30.01.2019 - 15:52 Uhr
OberviechtachOberpfalz

Artenschutz per Gesetz oder freiwillig

Mehr Artenvielfalt in Bayern. Eine Forderung, die auf eine breite Zustimmung trifft. Doch es gibt Landwirte, die fühlen sich durch das Volksbegehren "Rettet die Bienen" angegriffen. Einer davon ist selber Imker.

Imker Michael Völkl appelliert an die Bevölkerung, das Volksbegehren zu unterstützen.
von Gertraud Portner Kontakt Profil

Es gibt immer weniger Hummeln, Wespen, Schmetterlinge, Mücken, Käfer und Bienen. "Ursächlich hierfür sind der übermäßige Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden, sowie die strukturelle Verarmung der Landschaft", heißt es bei einer Begründung für das Volksbegehren "Artenvielfalt - Rettet die Bienen". Das Ziel ist die Änderung des Bayerischen Naturschutzgesetzes. Die ÖDP fordert eine Neuausrichtung der Landwirtschaft und wird unter anderem von den Grünen und der SPD unterstützt. Der Bayerische Bauernverband (BBV) moniert einseitige Reglementierungen und verweist auf komplexe Zusammenhänge von Artenvielfalt und Biodiversität mit allen Wirtschafts- und Gesellschaftsbereichen.

Sebastian Betz probiert gerne Neues aus und baut auch Braugerste und Topinambur auf seinen Feldern in Weiding an. Ihn ärgert die Stimmungsmache gegen die Bauern.

Diskussion heizt sich auf

"Das Motto ist gut gewählt. Die Bienen unterstützt jeder gerne, auch wir. Aber nicht dieses knallharte Vorgehen gegenüber der Landwirtschaft", sagt BBV-Geschäftsführer Josef Wittmann. Und er moniert: "Es wird plump draufgeschlagen, aber niemand weiß genau Bescheid." Das Volksbegehren hat mittlerweile auch die Stammtische und sozialen Medien erreicht. "In unserer Whats-App-Gruppe geht es ganz schön zur Sache", erzählt Michael Völkl (50), Bienenfachwart und Vorsitzender des Imkervereins Schönsee und Umgebung. Der Verein unterstützt natürlich das Volksbegehren "Rettet die Bienen". Allerdings sind auch Landwirte unter den 37 Mitgliedern, die sich über Äußerungen in der Gruppe, wie "Ihr spritzt doch einfach wahllos rum!", sehr ärgern. Dazu gehört Sebastian Betz (29) aus Weiding. Der Agraringenieur, Pflanzenbauberater und Nebenerwerbslandwirt sieht nicht ein, warum alle Bauern wegen einiger schwarzer Schafe büßen sollen. Außerdem gebe es auch andere Faktoren für das Insektensterben. Er zählt auf: Klimawandel, Flächenversiegelung, Mäh-Roboter, Verkehr und Lichtverschmutzung. "Das Volksbegehren zielt nur auf die Bauern ab. Doch wir allein können die Biene nicht retten", betont er und lenkt den Blick beispielsweise auf Gärten, die keine Obstbäume und Blühstauden, dafür aber Steinwüsten haben. Betz wünscht sich Auflagen auch für andere Branchen, wie für die Autoindustrie. "Ich bin auch für die Artenvielfalt und nehme als Hobbyimker die Situation ums Bienensterben sehr ernst. Aber ich werde nicht unterschreiben", sagt Betz. Denn es seien viele Forderungen enthalten, welche in der Landwirtschaft einfach nicht umsetzbar sind. "Auf Freiwilligkeit und Dialog setzen und nicht auf das Gesetz", lautet seine Devise.

"Das Hauptproblem für die Bienen sind die Spritzmittel", moniert Michael Völkl, stellvertretender Vorsitzender des Kreisverbands der Imker im Landkreis Schwandorf. Eine Studie sage aus, dass sich auf einem Quadratmeter Wiese 70 Prozent weniger Insekten tummeln als noch vor 20 Jahren. Er stört sich vor allem an der Monokultur mit Raps und Mais, sowie am Einsatz von Spritz- und Beizmitteln. "Pestizide namens Neonicotinoide wirken auf die Biene wie ein Nervengift", erklärt Völkl, der sich mit der Königinnen-Zucht einen Namen gemacht hat. "Die Bienen finden nicht mehr zurück und verenden in großer Zahl." Das Volk werde schwächer und habe bald keine Flugbienen mehr. Er zeigt Bilder, wo die Nutzinsekten vor dem Bienenstock am Boden liegen. "Spritzmittel werden selbst im Honig festgestellt", betont der Experte.

"In der EU ist es seit Januar 2019 verboten, bienenschädliche Neonicotinoide im Freien zu verwenden", stellt Agraringenieur Sebastian Betz dazu klar. Er selbst habe diese auch vorher nicht eingesetzt, sondern lieber auf eine gesunde Fruchtfolge geachtet. Er probiert gerne Neues aus und baut neben Kartoffeln und etwas Mais auch Dinkel, Braugerste und Topinambur an. Auf das Herbizid Glyphosat würden Landwirte allerdings in manchen Fällen nur ungern verzichten. "Wir haben in Bayern zu viel Mais und Ackerbau", klagt Michael Völkl. Die Greening-Maßnahmen seien zwar ein guter Ansatz, gehörten aber verfeinert. Er wünscht sich, dass der Bauernverband mehr auf die Imker zugeht. Schon kleine Maßnahmen, wie das spätere Abmähen von Löwenzahn als wichtigstem Honigspender im Frühjahr, würden helfen. Aber wegen der Biogasanlagen sei dies schon so früh wie möglich und bis zu fünfmal im Jahr angesagt. Völkl ist seit 30 Jahren Imker und weiß: "Derzeit ist die Varroamilbe nicht mehr das Problem, sondern die Umwelteinflüsse, welche die Bienen in der Natur vorfinden. Das sind die Pflanzenschutzmittel, aber auch Monokultur und intensive Landwirtschaft." Und er bekräftigt: "Der Mensch braucht die Insekten zum Überleben. Aber wir stehen nicht auf Lebensmittel, die in Massen und möglichst günstig erzeugt werden."

Mit dem Volksbegehren soll erreicht werden, dass bis 2030 mindestens 30 Prozent der Flächen in Bayern gemäß Grundsätzen des ökologischen Landbaus bewirtschaftet werden. "In Deutschland kann der Landwirt nicht von den Produkten, die er erzeugt, leben", führt Sebastian Betz ins Feld. Aktuell gebe es für den freiwilligen Naturschutz verschiedene Programme (wie Blühstreifen, Schnittzeitpunkt, Fruchtfolge), wofür rund 40 Prozent der Flächen gemeldet seien. "Wenn dies aber Gesetz ist, dann bekommt der Landwirt kein Geld als Ausgleich. Das schadet dann besonders den Landwirten in unserer kleinstrukturierten Gegend", gibt er zu bedenken. Er selber sieht keinen Vorteil umzustellen. Denn derzeit könnten die Molkereien aufgrund zu wenig Nachfrage gar nicht mehr Biomilch annehmen und führen eine Warteliste.

Die Forderungen treffen zwar die Bauern am stärksten, aber sie sind nicht utopisch.

Martin Prey

Bio statt billig

Martin Prey vertritt eine andere Meinung. Der Biobauer, Bürgermeister von Niedermurach und stellvertretende Kreisvorsitzende der ÖDP betont: "Die ökologische Landwirtschaft löst nicht alle Probleme, aber viele." Er wird das Volksbegehren am 31. Januar um 14 Uhr in der VG-Geschäftsstelle Oberviechtach zusammen mit den Bürgermeistern aus Teunz, Gleiritsch und Winklarn offiziell starten. "Die Forderungen treffen zwar die Bauern am stärksten, aber sie sind nicht utopisch." Und er betont: "Jeder spürt, dass wir nicht so weitermachen können."

BBV-Geschäftsführer Josef Wittmann kritisiert, dass es bei diesem Volksbegehren nur darum geht, dass Landwirte etwas unternehmen. Den Einkommenseingriff sieht er als falschen Ansatz. Vor allem solange wie der Markt nach dem Motto "Billig will ich" funktioniere. Und nicht ganz ernstgemeint fügt Wittmann an: Man könnte auch dem Verbraucher per Gesetz verordnen, einen bestimmten Anteil des Gehalts für "Bio aus Bayern" auszugeben. Ungeachtet des Volksbegehrens läuft auch 2019 die gemeinsame freiwillige Aktion "Bayern blüht auf" von Bauernverband und Imkern weiter. Dafür haben die bayerischen Bauern 2014 den "European Bee Award" erhalten.

Volksbegehren:

Unterschriftslisten liegen aus

Das Volksbegehren „Artenvielfalt“ wird getragen von der ÖDP (Initiator), dem LBV (Landesbund für Vogelschutz) und den Grünen in Bayern, unterstützt von mehr als 100 Bündnispartnern, wie dem Bund Naturschutz Bayern, Landesverband Bayerischer Imker. Innerhalb von zwei Wochen (31. Januar bis 13. Februar) müssen sich zehn Prozent der Wahlberechtigten in Bayern für den Gesetzesentwurf aussprechen, damit es zum Volksentscheid kommen kann. Gelingt dies, so muss die Bayerische Staatsregierung innerhalb von vier Wochen Stellung beziehen und der Landtag spätestens drei Monate danach das Volksbegehren behandeln. Wird der Entwurf angenommen, so wird dieser Gesetz. Lehnt das Parlament ab, kommt es zum Volksentscheid. Der Landtag kann für diese Abstimmung auch einen eigenen Gesetzesentwurf einbringen.

Die Unterschriftslisten liegen ab heute in den Rathäusern auf.

Öffnungszeiten der Rathäuser:

www.schwandorf.bund-naturschutz.de

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