08.02.2020 - 08:10 Uhr
Deutschland und die WeltOberpfalz

Wo Paris nicht an der Seine liegt

Preisfrage: Was haben Polen mit Blondinen gemein? Richtig: blöde Witze. Die Klischees und Vorurteile halten sich hartnäckig. Und sind so gar nicht zum Lachen.

von Berthold Zeitler Kontakt Profil

Lassen wir einmal die Blondinen außen vor und wenden uns den Polen zu. Wer das Land an Oder und Weichsel bereist, erfährt, dass dort ungemein gastfreundliche und liebenswerte Menschen zuhause sind, die Wirtschaft ziemlich boomt, sich viele trotz der aktuellen Wahlergebnisse Sorgen ob der politischen Richtung machen, und dass es malerische Landschaften, idyllische Dörfer und quirlige Städte mit reicher Geschichte zu erkunden gibt.

Allein schon Krakau. Obwohl über 1000 Jahre alt, eine junge Stadt. Gut ein Viertel der rund 800 000 Einwohner studiert. 1364 bereits entstand hier eine der ersten Universitäten Europas. Heute findet man ein innovatives Zentrum für Hochtechnologie, Wirtschaft und Wissenschaft. Jährlich neun Millionen Besucher zieht die "Kulturstadt Europas 2000" auch wegen des geradezu südländischen Flairs in ihren Bann. Eine gewisse Leichtigkeit und französische Lebensart ist im "Paris des Ostens" spürbar.

Unbeschreiblich die Stimmung auf dem Hauptmarkt der sehenswerten Altstadt mit den historischen Tuchhallen, seit 1978 bereits Unesco-Weltkulturerbe. Mit unglaublichen 40 000 Quadratmetern ist der Rynek Glówny der größte mittelalterliche Platz Europas – und nicht nur abends Szenetreff in den unzähligen Restaurants, Bars und Cafe`s. Kein Wunder, dass sich die Stadt mit der angeblich höchsten Kneipendichte weltweit schmückt.

Zu jeder vollen Stunde wandert der Blick hinauf zu den Türmen der Marien-Basilika mit dem weltberühmten gotischen Flügealaltar von Veit Stoß. Aus der Türmerstube erklingt dann das Krakauer Trompetensignal mit seinem etwas abrupten Ende zur Erinnerung an den armen Kerl, der da vor ein paar Jahrhunderten just in dem Moment von einem Pfeil getroffen worden ist, als er die Stadt vor einem Angriff der Tataren warnen wollte.

Weil Krakau im Gegensatz beispielsweise zu Breslau im Zweiten Weltkrieg kaum zerstört worden ist, ist die Bausubstanz quer durch alle Epochen überraschend gut erhalten. Kenntnisreich erzählt Stadtführerin Barbara Dudeck von den prächtigen Bürgerhäusern, sehenswerten Arkadenhöfe und mächtigen Palästen, weiß Geschichte und Geschichten. Viele Besucher zieht es ins teils aufwändig sanierte jüdische Viertel, wo in den Restaurants zum koscheren Essen noch Klezmer-Musik serviert wird – ideale Kulisse für Spielbergs Kinohit "Schindlers Liste". Imposant hoch oben über der Weichsel das Wawel-Schloss mit der mächtigen Kathedrale, in deren Krypta zahlreiche Könige und Volkshelden ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Unten am Ufer speit der Wawel-Drache Feuer.

Eine magische Reise in die Unterwelt ist auch ein Besuch der unweit gelegenen Salzgrube Wieliczka, in deren Labyrinth von Stollen und Gängen in der Blütezeit der Salzsiederei bis zu 2000 Menschen arbeiteten, in neuerer Zeit ein unterirdisches Sanatorium und Gradierwerk Kurgäste und schließlich speziell angelegte Routen Touristen brachten. Rund eine Million Besucher jährlich lassen sich auf das Abenteuer 136 Meter unter der Erde ein, an guten Tagen sind es bis zu 10 000. Besonders sehenswert die Heilige-Kinga-Kapelle und die einzige Kirche unter Tage mit der Skulptur von Papst Johannes Paul II., wie alle anderen lebensgroßen Darstellungen naturgetreu aus dem Salz gehauen. Der frühere Erzbischof Karol Wojtyla war ja in besonderer Weise mit Krakau verbunden. Und mit Breslau.

Machen wir also einen Sprung hinüber zur "Kulturhauptstadt Europa 2016", ob ihrer Lage auf zwölf Inseln und der 300 verbindenden Brücken auch "Venedig des Ostens" genannt. Wer heute durch die wunderschön hergerichtete Altstadt schlendert, mag sich gar nicht vorstellen, dass die Stadt im Zweiten Weltkrieg schwer umkämpft und auch weitgehend zerstört war. Mit über 140 000 Studenten ist auch Breslau wieder eine pulsierende Stadt. Und wie in Krakau spielt sich das Leben meist um den wunderschön hergerichteten Marktplatz ab. Hier finden sich die meisten urigen Kneipen und traditionellen Gaststätten.

Mehr als nur ein "Zwergerl-Aufstand" waren die spontanen Aktionen, mit denen die Oppositionsbewegung "Orange Alternative" das kommunistische Regime kritisierte. Daraus wurde dann eine Kunstbewegung, die heute eine der großen Touristenattraktionen ist: über 600 kleine Bronze-Zwerge, vom Feuerwehrmann über den Buchdrucker und Vespa fahrenden Pizzabäcker bis zum Knastbruder und Gitarre schwingenden Straßenmusikanten. Letzterer auch ein dezenter Hinweis auf ein Event der besonderen Art: Jährlich am 1. Mai treffen sich Gitarrenspieler aus aller Herren Länder und stimmen gemeinsam "Hey Joe" von Jimi Hendrix an. Exakt 7356 Musiker waren es im Jahr 2016, steht im Guinness-Buch der Rekorde.

In der Tirschenreuther Teichpfanne und dem Oberpfälzer Seenland fühlt sich, wer durch Polens größtes Vogelschutzreservat streift: die Militscher Teiche. 280 Vogelarten kann man hier beobachten, darunter 170 Brutvögel. Während des Vogelzuges rasten 60 000 Vögel in dem rund 5300 Hektar großen Gebiet. Im 12. Jahrhundert von Zisterziensern angelegt, bilden die Teiche heute das Zentrum der polnischen Karpfenzucht. Und wie in der Oberpfalz haben die Fischzüchter ihre liebe Not mit Kormoran, Biber und Co., versuchen die Verantwortlichen aber auch mit neu angelegten Wander- und Radwegen einen guten Kompromiss mit dem wachsenden Tourismus zu finden.

Wlodzimierz Ranoszek kennt das Gebiet wie seine Westentasche. Der Buchautor, Naturführer und Biologe zeigt den Besuchern die Hotspots dieser grandiosen Landschaft Niederschlesiens, radelt zur alten Holzkirche in Trzebicko mit dem wunderbar erhaltenen Kirchenraum, weiß, wo die alten Eichen und seltenen Hirschkäfer zu finden sind. Und er vergisst auch nicht die Geschichte dieser Region, die über 350 Jahre mit der der Familie Maltzan verbunden war.

Geschichtsträchtig auch der polnische Jura zwischen Krakau und Tschenstochau mit seinen mehr oder minder gut erhaltenen Adlerhorst-Burgen und den zerklüfteten Karstfelsen. Bei gutem Wetter reicht der Blick bis hinüber in die Tatra. Dass hier in der Nähe auch die größte Wüste Mitteleuropas zu finden ist, erkennt schon allein, wenn er auf den feinsandigen Wegen durch die Wälder streift.

Liebe geht bekanntlich durch den Magen. Freilich findet sich auf den Speisenkarten alles, was die internationale Küche so hergibt. Reisende sollten aber mal die landestypischen Spezialitäten kosten. Und da sind jetzt nicht die bekannten Wurstsorten Krakauer und Polnische gemeint: Aber zum Beispiel Bigos, ein Schmoreintopf mit Sauerkraut und verschiedenen Sorten Fleisch, Pierogi, ähnlich wie schwäbische Maultaschen mit Schwammerl, Fleisch oder Käse gefüllte Teigtaschen, oder gar Flaki, eine schmackhaften Kuttelsuppe. Dass Polen nicht nur Wodka-, sondern auch Bierland ist, wird an der Vielzahl der kleinen Brauereien deutlich. Und ja, auch der Weinanbau ist auf dem Vormarsch. Prognosen sehen Polen bereits in knapp 30 Jahren als größten Produzenten Europas.

Von der Qualität her sind es schon ganz gute Tropfen, vom Preis her sowieso. Aber das sind nicht die einzigen Gründe, Polen als Urlaubsland zu entdecken. Man muss nur die alten Vorurteile über Bord werfen.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.