert, dauert dann nur gut eineinhalb Stunden. Gleichwohl hätte man den faszinierenden Ausführungen über Land und Leute in den Balkanländern – mit dazwischen eingestreuten Gedichten – noch länger zuhören können.

Groß vorstellen musste Monika Krauß, Vorsitzende der Freunde der Kunst, den 1951 in Hengersberg geborenen Schriftsteller nicht mehr. Er lebt seit Jahrzehnten mit seiner Familie in Wald (Landkreis Cham) und ist durch zahlreiche Publikationen und Auszeichnungen bekannt. In Oberviechtach liest er seit 1980 immer wieder und pflegt gute Kontakte zu den Freunden der Kunst, auch über das ehemalige Vorstandsmitglied Ellen Deuser-Schuler. Einleitend bringt Harald Grill selbst einen Abriss über die „Stempel“, die ihm im Laufe seiner jahrzehntelangen schriftstellerischen Tätigkeit aufgrund wechselnder Schwerpunkte verpasst wurden: Dialektgedichte, Kinderliteratur, Theaterdichter, literarischer Biograph, Reiseschriftsteller. Für all diese Schubladen gibt es Belege aus seinem reichen literarischen Schaffen, aber er will sich nicht in eine zwängen lassen.

Einfache Wege sind langweilige Wege.

Schriftsteller Harald Grill

Schriftsteller Harald Grill

„Hinter drei Sonnenaufgängen“ heißt das 2018 herausgekommene Buch, das an diesem Abend im Mittelpunkt steht. „Ich wollte mich langsam annähern!“ Drei Sonnenaufgänge nimmt er sich Zeit für den eigentlichen Start der Reise in der rumänischen Grenzstadt Oradea, deren vom Jugendstil geprägte Altstadt er verpasst, weil er nur die unattraktiven Außenbezirke erfasst. Im Laufe seiner weiteren Reise gewinnt er Erfahrung und nimmt sich viel Zeit für Erkundungen und für persönliche Kontakte mit den Menschen.

„Flüsse und Gebirgszüge sind Leitlinie“ und über allem steht die „Entdeckung der Langsamkeit“. Er bringt viel Zeit mit und „ein altes Auto mit defekter Servolenkung und nur sporadisch funktionierender Klimaanlage“. Dass der Wagen irgendwann stehen bleibt, plant er ein und sieht auch darin eine Chance, mit den Einheimischen ins Gespräch zu kommen. Die Autopanne passiert schneller als erwartet. Die Verständigung erfolgt über Gebärdensprache, Englisch und Deutsch.

In der 300 000-Einwohner-Stadt Timisoara erlebt er vielfältige Dialekte, nicht nur den der Banater Schwaben, die Kaiserin Maria Theresia einst hier angesiedelt hat. Der Autor bricht eine Lanze für den Dialekt generell, in dem er auch seine Erzählungen präsentiert. „Eine sinnliche Klangfarbe und eine inhaltliche Tiefe“ schreibt er der Dialektsprache zu, die er in unterschiedlichen Ausprägungen auch bei seinen Streifzügen erlebt.

Neben den spontanen Begegnungen prägen auch feste Termine seine Reise, deren Route die Zuhörer im Museum auf einem Handzettel mit Hin- und Rückfahrt sehr detailliert mitverfolgen können. Harald Grill hat Lesetermine, trifft einen Wirtschaftsberater und Angehörige seines Arztes aus dem Heimatort Wald, er ist in Sofia zu einer Radiosendung geladen oder logiert in einer Partnereinrichtung der Schwandorfer Kebbelvilla. Er erlebt aber auch abenteuerliche Zugfahrten und erkennt „Risse in der Gesellschaft“, etwa bei der Situation der Roma. Bei der Rückfahrt entsteht in Orschawa an der Donau das „Heimkommgedicht“ „Herbsttag am Eisernen Tor“. Der Fluss scheint in die entgegengesetzte Richtung zu fließen, „heim zu gehen, heim“.

Mit seinen Schilderungen über die Balkanländer zog Harald Grill die Zuhörer im Doktor-Eisenbarth- und Stadtmuseum in seinen Bann. Eingestreut wurden Prosa-Auszüge und Gedichte aus seinem Reisebuch.
Nobelpreisträgerin und Filmstar:

Auch auf die Spuren der Literaturnobelpreisträgerin von 2009, Herta Müller, stieß Harald Grill im Banat, wo die Schriftstellerin vor ihrer Auswanderung nach Deutschland bis 1987 lebte und arbeitete und heute noch großes Ansehen genießt. Voller Stolz führte man ihn in Nitzkydorf zu ihrem Geburtshaus.

Ein anderer prominenter Donauschwabe, der in der Region geboren wurde, ist der erste Tarzan-Darsteller Johnny Weissmüller, der nach seiner Laufbahn als amerikanischer Spitzenschwimmer die Filmkarriere einschlug und für seinen jodelnden Tarzan-Schrei weltberühmt wurde. (lg)

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