02.08.2019 - 11:36 Uhr
OberviechtachOberpfalz

Die Whatsapp der Großeltern

Die Postkarte feiert heuer ihren 150. Geburtstag und lebt trotz SMS und E-Mail weiter. Denn ein handgeschriebener Gruß auf einer Ansichtskarte ist nicht altmodisch, sondern persönlich. Und manchmal ist es auch noch viel mehr.

Diese Ansichtskarte mit Blick in die Bahnhofstraße wurde nach einem Bild des Oberviechtacher Malers Lorenz Lehner gedruckt.
von Gertraud Portner Kontakt Profil

Bezahlt wird mit Plastikkarten und statt Briefen werden E-Mails oder Whatsapp-Nachrichten geschrieben. Die Fotos verschwinden auf der Festplatte und die Urlaubsgrüße erhalten via Facebook alle Freunde gleichzeitig. Eine Ansichtskarte dagegen ist schon allein durch die Handschrift etwas Besonderes. Deshalb macht es auch im Jahr 2019 Freude, diese zu verschicken oder zu empfangen. Jeder Zweite (48,5 Prozent, laut Meinungsforschungsinstitut Insa-Consulere) macht sich die Mühe, eine Karte am Urlaubsort zu schreiben. Dabei schreckt es auch nicht ab, dass diese oftmals erst ankommt, wenn man schon wieder zu Hause ist.

Diese aktuelle Ansichtskarte über das Oberviechtacher Land (oben) liegt bei der Tourist-Information im Rathaus auf. Die untere Karte ist derzeit noch bei Schreibwaren Blenz verfügbar.

Werbeträger für Stadt

Bei der Tourist-Information im Rathaus Oberviechtach liegen Ansichtskarten zum kostenlosen Mitnehmen auf. Mit dem Titel "Oberviechtacher Land - idyllisch und goldrichtig" hat die Stadt diese anstatt eines Flyers - auf der Rückseite sind alle wichtigen Details zu lesen - anfertigen lassen. "Gäste und Einheimische nehmen das Angebot gerne für einen Gruß aus der Heimat oder vom Urlaubsort an", berichtet Touristik-Chefin Sigrid Breitschafter. Auch sie selber nutzt diese gerne als Werbeträger mit ein paar persönlichen Zeilen. Im Archiv sammelt Zweite Bürgermeisterin Christa Zapf historische Ansichtskarten. Für Oberpfalz-Medien sucht sie einige gut erhaltene Exemplare heraus: Um die Jahrhundertwende steht am Marktplatz der Pferdewagen für die Karriolfahrten, am Bahnhof rauscht die Dampflok ein und durch die Bahnhofstraße watscheln Gänse. Alte Postkarten sind nicht selten historische Zeitdokumente. Denn oft existieren von zerstörten, abgerissenen oder veränderten Gebäuden keine Fotos mehr. Durch die lithografische Drucktechnik stellen viele Exemplare auch kleine Kunstwerke dar.

Im Herbst 1869, also vor 150 Jahren, wurde die erste "Correspondenzkarte" in Österreich-Ungarn eingeführt. Ab 1870 war es dann auch in Deutschland möglich, sich damit zu verabreden oder einen lieben Gruß zu senden. Als dann Ende des 19. Jahrhunderts das Fotomotiv dazu kam, wurde die Ansichtspostkarte weltweit zur Massenware. Als Pionier gilt Generalpostdirektor Ernst Heinrich Wilhelm Stephan. So wie in der Neuzeit Mark Zuckerberg, hat er damals ein Kommunikationsmittel eingeführt, welches in seiner Bedeutung mit den heutigen elektronischen Diensten vergleichbar ist.

Feldpost bis Urlaubsgruß

Im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 nutzten zahlreiche Soldaten die relativ stabilen Pappkarten an der Front, um mit ihren Lieben in der Heimat in Verbindung zu bleiben. Das war dann auch in den beiden Weltkriegen der Fall. In vielen Familien wird die Feldpost wie ein Schatz aufbewahrt. Beliebte Ereignisse zum Verschicken waren in den Anfangsjahren beispielsweise der Kaisergeburtstag, Ostern oder Weihnachten. Erst später wurden die Mitteilungen persönlicher. Ein Nachteil: Briefträger oder Nachbarn konnten Liebesschwüre oder Schmerzhaftes mitlesen. Einige störte dies, andere nicht. So wie es heute eben auch bei Facebook der Fall ist.

In der Wirtschaftswunderzeit ab den 1950er Jahren, als die Familien im Sommer in den Süden fuhren, gehörte die Ansichtskarte wie selbstverständlich dazu. Der Gruß aus der Ferne war oft auch mit etwas Angeberei verbunden - besonders was die Auswahl der Motive von "Orten der Sehnsucht" betraf. Manchmal waren die Sehenswürdigkeiten auf den vielen kleinen Bildchen kaum mehr erkennbar - aber der Empfänger in der Heimat sollte ja schließlich auch etwas lernen! Um 1900 wurden im Deutschen Reich jährlich nahezu eine Milliarde Postkarten verschickt. Sie wurden mit Expresszügen binnen eines Tages vom südlichsten bis zum nördlichsten Teil des Landes transportiert. Im Jahr 1982 schrieben die Deutschen weit über 800 Millionen Postkarten. Heute stellt die Deutsche Post, trotz Präsenz der sozialen Medien, immerhin noch etwa 195 Millionen zu. Der individuellen Note wegen, wird sich daran wohl nicht viel ändern. Schließlich ist aktuell auch der Vintage-Look angesagt. Übrigens: Wer digital unterwegs ist, aber dessen Familie oder Freunde lieber etwas in der Hand haben, für den gibt es eine App, mit der Postkarten gestaltet werden können. Damit bleibt der Urlaubsgruß an der Pinnwand haften, während die Whatsapp schnell nach unten rutscht.

Neue Serie

Oft sind mit einer Karte schöne, lustige oder einzigartige Erinnerungen verbunden. Oberpfalz-Medien startet heute die neue Serie: "Meine liebste Ansichtskarte und die Geschichte dazu." Näheres siehe im Kasten.

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Leser-Mitmach-Aktion

Zum Jubiläum „150 Jahre Postkarte“ startet Oberpfalz-Medien die neue Serie: „Meine liebste Ansichtskarte und die Geschichte dazu“. Wer die Freude an seiner Lieblings-Karte (egal wie alt oder neu) teilen möchte, mailt ein Foto davon (Vorderseite und evtl. auch Rückseite) mit einem kurzen oder längeren Text an redsad[at]oberpfalzmedien[dot]de. Bitte Vorname, Name und Wohnort angeben.

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