Emmi Schießl ist eine Institution in Oberviechtach. Eine Geschäftsfrau wie aus dem Bilderbuch und engagiert im öffentlichen Leben. Auch mit 83 Jahren steht sie noch täglich hinter der Ladentheke im Spielwarengeschäft in der Bahnhofstraße. Doch damit ist bald Schluss. Sieben Monate nach dem Tod von Ehemann Albert hat sie sich nun zum Aufhören durchgerungen. "Einmal muss Schluss sein", sagt sie mit fester Stimme beim Gespräch mit Oberpfalz-Medien und platziert die letzte hölzerne Puppenstube neben bunten Legosteinen.
Das erste Elektrogeschäft
Das Traditionsgeschäft Schießl besteht seit 1924 in der Bahnhofstraße. "Mein Schwiegervater ging als Lehrling jeden Tag um 5 Uhr morgens mit Holzschuhen von Oberviechtach nach Pertolzhofen", berichtet Emmi Schießl. Als Meister eröffnete er dann 1924 das erste Elektrogeschäft am Ort. Es war die Zeit, wo es reichte, in jedem Raum ein schaltbares Licht und vielleicht noch eine Steckdose zu haben. Und die Mühlen bauten Gleichstrommotoren ein. Wie eine historische Zeitungsanzeige in der "Grenz-Warte" aufzeigt, war das Geschäftsfeld weitschichtig: Blitzableiterbau, Installation, elektrische Licht- und Kraftanlagen, Motorfahrzeuge, mechanische Werkstätte, BP-Benzintankstelle, Radio, Fernsehempfänger. Ab den 1950er-Jahren wurde der Laden zur guten Adresse für Unterhaltungselektronik mit den aktuellsten Singles und Schallplatten. Später kamen Spielwaren, Haushaltsgeräte und Modelleisenbahnen hinzu. Im Laufe der Jahre wurden rund 40 Elektrolehrlinge ausgebildet und etwa 15 Mädchen zur Einzelhandelskauffrau. Sohn Albert stieg ins Geschäft ein, machte seinen Meister und heiratete 1959 die Sparkassenangestellte Emmi Utz aus Schönsee. "Wir hätten nächstes Jahr unsere diamantene Hochzeit feiern können", sagt diese mit brüchiger Stimme. Während der Gatte in den letzten Jahren viel mit Eisenbahn-Reparaturen im Obergeschoss beschäftigt war, stand Emmi Schießl jeden Tag hinter der Kasse: "Ich habe den Kontakt mit den Kunden all die Jahre sehr geschätzt, und es war gut, dass ich den Laden jetzt noch gehabt habe. Das hat mich abgelenkt."
Ausverkauf läuft
Am 31. Dezember wird sie zum letzten Mal aufsperren. "Danach stricke ich Socken", meint die rüstige Seniorin lächelnd. Und da ist auch noch die Familie mit Sohn Albert, Tochter Petra und den vier Enkelkindern. Sie unterstützen bei der schweren Entscheidung und helfen beim Ausverkauf des Warenlagers, wo Rabatte bis 70 Prozent eingeräumt werden. Auch wenn nichts Neues mehr bestellt wurde, ist noch etliches an Spielzeug und Elektrokleingeräten da. "Ein Einzelhandelsgeschäft hat heute keine Zukunft mehr. Die Leute bestellen lieber im Internet oder kaufen die Angebote beim Discounter", sagt Albert Schießl.
Die Familie blättert in alten Geschäftsunterlagen mit handgeschriebenen Rechnungen. "Als kleiner Bub war ich oft bei Reparaturen dabei und hab mit der Taschenlampe geleuchtet", sagt Albert Schießl. Und Lehrerin Petra Scherz erinnert sich an einen Heilig-Abend, wo erst noch die Waschmaschine bei einem Kunden angeliefert werden musste. Mehr Spielzeug als andere hatten die Schießl-Kinder nicht: "Vieles wurde nach Weihnachten wieder weggeräumt!" Das galt ebenso für die Märklin-Züge des Juniors im Wohnzimmer. Auch wenn es den Spielwarenladen nicht mehr gibt, möchte Albert Schießl die Sparte Modelleisenbahn ein wenig weitermachen. Er ist ebenfalls selbstständiger Elektromeister und führt Installationen im Nebenerwerb aus. Im Visier: "100 Jahre Albert Schießl". Ein Versprechen, welches er dem Vater gegeben hat.




















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