Der „Berzhofer Wirt“ schließt seine Pforten

Wie wertvoll etwas gewesen ist, weiß man oft erst, wenn es nicht mehr da ist. Das spüren zur Zeit auch die Pertolzhofener: Ihr traditionsreiches Wirtshaus schließt.

Das Gasthaus Winderl. An diesem Ort befand sich nach alter Überlieferung schon vor 1337 eine Taverne. Das Wirtshaus, das von der Familie Winderl seit 1838 ununterbrochen geführt worden ist, schließt zum Jahresende seine Pforten, womit für das ganze Dorf eine Ära zu Ende geht.
von Christof FröhlichProfil

Wenn das letzte Wirtshaus in einem Ort schließt, läuten die Alarmglocken, lautet eine übertragene Weisheit früherer Generationen. Nicht so in Pertolzhofen, in der Gemeinde Niedermurach, denn da ist die Schließung des Gasthauses Winderl, von den Pertolzhofenern nur "der Wirt" genannt, den Vereinen frühzeitig bekanntgemacht und angekündigt worden.

Wegen dieser zeitgerechten Informationen seitens der Familie Winderl, sind Planung und Baubeginn des "Dorfgemeinschaftshauses" und des "Hauses der Vereine" angeregt und bereits in Angriff genommen worden. Dennoch herrschte am vergangenen Samstag im Gasthaus Winderl eine große Portion Wehmut, als sich die Vereine dort trafen, um sich von den Wirtsleuten, Gertraud und Hans Winderl, gebührend zu verabschieden und ihnen dafür zu danken, dass sie bei ihnen über Generationen hinweg eine Vereinsheimat gefunden haben.

Ära geht zu Ende

Die Abschiedslaudatio für die Dorfvereine übernahm Christoph Eckl, der stellvertretende Vorsitzende des 1. FC Pertolzhofen, der diesen Abend als einen "besonderen Abend für das ganz Dorf" bezeichnete. Mit der Schließung des letzten Gasthauses im Ort gehe eine Ära zu Ende. Erst im Jahr 2015 hat der 1. FC Pertolzhofen wegen Schließung seines früheren Vereinslokals Gasthaus Lobinger ins Gasthaus Winderl gewechselt. Bis zur Fertigstellung der beiden Gebäude am "Vereinsstodl" fehlt eine Anlaufstation.

Für die Zukunft wünschte Eckl den Wirtsleuten Gesundheit und die Zeit für "wichtige Sachen im Seniorenalter", wie die Sorge für sich selbst und die Enkelkinder und den anstehenden Umbau vom Wirtshaus zu Privaträumen.

Als Abschiedsgeschenk überreichte Eckl im Namen der Vereine zwei hölzerne Bierkrüge mit Foto der Wirtsleute und allen Vereinswappen drauf, an dem sich die Dorfvereine 1.FC Pertolzhofen, Freiwillige Feuerwehr Pertolzhofen, die Golaner, Edelweißkapelle Pertolzhofen, der Obst- und Gartenbauverein Pertolzhofen, Sechzger Löwen Bertzhof und die Schlossfalken Pertolzhofen finanziell beteiligt hatten. Auch Bürgermeister Martin Prey zeigte Verständnis für die Schließung des letzten Gasthauses in Pertolzhofen.Damit gehe auch in Pertolzhofen eine Wirtshauskultur zu Ende, die über hunderte von Jahren Bestand hatte und in dieser Form nicht zu ersetzen sei. Gertraud Winderl dankte am Ende des offiziellen Teiles einigen Helferinnen, die sie in dieser Wirtshauszeit besonders oft und gut unterstützt haben, mit Präsenten.

Rückblick auf die Geschichte

Was die Ortschaft Pertolzhofen mit der Schließung ihres "Dorfwirtshauses" Winderl am letzten Samstag dieses Jahres wirklich verloren hat, machte der langjährige Vorsitzende des Schützenvereins "Schlossfalke Pertolzhofen", Josef Hoch,deutlich. Der Verein wurde 1951 "beim Wirt" gegründet. Bereits im Jahr 1732 war der Überlieferung und den Aufzeichnungen nach an dieser Stelle "eine berechtigte Taverne, in welcher der Wirt zugleich auch die Backens-, Franger- und Metzgergerechtigkeit Exercieren" durften. Das heißt, dass in diesem Wirtshaus auch ein Bäcker-, Krämer- und Metzgerladen betrieben werden durfte. Wie urkundlich in einem Grund- uns Stadtbuch erwähnt wird, dürfte die Taverne in Pertolzhofen bereits vor 1337 bestanden haben.

Wie Hoch weiter vortrug, wurde zwischen 1667 und 1669 die Kirche erweitert, bei der eine Ecke der Kirche "ins Wirtshaus hineingebaut" wurde, was heute noch ersichtlich ist. Die Familie Winderl ist seit 1838 ununterbrochen Besitzer dieser Gastwirtschaft, weshalb die Schließung aus Altersgründen, weder an der Familie Winderl, noch an den ihren Gästen spurlos vorübergeht.

Besonderen Dank sprach Hoch den Wirtsleuten dafür aus, dass sie in all den Jahren vom Schützenverein kein Geld für Strom und Heizung verlangt haben, sondern den Schützenverein noch tatkräftig und finanziell unterstützt haben. Ein weiteres Entgegenkommen der Wirtsleute ist, dass der Schießstand auch weiterhin bis zur Fertigstellung des neuen Schießstandes im Haus der Vereine genutzt werden kann, wofür Hoch den Wirtsleuten Gertraud und Hans Winderl dankte und ihnen eine selbstgefertigte Uhr, in die ein Bild vom Gasthaus gemalt ist, überreichte.

Das „Dorfgemeinschaftshaus“ und das „Haus der Vereine“ sind als Reaktion auf die frühzeitig angekündigte Wirtshausschließung bereits im Bau und sollen bereits 2020 fertiggestellt und bezogen werden.
Die Wirtsleute Gertraud und Hans Winderl (vorne) sind von den Vereinen, die sie über Jahrzehnte hinweg fürsorglich betreut haben mit zwei hölzernen Bierkrügen und einer Schießscheibe mit ihrem Haus darauf verabschiedet worden.
Die Wirtsleute Gertraud und Hans Winderl (vorne) sind von den Vereinen, die sie über Jahr-zehnte hinweg fürsorglich betreut haben mit zwei hölzernen Bierkrügen und einer Schießscheibe mit ihrem Haus darauf verabschiedet worden.
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