23.01.2020 - 16:57 Uhr
OberviechtachOberpfalz

Mit Handicap am Arbeitsplatz fit

Seit 20 Jahren finden Menschen mit Behinderung eine Beschäftigung bei den Oberviechtacher Werkstätten. Doch auch der jüngst modernisierte Berufsbildungsbereich (BBB) gewinnt hier immer mehr an Bedeutung.

Bildungsbegleiter Rudi Rettinger leitet Nadine an der Tischbohrmaschine an. Für den Berufsbildungsbereich der Oberviechtacher Werkstätten stehen eine kleine Werkstatt sowie ein Schulungsraum für die Theorie zur Verfügung.
von Gertraud Portner Kontakt Profil

Nadine steht an der Tischbohrmaschine und macht vorsichtig ein Loch in eine dünne Kupferplatte. Es ist ein Bauteil für eine Duftlampe, welche sie im Rahmen ihrer Berufsbildung anfertigt. Denn bei den Oberviechtacher Werkstätten können sich Menschen mit einer Behinderung oder psychischen Erkrankung im Berufsbildungsbereich (BBB) - ihren Fähigkeiten und Neigungen entsprechend - beruflich orientieren. Nach zweieinviertel Jahren gibt es ein Zertifikat, welches auch den Weg in den ersten Arbeitsmarkt ebnen kann. "Das ist unser oberstes Ziel", erklärt Ivonne Peither (Sozialdienst) im Büro im Industriegebiet West.

Wanduhr bis Nostalgie-Dampfwalze: Diese und andere Einzelstücke werden im Berufsbildungsbereich der Oberviechtacher Werkstätten hergestellt.

Chance für normales Arbeitsleben

Im Jahr 2001 haben die Naab-Werkstätten Schwandorf ihre Zweigwerkstätte Oberviechtach eröffnet - mit kurzen Wegen für Betroffene aus dem Gebiet Oberviechtach, Schönsee und Neunburg vorm Wald. Schon beim Betreten der lichtdurchfluteten Eingangshalle mit den vielen Grünpflanzen spürt man ein positives Klima. "Wir sind ständig bestrebt, die Leistungs- und Erwerbsfähigkeit der behinderten Menschen zu erhalten, zu entwickeln, zu verbessern oder wiederherzustellen, sowie die Persönlichkeit weiterzuentwickeln", steht auf einem Flyer. Das Ziel ist es, ein normales Leben im Bereich Arbeit zu ermöglichen.

Von den 55 Beschäftigten mit körperlicher, geistiger oder psychischer Behinderung befinden sind aktuell 6 im modernisierten Berufsbildungsbereich. Hier können sie sich für die Arbeitsfelder Metallbearbeitung, Schreinerei, Montage und Küche qualifizieren. Rudi Rettinger, Bildungsbegleiter am Standort Oberviechtach, lenkt den Blick auf eine Vitrine mit Werkstücken wie Holzwürfel, Metallstuhl-Handyhalter, Wanduhr oder Nostalgie-Dampfwalze. Alles Einzelstücke, entgegen der Serienfertigung für Kunden aus Industrie und Handel. Die Projektstücke in der Ausbildung werden in einem eigenen Werkraum mit individueller Betreuung angefertigt. Auch für die Theoriestunden steht ein Unterrichtsraum mit Beamer und Laptop zur Verfügung. Die Praktikumszeiten werden im eigenen Haus oder bei externen Betrieben absolviert. "Ähnlich wie bei einer normalen Berufsausbildung", betont Rettinger. Zusammen mit Ivonne Peither erklärt er den Ablauf näher. Kostenträger sind beispielsweise die Deutsche Rentenversicherung oder die Agentur für Arbeit, welche auch über den Antrag auf berufliche Rehabilitation entscheiden. Das Alter ist dabei zweitrangig: In Oberviechtach sind BBB-Teilnehmer von 16 bis 60 Jahren vertreten, vom Quereinsteiger bis zum Schulabgänger. Beim Eingangsverfahren (Findungsphase) wird innerhalb von drei Monaten festgestellt, ob die Werkstätte die geeignete Einrichtung für den Bewerber mit Handicap ist. Mit speziellen Tests (wie "Hamet") wird das handwerklich-motorische Geschick ermittelt. "Wir arbeiten sehr personenzentriert und achten auch darauf, welche Fähigkeiten jemand schon mitbringt", ergänzt Ivonne Peither.

Wir arbeiten sehr personenzentriert und achten auch darauf, welche Fähigkeiten jemand schon mitbringt.

Ivonne Peither, Sozialdienst

Ivonne Peither, Sozialdienst

Projekt Duftlampe

Es folgt der zweijährige Berufsbildungsbereich für die Erhaltung oder Wiedergewinnung der Leistungsfähigkeit und die Eingliederung in den Arbeitsbereich der Werkstätte. In Modulen werden Projekte schrittweise unter der Anleitung des Bildungsbegleiters erarbeitet. Das gilt auch für die Metall-Duftlampe. Bevor Nadine die einzelnen Komponenten montieren kann, muss sie diese laut einer vorher durchgesprochenen Bauanleitung selber herstellen. Auch die Werkzeugvorstellung gehört zur Theorie.

Konzentriert schneidet die junge Frau die Papierschablonen mit der Schere aus. Die Metallteile werden gebohrt, entgratet und das Kupferblech in Handarbeit in eine Schalenform "getrieben". Die fertigen Exponate dürfen meist mit nach Hause genommen werden. So wie der Holz-Schlüsselkasten als Geschenk für Nadines Mutter. Sie holt ihren persönlichen Bildungsordner aus dem Schrank und zeigt ein Foto davon. "Wir achten darauf, dass keine Über- oder Unterforderung besteht. Das ist unser täglicher Spagat", betont Rudi Rettinger. Er spricht den fließenden Wechsel zwischen den Abteilungen an: "Unser integrierter Berufsbildungsbereich ist ein großer Vorteil für alle Beteiligten." Nach der BBB-Maßnahme gibt es ein Abschlusszertifikat als Nachweis, welche Fähigkeiten in welchen Bereichen erworben wurden. "Dabei geht es nicht nur um fachspezifische Tätigkeiten, sondern auch um Schlüsselqualifikationen wie Pünktlichkeit und Sauberkeit", betont Ivonne Peither. Sie bezeichnet die Förderung der Persönlichkeit und der übergreifenden Kompetenzen im lebenspraktischen und sozial-kommunikativen Bereich als zentrale Ziele.

Auch wenn sich Nadine mittlerweile mit der Bedienung der Tischbohrmaschine bestens auskennt, hat sie andere Pläne. Sie möchte später dauerhaft in der Küche der Oberviechtacher Werkstätten arbeiten. Denn hier hat es ihr während der Bildungsmaßnahme am besten gefallen. Das Mittagessen für die Beschäftigten wird zwar angeliefert, aber es gibt trotzdem viel zu tun. Denn im Essbereich werden in den Pausen des Arbeitstages (7.45 bis 16 Uhr) auch eine Vormittagsbrotzeit sowie am Nachmittag Kaffee, Tee und Kuchen serviert.

Berufsbildungsverlauf:

Ablauf der Maßnahme

Eingangsverfahren

Dauer drei Monate. Zunächst werden individuelle Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie die beruflichen Wünsche und Ziele ermittelt und präzisiert.

Berufsbildungsbereich

Dauer zwei Jahre. Ein individueller Bildungsplan sieht vor, dass im ersten und im zweiten Jahr jeweils vier Monate in einer Gruppe (Schreinerei, Metallabteilung, Küche) die Arbeitsabläufe kennengelernt werden können. Durch Schulungsmodule, Projekte und Praktika in Arbeitsgruppen der Werkstatt oder in Betrieben des ersten Arbeitsmarktes wird ein Berufsbild entwickelt, das nach und nach umgesetzt wird. Neben den fachlichen Inhalten der einzelnen Arbeitsfelder werden kognitive Fähigkeiten trainiert und motorische Fertigkeiten ausgebaut. Soziale Kompetenzen werden geschult und somit die individuelle Persönlichkeitsstruktur für die Arbeitsfähigkeit gestärkt.

Zertifikat

Die erfolgreiche Teilnahme wird durch ein Zertifikat bestätigt. Auch ein Abschlussgespräch findet statt.

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