09.07.2019 - 10:22 Uhr
OberviechtachOberpfalz

Ensemble "Ovigo" setzt "A Clockwork Orange" im Gewächshaus in Szene

Als "Late-Night-Special" bringt das Theaterensemble "Ovigo" den Klassiker "A Clockwork Orange" auf die Bühne. Im exklusiven Schauplatz der Gärtnerei Baumer setzen Schauspieler und Regisseure das schwierige Stück meisterlich um.

Daniel Adler (Alex) und die Allzweckwaffe Michael Zanner (Mr. Deltoid) laufen im Laufe des Stückes zur Höchstform auf. Mit der Inszenierung von "A Clockwork Orange" hat das Theaterensemble "Ovigo" den nächsten Erfolg verbucht.
von Udo WeißProfil

Das Stück „A Clockwork Orange“ ist nichts für schwache Nerven. Es geht in die Tiefe, macht betroffen. Das weiß jeder, der den Roman von Anthony Burgess aus dem Jahr 1962 als Lektüre im Englischunterricht gelesen oder die Verfilmung von Stanley Kubrick gesehen hat. Wenn sich ein Regisseur an dieses Meisterwerk der modernen Literatur heranwagt, es auf die Bühne bringen will, dann muss er sich sicher sein, dass er die geeigneten Schauspieler in seinen Reihen hat.

Florian Wein konnte sich sicher sein. Nach Erfolgen an verschiedenen Spielstätten in der Oberpfalz fand nun ein "Late-Night-Special" in der Oberviechtacher Heimat von "Ovigo" im Gewächshaus der Gärtnerei Baumer statt. Bei der beinahe Open-Air-Veranstaltung, die Dächer des Gewächshauses waren geöffnet, wurden die Gäste vor der Aufführung mit sommerlichen Getränken und Snacks von der Familie Baumer bewirtet.

Zum Inhalt des Stücks: Der despotische Anführer Alex (Daniel Adler) und seine „Droogs“ üben sich in exzessiver Gewalt gegen Wehrlose und prügeln sich unter Drogeneinfluss durch den Alltag. Die Gang wird charakterisiert durch die „Nadsat“-Sprache: „Gib mir Deng (Geld), du Bratschni (Bastard)“, „Du bist gluppig (dumm)“, „Ich hau dir ins Litso (Gesicht)“, „Echt Horrorshow! (Krass)“. Das Umfeld ist hilflos, also muss der Staat eingreifen.

Als Alex die Katzen-Lady tötet, wird er verraten und verhaftet. Nach einer dubiosen „Therapie“, bei der Kriminelle mittels Gehirnwäsche zu einem guten Bürger konditioniert werden, soll er seine Freiheit wiedergewinnen. Nach und nach beginnt man jedoch an einer derartigen Gut-Böse-Veränderung zu zweifeln. Der schmierige Mr. Deltoid (in einer Paraderolle: Michael Zanner) vom Jugendamt, der machtbessene Innenminister (Bernhard Zellner) und die „verrückte“ Polizeigruppe stellen sich kaum besser dar als die Verbrecher.

Die mutige Inszenierung traf den Grundtenor der Vorlage aus dem Jahr 1962 in bester Weise. Florian Wein und Regieassistentin Paula Klepser konnten bei der Umsetzung des komplexen Werks auf ein flexibles, ausdrucksstarkes, motiviertes und spielfreudiges Ensemble setzen. Gewalt, Machtmissbrauch und die Probleme beim Erwachsenwerden wurden mit Effekten wie einem Kampf in Zeitlupe dargestellt. Eigens komponierte Gesangspassagen, monotones Trommeln, Beethoven als Hintergrundmusik, kreative Kostüme und stimmungsvolle Lichteffekte gaben dem Stück eine besondere Note.

In den geschickt eingebauten „Umbauphasen“ wurden die puristischen Kulissen, die aus verschieden großen, grauen Quadern oder Rahmen bestanden, in ihre jeweils neue Funktion gebracht: Ein Quader als Filmkamera, Moloko-Behälter (das In-Getränk der „Droogs“, eine mit Substanzen angereicherte Milch) oder Schaltpult, ein Rahmen als Weihwasserkessel, Programmiergerät für Hirnströme oder Bildschirm. Der Industrielook des Gewächshauses komplettierte die futuristische Inszenierung. Dank galt Familie Baumer für die Überlassung der Halle. Nach dieser herausfordernden, aber bestens umgesetzten Inszenierung dürfen sich die Theaterfreunde schon auf weitere Ovigo-Aufführungen im "besonderen Rahmen" freuen.

Zeitgemäße Aussage:

Die zentrale Frage in "A Clockwork Orange" lautet: „Ist ein Mensch, der das Böse lebt, besser als jemand, dem das Gute aufgezwungen wird?“ Alex ist später zwar kein Übeltäter mehr, aber auch kein Mensch, der einen freien Willen hat. „Bin ich ein Hund? Bin ich wie ein clockwork orange?“, fragt er und weist damit auf die Cockney-Redewendung „As queer as a clockwork orange“ hin. Das ist die Kernaussage des Stücks: Der Mensch ist etwas Natürliches (wie eine Orange), den man nicht wie ein Uhrwerk aufziehen und funktionieren lassen kann. „Sie wollen uns zu Robotern machen“, dieser Satz bekommt im Zeitalter der künstlichen Intelligenz eine ganz besondere Bedeutung. (weu)

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