Alm, kein Streichelzoo: Oberpfälzer schützt Kühe vor Touristen

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Martin Gradl arbeitet den achten Sommer als Senner auf einer Alm im Salzburger Land. Heuer ist einiges anders: Schneefälle sorgen für frostige Junitage, Wild-Camper nerven und sehr viele Wanderer finden Kühe interessant und Kälber süß.

Martin Gradl half 2019 beim Almabtrieb einer Nachbarhütte. Heuer ist sein Senner-Abenteuer im Pinzgau spätestens am 4. September zu Ende. Bei vorzeitigem Schneefall müssen die 27 Kühe mit ihren Kälbern schon eher ins Tal.
von Gertraud Portner Kontakt Profil

Martin Gradl (28) arbeitet seit 2013 jeden Sommer als Senner auf einer Alm im Salzburger Land (siehe Artikel vom 11/12. Januar 2020 "Mit Kühen und Kaiserschmarrn glücklich"). Der Pertolzhofener freut sich, dass er während der Corona-Pandemie - trotz anfänglicher Probleme - zu "seiner Herde" durfte. "Es hat geklappt", meint er auf Nachfrage von Oberpfalz-Medien. Als er sich im Frühjahr informierte, hieß es: "Saisonarbeiter dürfen nicht über die Grenze." Später gab es die Auskunft: "Mit negativem Corona-Test ist die Einreise nach Österreich innerhalb von vier Tagen erlaubt." Am 25. Mai wurde Gradl am Übergang Kiefersfelden/Kufstein dann mit der Info kontrolliert: "Mit Pendlerbescheinigung wäre es auch ohne Corona-Test möglich gewesen."

Elf gesunde Kälbchen

Mittlerweile ist sein achter Sommer auf der Hütte, die auf 1490 Metern im Wildgerlostal im Pinzgau inmitten saftiger Wiesen steht, fast schon wieder vorbei. Der ausgebildete Landwirt ist ab 5 Uhr zum Melken der 27 Kühe im Stall unterhalb der kleinen Dachwohnung. Den Tag verbringen die Tiere dann auf der Weide. Martin Gradl freut sich über die Geburt von zehn gesunden Kälbern. „Heute erwarte ich noch das elfte“, berichtet er am Donnerstagnachmittag stolz. Neben einem munteren Zwillingspärchen gab es im Juli erstmals auch Drillinge: „Die Kälbchen kamen drei Wochen zu früh und haben es leider alle drei nicht geschafft.“

Martin Gradl lebt seinen Traum auf der Alm im österreichischen Pinzgau

Pertolzhofen bei Niedermurach

Das Salzburger Land punktet mit Natur, Bergen, Wäldern und Seen: Hier gefällt es auch vielen Urlaubern, die in der Corona-Pandemie lieber nicht ins Flugzeug steigen. Martin Gradl, der hier jedes Jahr für rund drei Monate nahezu alleine lebt und arbeitet, war heuer nicht nur von der Herde umgeben: "Es sind viel mehr Leute unterwegs." Er berichtet von Wohnmobilisten die es am Stausee unterhalb der Hütte "übertrieben haben" und jetzt mit Anzeigen des örtlichen See-Verbunds rechnen müssen. "Das Wildcampen war heuer schon sehr extrem. Ich musste auch etliche Wanderer zurechtweisen, die die Kühe auf der Alm nicht in Ruhe ließen." Der öffentliche Wanderweg führt durch die Weideflächen. Normalerweise sei dies auch kein Problem, "denn Kühe sind friedfertige Tiere und von Natur aus wenig angriffslustig. Wer sich richtig verhält, kann gefährliche Situationen vermeiden".

Der größte Fehler: Kühe werden aufgrund ihres sanftmütigen Aussehens, trotz rund 800 Kilogramm Lebendgewicht, häufig unterschätzt. Und wer mit den Wanderstöcken herumfuchtelt, kann dabei die Tiere erschrecken. Der Senner appelliert: "Kälber nicht streicheln!" Denn die Muttertiere wollen mit ihrem ausgeprägten Schutzinstinkt ihren Nachwuchs vor Gefahren schützen. "Nicht jede Kuh reagiert gleich. Manche bleiben ruhig, andere werden aggressiv", weiß Gradl.

Das Wild-Campen war heuer schon sehr extrem. Ich musste auch etliche Wanderer zurechtweisen, die die Kühe auf der Alm nicht in Ruhe ließen.

Senner Martin Gradl

Senner Martin Gradl

Kuh-Attacken sind leider immer wieder ein Thema: Im Juli 2020 wurden deutsche Familien bei einer Wanderung in Tirol von Rindern angegriffen. Ebenfalls Mitte Juli wurde im Saarland ein Tourist von Kühen überrannt und schwer verletzt. So weit kam es bei der Herde, die Martin Gradl mit viel Herzblut betreut, gottseidank nicht. Aber auch er berichtet von unvernünftigen Touristen, die Kühe aus nächster Nähe fotografieren.

Schnee und Frost

Spätestens am 4. September wird der 28-Jährige die Alm und Österreich wieder verlassen. "Je nach Wetterlage kann es auch einen spontanen Termin geben." Übrigens: Mit Schnee ist in Sichtweite der Zillertaler Alpen von Ende August bis zum Frühsommer zu rechnen. "Heuer gab es auf 1600 Meter Höhe noch im Juni Schneefälle. Die Kühe mussten im Stall bleiben", berichtet der junge Oberpfälzer. Auch im Juli war es "total kalt und ich musste jeden Tag den Ofen heizen". Doch Martin Gradl macht das nichts aus. Er will auch 2021 wieder als Senner auf "seine Alm". Drei Monate auf der Alm: www.onetz.de/2940922

Service:

Wandern und Campen in den Bergen

  • Abstand auf der Weide
    Der Deutsche Alpenverein gibt auf seiner Homepage Tipps, wie sich Wanderer bei einer Begegnung mit Kühen verhalten sollten. Umgang mit Weidetieren: www.alpenverein.de
  • Campen in den Bergen
    Der österreichische Alpenverein bietet einen Überblick über die rechtliche Situation in Österreich und was beim Campen in den Bergen erlaubt ist. Oft platzt das Vorhaben am Paragrafen-Dschungel, denn je nach Bundesland bestehen gravierende Unterschiede. Wild-Campen kann teuer kommen.Regeln fürs Campen: www.alpenverein.at
Die Hütte von Senner Martin Gradl liegt am Durlassboden-Stausee im Pinzgau. Ein idyllisches Ziel auch für Wanderer und Camper.
Mutterliebe: Blia kümmert sich um ihr neugeborenes Kälbchen Blessi.

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