08.01.2019 - 14:40 Uhr
OberviechtachOberpfalz

Im Pflegealltag nicht verzweifeln

Egal ob Demenz oder körperliche Gebrechen - der Alltag von Familien mit Pflegebedürftigen ist mit allerlei Erschwernissen gepflastert. Da ist es nur fair, wenn der Gesetzgeber kleine Auszeiten ermöglicht.

Pflegedienstleiterin Christiane Böhm informiert Familien über wichtige gesetzliche Regelungen bei der häuslichen Pflege.
von Gertraud Portner Kontakt Profil

Pflegedienstleiterin Christiane Böhm von der Caritas-Sozialstation hält regelmäßig Fachreferate, bei denen sie über Aktuelles aus der häuslichen Pflege informiert. Im November war sie beim Seniorenkreis Teunz eingeladen. Beim Pressegespräch mit Oberpfalz-Medien berichtet sie auch von neuen Regelungen zum Jahreswechsel 2019.

Taxifahrt ohne Antrag

"Viele Menschen möchten so lange wie möglich zu Hause bleiben und ihre Familie und die gewohnte Umgebung um sich haben", betont die Chefin des ambulanten Pflegedienstes. Sehr gefreut hätten sich viele Patienten, als im September 2018 in Bayern ein sogenanntes Landespflegegeld in Höhe von 1000 pro Jahr eingeführt wurde. Dieses können Personen ab dem Pflegegrad 2 erhalten. Es muss nur einmal beantragt werden und wird dann jährlich weitergezahlt, solange die Voraussetzungen bestehen. "Dabei ist es egal, ob man in einem Pflegeheim untergebracht ist oder zu Hause lebt und versorgt wird", betont Christiane Böhm. Sie erinnert daran, dass im Januar 2017 die Einstufung in fünf Pflegegrade startete. Damit wird nun die Pflegesituation von Menschen mit geistigen und seelischen Beeinträchtigungen (z. B. Demenz) in gleicher Weise berücksichtigt, wie bei körperlichen Einschränkungen. "Viele Menschen haben damit erst einen Zugang zu Leistungen erhalten", bekräftigt die Expertin.

Ab 1. Januar 2019 greift bundesweit das Pflegepersonal-Stärkungsgesetz. Damit werden nicht nur Personaluntergrenzen festgelegt und 13 000 neue Stellen für Pflegekräfte in stationären Einrichtungen gefördert, sondern auch Erleichterungen für Bedürftige und deren Angehörige geschaffen. So sind seit Januar genehmigungsfreie Krankenfahrten zum Arzt möglich. Bisher mussten Pflegebedürftige dafür einen Antrag bei ihrer Krankenversicherung stellen. Das Gesetz sorgt nun dafür, dass Personen mit Pflegegrad 4 und Pflegegrad 5, sowie Pflegebedürftige mit Pflegegrad 3 und einer dauerhaft eingeschränkten Mobilität, von etwas Bürokratie entlastet werden.

Die Oma mit zur Reha

Für pflegende Angehörige die selbst gesundheitliche Probleme haben, gibt es ab Jahresbeginn eine Verbesserung. Sie hatten es in der Vergangenheit schwer, eine Rehabilitationsmaßnahme in Anspruch nehmen zu können. Denn meist blieb die Frage offen, wer in der Zeit des Reha-Aufenthalts die Pflege der Mutter oder der Oma übernimmt. Durch die gesetzliche Änderung ist es nun möglich, dass Pflegebedürftige (mit Genehmigung der Krankenkasse) ebenfalls mit in die Einrichtung aufgenommen und dort vom Personal betreut werden. Voraussetzung ist allerdings, dass dies die familiäre Situation erforderlich macht. Schon seit einiger Zeit gibt es die Verhinderungspflege (bei Urlaub, beruflichen Engpässen oder Krankheit). "Dafür stehen im Jahr 1612 Euro zur Verfügung", informiert Christiane Böhm. Anspruch besteht von Pflegegrad 2 bis 5. Die Verhinderungspflege ist bis zu sechs Wochen möglich, kann aber durch den Pflegedienst auch stundenweise beantragt werden, so dass diese Begrenzung wegfällt. Die 1612 Euro können für einen ambulanten Dienst, aber auch für entfernte Verwandte oder fremde Personen (Nachbarn) verwendet werden, welche ersatzweise einspringen.

Auch für die Kurzzeitpflege (vollstationäre Pflege für einen begrenzten Zeitraum) stehen 1612 Euro ab Pflegegrad 2 zur Verfügung. Je Kalenderjahr werden acht Wochen genehmigt. Nicht ausgeschöpfte Verhinderungspflege kann für Kurzzeitpflege verwendet werden - und umgekehrt. Pflegeversicherungen haben ein großes Interesse daran, dass Pflegebedürftige so lange wie möglich zu Hause betreut werden. Auch eine Langzeitpflege durch Angehörige soll keine unlösbare Aufgabe sein. Hier unterstützen Leistungen für die Tagespflege (Betreuung tagsüber in einer Pflegeeinrichtung).

125 Euro zusätzlich

Was viele oft übersehen: Über die Krankenkasse können Pflegehilfsmittel zum Verbrauch (monatlich 40 Euro zum Beispiel für Handschuhe, Bettdurchzüge, Desinfektionsmittel) oder auch technische Pflegehilfsmittel (Hausnotruf, Mobilitätshilfen) beantragt werden. Ein "Renner" sind dagegen die Betreuungs- und Entlastungsleistungen, die es seit Januar 2017 gibt: 125 Euro im Monat können für die Finanzierung von Leistungen zur Alltagsunterstützung (Pflegegrad 1 bis 5) per Rechnung oder Quittung ausgeschöpft werden. Dafür gibt es viele Bereiche. Zum einen die pflegerische Betreuung (Spaziergänge, Gespräche führen, Vorlesen, Begleitung zu Arzt, Behörden oder Friedhof), oder das gemeinsame Kochen, Saubermachen und Einkaufen. Aber auch haushaltsnahe Dienste (Fenster putzen, Böden wischen, Geschirr spülen, Wäsche waschen) sind möglich, um die pflegende Person zu entlasten. "Allerdings nur in Räumen, wo sich der Pflegebedürftige aufhält", ergänzt Christiane Böhm. Auch körperbezogene Pflegemaßnahmen sind abrechenbar. Nicht verbrauchtes Budget kann bis zum 30. Juni des Folgejahres genutzt werden.

Immer wieder wird nach Vorteilen gefragt, die eine Mitgliedschaft im Krankenpflegeverein mit sich bringt. "Grundsätzlich wird jeder von der Caritas-Sozialstation versorgt", stellt die Pflegedienstleiterin klar. KPV-Mitglieder haben jedoch Vergünstigungen, wie die volle Übernahme des Risikos von Pflegekosten während des Einstufungsverfahrens (auch bei Höherstufung oder wenn ein Widerspruch läuft). Der KPV beteiligt sich an den Pflegekosten, wenn keine Einstufung erfolgt, aber dennoch Pflege benötigt wird. Falls der Pflegegrad nicht für die erbrachten Leistungen ausreicht, übernimmt der Verein maximal 100 Euro im Monat (60 Prozent). Eine Beteiligung erfolgt auch bei ärztlich verordneter Behandlungspflege, die von der Krankenkasse abgelehnt wird.

Die ambulanten Pflegedienste können die Familien aber nur unterstützen, wenn sie genügend Mitarbeiter haben. Das neue Pflegepersonal-Stärkungsgesetz fördert jedoch nur die stationäre Pflege. Zudem wird es ab 2020 eine einheitliche Pflegeausbildung geben, was noch etliche Unsicherheiten in sich birgt.

Aktuelles von der Pflegeversicherung:

Neue Regelungen

Das ändert sich zum 1. Januar 2019:

- Anhebung des Beitragssatzes für die soziale Pflegeversicherung um 0,5 Prozentpunkte

- Beitrag zur Krankenversicherung sowie Zusatzbeitrag werden wieder je zur Hälfte vom Arbeitgeber und Arbeitnehmer gezahlt

- Genehmigungsfreie Taxifahrten zum Arzt ab Pflegegrad 4 und 5 sowie für Personen mit Pflegegrad 3 bei dauerhafter Mobilitätseinschränkung

- Genehmigung von stationären statt ambulanter Rehabilitationsaufenthalte für pflegende Angehörige

- Mitaufnahme und Versorgung des Pflegebedürftigen in der Rehabilitationseinrichtung des pflegenden Angehörigen mit Genehmigung der Krankenkasse.

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