14.10.2019 - 15:36 Uhr
OberviechtachOberpfalz

Mit Glück und viel Willen

Seit zwei Tagen ist die Grenze zur Bundesrepublik offen. Birgit Walter steigt in Leipzig in den Zug und schaut sich nicht mehr um. 30 Jahre später erinnert sie sich an diesen Tag. Und ist dankbar für ihre neue Heimat in Oberviechtach.

Vor 30 Jahren mit dem Zug in den Westen: Birgit Walter (58) bezeichnet Oberviechtach als ihre neue Heimat. An eine Rückkehr nach Sachsen hat sie nie gedacht.
von Gertraud Portner Kontakt Profil

Der 11. November 1989 ist ein Samstag. Im Morgengrauen steigt eine junge Frau am Hauptbahnhof Leipzig in den Zug nach Westen. Ohne Abschied von ihrer Familie zu nehmen, macht sie sich mit einer Reisetasche und ihrem vierjährigen Sohn auf in eine ungewisse Zukunft, "Mein Vater hätte es damals nicht verstanden, und meine Mutter war schon neun Jahre tot", sagt Birgit Walter (58) ihre "Nacht- und Nebelaktion". Der Neuanfang ist geglückt. Seit Dezember 1989 lebt und arbeitet sie in Oberviechtach. "Ich bin vom Ossi zum Oberpfälzer geworden", bekräftigt Birgit Walter in akzentfreiem Hochdeutsch. "Bei meinen sprachlichen Versuchen lachen nur die anderen." Auch der sächsische Dialekt sei nicht ihr Ding.

Schon mit zwei Jahren ein „Bayerisches Madl“: Das Dirndl schickte die Tante aus Bielefeld nach Sachsen. Der DDR-Führerschein gilt noch.

Den Bruder verpasst

Den Mauerfall am 9. November hat sie in ihrem Heimatdorf in der Nähe von Torgau (Sachsen) im Fernsehen verfolgt: "Ich habe Rotz und Wasser geheult." Am nächsten Tag hatte sie frei - aufgrund des von Honecker eingeführten "bezahlten Hausarbeitstages". Deshalb ging sie gleich am 10. November zur Polizeistation und erkundigte sich über die Regularien für eine Ausreise in die Bundesrepublik. "Sie können ab sofort mit dem Personalausweis in den Westen", lautete die Auskunft. Vorsichtshalber ließ sie sich ein Halbjahresvisum in den Reisepass stempeln. "Es lief ohne Probleme. Wir fuhren bei Hof über die Grenze und erreichten schließlich Nürnberg." Dort sollte sie ihr ältester Bruder abholen, der schon vor zwei Wochen mit Freunden die DDR verlassen hatte. Allerdings mit dem Auto über Tschechien, Ungarn und Österreich bis nach Stadlern. Das war auch das Ziel von Birgit. Am Bahnhof in Nürnberg verfehlten sich beide und so fuhr die junge Frau zur Tante nach Bielefeld weiter, welche bereits 1959 in die BRD überwechselte.

Über den Umweg Nordrhein-Westfalen ging es eine Woche später weiter nach Bayern. Zwecks der Registrierung erlebte Birgit Walter ihre erste Nacht in der Oberpfalz in der Weidener Kaserne. Am nächsten Tag kam sie mit ihrem Sohn dann endlich in Stadlern an. Ab 7. Dezember war die kleine Familie dann in Oberviechtach gemeldet: zunächst übergangsweise in einem Zimmer in der Eisenbarth-Siedlung, anschließend in einer Mietwohnung in der Kreissiedlung. Arbeit fand die gelernte Bürokauffrau mit Fachwirtstudium in der Gardinenfabrik "Müller & Söhne". Für den Neustart das Wichtigste: "Denn damit hatte ich ein Ein- und Auskommen." Bei der Wohnungssuche unterstützte Inge Tragl vom Einwohnermeldeamt. Später folgte die Weiterbildung "Geprüfter Wirtschaftsfachwirt" an der Abendschule.

Mittlerweile sind 30 Jahre vergangen und die Eisenbarth-Stadt ist zur neuen Heimat geworden. "Mein Zuhause ist Oberviechtach, weil ich mich hier wohlfühle", stellt Birgit Walter fest und ergänzt: "Ich finde auch die Landschaft sehr schön." Vorurteile oder Erwartungen an die Oberpfalz hatte sie nicht. Denn vom Erdkundeunterricht kannte sie ja nur das Fichtelgebirge und den Bayerischen Wald. "Den Umzug in die Oberpfalz habe ich nie bereut. Und ich habe auch nie daran gedacht, zurückzukehren", betont die 58-Jährige. Vor 30 Jahren hätte es nur einen Grund für eine Rückkehr in die DDR gegeben: Wenn ihr damals viereinhalbjähriger Sohn Heimweh gehabt hätte. "Doch das war nicht der Fall. Er hat sich hier gleich von Beginn an wohlgefühlt." Und sie ergänzt schmunzelnd: "Den Ganztagskindergarten kannte er ja schon."

Natürlich besucht sie gerne ihre Familie, Freunde und Verwandte in der Nähe von Leipzig - und schafft dies auch mindestens einmal im Jahr. Seit März 2000 arbeitet Birgit Walter in der Buchhaltung der Firma Weinisch GmbH & Co.KG. Auch die Familie in Bayern wächst: Die zwei Enkelkinder im Alter von fünf und sieben Jahren wachsen im Schönseer Land auf. Die Wahl-Oberpfälzerin engagiert sich als Trainerin beim Handballverein und arbeitet in der evangelischen Kirche mit. Sie ist sportlich viel unterwegs und im Sommer fast jeden Abend im Freibad anzutreffen. Mit Freunden aus dem Osten steuert sie meistens Haus Murach an und präsentiert den wunderbaren Rundumblick. "Die Burgruine im Sonnenuntergang sehe ich auch von meinem Balkon aus."

Mein Zuhause ist Oberviechtach, weil ich mich hier wohlfühle.

Birgit Walter

Birgit Walter

Zuversichtlich und mutig

Fuß zu fassen im neuen Leben war nicht immer einfach. Birgit Walter kennt auch "arge Situationen", die sie als "die aus der DDR" anfangs schon mal erleben musste. "Aber ich war zuversichtlich und mutig. Und ich hab nicht gewartet, sondern bin auf Leute zugegangen." Die Kraft, den Schritt zu wagen ohne zurückzublicken, habe sie von ihrer verstorbenen Mutter bekommen. "Sie wollte wie ihre Schwester in Bielefeld schon immer in den Westen." Doch familiär sei dies nicht möglich gewesen. Auch der Vater nahm ihr die Ausreise nicht übel und besuchte die Tochter regelmäßig im Westen. "Alles hat sich wunderbar gefügt", meint Birgit Walter. Deshalb spricht sie im Rückblick auch von viel Glück, welches ihr den Neuanfang ermöglichte.

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