24.10.2019 - 14:27 Uhr
OberviechtachOberpfalz

Bürgermeister Weigl krempelt für Inklusion die Ärmel hoch

"Schichtwechsel" bei den Naabwerkstätten: Bürgermeister Heinz Weigl zieht die Jacke aus und packt an. Beim Monieren von Feuerlöschern trifft er auf einen kniffligen Job – und lernt dabei von Menschen mit Behinderung.

Bürgermeister Heinz Weigl (Zweiter von links) montiert Seite an Seite mit den Beschäftigten der Naabwerkstätten in Oberviechtach Köpfe für Feuerlöscher. Beim "Schichtwechsel" erfährt er, was die Menschen mit Handicap leisten.
von Monika Bugl Kontakt Profil

Bürgermeister Heinz Weigl ist an diesem Donnerstag nicht der einzige, der an einem inklusiven Arbeitsplatz die Ärmel hochkrempelt. Für die Aktion "Schichtwechsel" hatte sich der Neunburger Bürgermeister Martin Birner bei den Naabwerkstätten in Schwandorf einteilen lassen, der Oberbürgermeister Andreas Feller wollte in der Wäscherei Seite an Seite mit behinderten Menschen arbeiten. Für den Oberviechtacher Rathauschef beginnt der Einsatz schon um 8 Uhr morgens in der Holzbearbeitung.

"So etwas mach' ich immer gern", zeigt er sich willig und darf gleich selbst den neuen Laser in der Schreinerei bedienen. Bildungsbegleiter Rudolf Rettinger macht es vor: Den Deckel des Lasers anheben, ein Schneide- und Servierbrett mit der runden Aussparung rechts oben einlegen, Deckel zu und aufs Knöpfchen drücken. "Das geht ja ruckzuck", staunt Weigl, während das Gerät auf dem Brett das Logo der Naabwerkstätten einbrennt. "Da kann nichts passieren, wenn der Deckel offen ist, stoppt das Gerät", beruhigt der Bildungsbegleiter. "Ich bin schon perfekt, sehen Sie das?", scherzt der Neuling nach den ersten Arbeitsgängen mit einem Seitenblick auf Geschäftsführerin Margit Gerber und Werkstattleiter Hermann Prüfling. Während der Laser über das Holz fährt, ist Zeit, um Fragen zur Programmierung und zum Material zu beantworten.

High-Tech motiviert

So erfährt der "Praktikant", dass die Bretter schon vorgeformt geliefert werden. "Wir wollen ja auch als Dienstleister agieren", so die Mitarbeiter. Das erst vor kurzem angeschaffte High-Tech-Gerät kann Holz, Metall, Kork oder Kunststoff schneiden und gravieren. Vor allem kann es motivieren, wenn erst mal die Angst vor dem Neuen der Begeisterung weicht. Wer den Laser nach einer Anlernphase bedient, hängt im Normalfall von der individuellen Eignung ab. "Wir wollen die Menschen nicht überfordern, aber auch nicht unterfordern", erklärt Rettinger. "Wichtig ist uns dabei auch das eigenständige Arbeiten, nur so ist der Sprung in die freie Wirtschaft zu schaffen."

Der Stapel an fertigen Brettern ist inzwischen schon ganz schön angewachsen, und für den Gast aus dem Rathaus geht es nun weiter zur Montage. Ein Mitarbeiter räumt seinen Platz am großen Tisch, wo Teile für einen Feuerlöscher montiert werden. "Ah, das hab' ich schon einmal versucht, gesteht der Bürgermeister, "aber da hab' ich mich dumm angestellt". "Hier sind schon knifflige Sachen dabei", bestätigen auch die Bildungsbegleiter, während die Beschäftigen noch einen Zahn zulegen, um dem "Praktikanten" zu zeigen, was sie draufhaben.

Revanche im Rathaus

Immerhin zehn verschieden Typen an Feuerlöschern gilt es hier zu unterscheiden. Die Köpfe von "Magnum" oder "Colt" erfordern unterschiedliche Arbeitsschritte, und die Platznachbarn mit Handicap helfen gern, wenn der Bürgermeister die kleine Gasflasche nicht auf Anhieb ins Gewinde schrauben kann. Dankbar für so viel Kollegialität lädt der Bürgermeister die Belegschaft zum Besuch ins Rathaus ein. "Am besten bald, ich bin nur noch ein halbes Jahr Bürgermeister", informiert er die Mitarbeiter und verweist auf die anstehenden Kommunalwahlen.

Am Ende ist beim "Schichtwechsel", der früher auch unter der Bezeichnung "Rollentausch" Politiker an die Werkbank führte, ein neuer Auftrag für die Werkstätten in Sicht. Hier könne man doch auch die Türschilder fürs Rathaus gravieren lassen, meint der Gast. Außerdem hat er Gefallen gefunden am Prototyp einer dekorativen Zettelbox, die mit Hilfe des Lasers produziert wird. "Wie viel kostet so etwas?", wird der Interessent gleich konkret und will wissen, ob man den Zettelkasten auch mit dem Stadtwappen versehen kann. Den könne man dann beispielsweise bei Antrittsbesuchen im Rathaus verschenken. "Es muss ja nicht immer ein Eisenbarth-Elixier sein", überlegt der Bürgermeister und hat die Vorteile im Blick. "Das Elixier ist irgendwann ausgetrunken, der Zettelkasten bleibt."

Info:

Aktion "Schichtwechsel"

"Nur wenige haben eine Vorstellung von den Leistungen, die hier erbracht werden. Das wollen wir ändern." Mit diesem Ziel hat die Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen e.V. den Aktionstag "Schichtwechsel" anberaumt. Die Gäste aus Unternehmen oder Politik können Einblicke in die Vielfalt der Produkte und Dienstleistungen gewinnen und bei den vielseitigen Arbeitsprozessen mitwirken. Die Beschäftigten der Werkstätten sollen in Berufsfelder des allgemeinen Arbeitsmarkts schnuppern. Das soll Vorurteile abbauen, dass sie für den allgemeinen Arbeitsmarkt nicht geeignet sind. "Der Wechsel von Menschen mit Behinderung in den freien Arbeitsmarkt ist durchaus nicht selten", berichtet die Geschäftsführerin der Naabwerkstätten mit Sitz in Schwandorf und Zweigstelle in Oberviechtach, Margit Gerber. Erster Schritt in diese Richtung ist zunächst ein "ausgelagerter Arbeitsplatz", Firmen und Angestellte erfahren dabei noch Unterstützung. Ein regulärer Job scheitert aber oft weniger an der Eignung als am fehlenden Öffentlichen Nahverkehr.

Bürgermeister Heinz Weigl ist beeindruckt von der Qualität dieser Zettelbox. Rudolf Rettinger (rechts) erläutert die Herstellungsschritte.
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