21.05.2019 - 10:51 Uhr
OberviechtachOberpfalz

Zäh, ausdauernd und bescheiden

Historiker Martin Dallmeier zitiert aus Physikatsberichten: Das Leben in der Oberpfalz im 19. Jahrhundert

Martin Dallmeier skizzierte in seinem Vortrag die Lebensverhältnisse in der Oberpfalz im 19. Jahrhundert.
von Ludwig BergerProfil

"Tag und Nacht arbeiten, schlecht sich nähren und dabei zufrieden zu sein, ist das Grundgesetz des oberpfälzischen Lebens". So umschrieb der frühere Archivdirektor, Leiter des Zentralarchivs und der Hofbibliothek des Fürstenhauses Thurn und Taxis, Martin Dallmeier seinen Vortrag über die Verhältnisse im Landgerichtsbezirk Oberviechtach um das Jahr 1860.

In Verbindung mit dem Museumsverein Oberviechtach gab er in einem einstündigen Vortrag einen Einblick in das Leben von damals. Als langjähriger Vorsitzender des Historischen Vereins hat Dallmeier viele Quellen zum Thema erforscht. Der Vorsitzende des Heimatkundlichen Arbeitskreises, Ludwig Schießl, hieß den Historiker willkommen.

Gute, alte Zeit?

"Der König war schwermütig, das Bier noch dunkel, die Menschen typisch, die Burschen schneidig, die Dirndl sittsam und die Honoratioren ein bisserl leger. Es war halt noch vieles in Ordnung damals. Denn für Ordnung und Ruhe sorgte die Gendarmerie und für die Gerechtigkeit das Königliche Amtsgericht". Mit diesem Auszug aus der Fernsehserie stieg Dallmeier ein, um gleich zu fragen: "Waren es damals wirklich die sogenannten guten alten Zeiten?" Oder überwogen vor rund 150 Jahren doch die Nachteile, wie etwa die mannigfaltigen Unzulänglichkeiten im Gesundheitswesen, in der Bildung und Ernährung, die weit verbreitete Trostlosigkeit des arbeitsreichen Alltags. Wie war es also für den großen Teil der Bevölkerung im "Armenhaus Oberpfalz", das zum 1806 gegründeten Königreichs Bayern gehörte? Dallmeier charakterisierte den damaligen Oberpfälzer, laut "Physikatsbericht" in den nördlichen ganz oberpfälzischen Menschenschlag. Demgegenüber stehe der rechten, südlichen Seite fast ausschließlich der Altbayer. Der dort zuständige Landgerichtsarzt stellte nach seiner Typisierung fest, dass der Oberpfälzer schlanker sei, zartere Knochen, aber stramme kräftige Muskeln habe.

Mit rauen Händen

Der Oberpfälzer sei beweglicher, zäher und ausdauernder, der Niederbayer hingegen breiter gebaut, habe stärkere Knochen, seine Muskeln sind schlaffer und: Er habe eine größere Anlage zur Fettablagerung. Der Arzt stellte damals fest, dass in der Oberpfalz die behäbigen, "wohlgenährten, runden Erscheinungen fehlen." Hier in der Oberpfalz lebe ein Schlag von mageren, muskulös gebauten Leuten, die mit meist ernstem, oft kummervollem Blick und "sorgengefurchten Antlitzes" unermüdlich mit rauen Händen dem Tagwerk nachgehen. Der Oberpfälzer meisterte also vor allem durch Fleiß und Genügsamkeit die Lebens- und Wohnverhältnisse um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Diese Lebensweise brachte nach Meinung der Ärzte in ihren Berichten zumindest eines mit sich: "Ein fetter Bauer in der Oberpfalz ist eine Seltenheit". In unserer heutigen Wohlstandsgesellschaft wäre diese Feststellung wohl Ausdruck eines gesunden Landlebens damals war es das sicherlich nicht.

Dallmeier erläuterte, dass die Physikatsberichte teils sehr umfangreiche Erhebungen über Hygiene und Lebensgewohnheiten waren. Der Staat wollte auch wissen, wie die Untertanen zum Herrscherhaus stehen. In diesen Berichten finden sich laut Dallmeier manchmal auch kritische Anmerkungen zu Wohnverhältnissen, zur Hygiene, Glaube und Aberglaube, aber auch zu den bürgerlichen Wertvorstellungen. Etwa, wenn der Vohenstraußer Gerichtsarzt die religiöse Haltung der Bevölkerung als "Verharren auf frommen leeren Hüllen" geißelt.

Über den Landgerichtsbezirk Oberviechtach hat ein Amtsarzt Dr. Dietl 1860 einen Physikatsbericht verfasst, und laut Dallmeier "sehr schematisch, ohne spezielle Details". Nach Ansicht von Physikus Dr. Dietl verfügte aber der Bezirk über gute Voraussetzungen ("reines Quellwasser im Überfluss und reine Luft"). Die Landschaft sei ähnlich einem Plateau mit einem Damm gegen Böhmen, das Klima aber rau. 79 403 Tagwerk umfasste der Bezirk, davon waren "sechs Tagwerk mit Kirchen und Kapellen" überbaut. Im ethnographischen Teil des Berichts werden die Menschen in den Mittelpunkt gestellt: "Die Bewohner in Oberviechtach und in der Umgebung gehören dem Stamme der Germanen an. Ihr blondes Haar und die blauen Augen zeugen von diesem Abstamme". Martin Dallmeier stellte sich nach dem Vortrag noch der Diskussion.

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