Einmal im Jahr zieht der große Zehentstadel in Pertolzhofen (Landkreis Schwandorf) kreative Ideen magisch an. Das liegt an den Gästen, allesamt Künstler, die sich hier im Atelier von Heiko Herrmann zu den Pertolzhofener Kunstdingertagen treffen. Zwei Jahre lang war Pause wegen Corona. Jetzt hat es der inzwischen 69-jährige Hausherr zum 26. Mal gewagt, der modernen Kunst zusammen mit einer Reihe von Kollegen den Weg ins ländliche Pertolzhofen zu ebenen. Katja von Lübtow, Annette Reichardt und Stewens Ragone haben Farben, Pinsel und Werkzeug ausgepackt, Albert Beedi und Marcus Stiefach-Dürr werden erst zum Wochenende anreisen und bringen ein etwas anderes Puppentheater mit aus Karlsruhe.
Ursprünglich war das Symposium auf zwei Wochen angelegt, heuer sind es nur acht Tage. Zwei Künstler mussten absagen. Umso konzentrierter sind die vier Künstler in Pertolzhofen nun dabei, ihre Zeit in Gesellschaft Gleichgesinnter zu nutzen. Katja von Lübtow ist vor der Hitze mit Pinsel und Farben unter einen schattigen Baum geflüchtet, neben ihr im Gras eine Handvoll Blätter, wo schwarze Flächen auf filigrane Linien treffen. Doch sie hat auch eine riesige Skulptur hier abgeliefert und zusammengezurrt. Die ist jetzt gleich hinterm Ortschild Teil des von Kunstverein Pertolzhofen initiierten Skulpturenfeldes.
Drinnen im Atelier begeistert sich Gastgeber Heiko Herrmann für ein "neues Projekt mit Tetra-Pak", das Annette Reichhardt und Stewens Ragone mitgebracht haben: Aus Getränkekartons entstehen Druckplatten für eine Radierung. "Klappt hervorragend, so kann man nachhaltig arbeiten", sagt Annette Reichardt und präsentiert einen Fundus an silberfarbenen Formen, die immer wieder neu kombiniert werden können: Aus einem Zeitungsfoto hat sie eine Form isoliert: Auf dem Original ist noch ein Pferdekopf zu erkennen. Jetzt erinnert der ausgeschnittene und mit der Radiernadel bearbeitete Teil einer Milchtüte eher an einen Affen. Der beschichtete Karton, in den die feinen Linien eingeritzt sind, wird mit Farbe bestrichen, die sich in den Rillen sammelt, wenn man sie wieder abwischt. "Am besten mit Seiten aus dem Köllner Telefonbuch", scherzen die Künstler. Zusammen mit weißem Papier geht es dann ab unter die Druckerpresse.
"Ich hab mich da rangehängt", schwärmt Heiko Herrmann und zeigt auf seine eigene Formensammlung. Parallel zu seinen farbigen Abstraktionen in Öl experimentiert er jetzt auch mit dieser Art der Radierung auf Getränkekarton.
Collage als Ergänzung
Stewens Ragone, Partner von Reichardt in der Kunst wie im Leben, ist schon einen Schritt weiter: Er hat bereits einige der Drucke mit Elementen der Collage ergänzt, das Paar arbeitet seit 2005 sozusagen im Tandem an Bildern. "Ich sitze ganz gerne im Windschatten", sagt Ragone und schmunzelt. Freilich gehe das nicht ohne Absprache. "Aber so bleibt man im Flow", schildert er das Sichten und Kombinieren, das gegen den "Tunnelblick" hilft. Das sind dann so Momente, wo der geschulte Blick im Holz des alten Stadels ein Gesicht entdeckt, ideal für eine Frottage. So nennt man die grafische Technik, wenn Oberflächenstrukturen auf einem darüber liegenden Blatt mit Bleistift quasi abgerieben werden. Auch dafür ist Platz in einem Bild. "Fantasie-Bildung" nennt Annette Reichardt das, dafür hat sie zusammen mit ihrem Mann ein Stipendium des Landes Nordrhein-Westfalen bekommen.
Waldschrat für Idylle
"Diesen Waldschrat hier, denn könnte man hier einpassen, vielleicht sogar mit einer Gitarre", sagt sie und deutet auf eine kitschige Landschaft, die als Hintergrund eine Zweitverwendung finden könnte. "Alles sehr variabel, sehr offen dieses Spiel".
Viel Zeit zum Spielen bleibt aber nicht, denn schon am Samstag, 23. Juli, werden die Ergebnisse dieses 26. Künstlertreffens in Pertolzhofen bei einem Abschlussfest mit Musik und Verpflegung der Öffentlichkeit vorgestellt. Albert Beedi und Marcus Stiefach-Dürr sorgen dann mit "The Poppets", einem Puppen-Trash-Theater, für einen ganz eigenen Beitrag zum Treffen von Künstlern und Kunstinteressierten in Pertolzhofen.
Künstlertreffen mit Finale
> Teilnehmer:Katja von Lübtow, Annette Reichhardt, Stewens Ragone, Albert Beedi , Marcus Stiefach-Dürr, Heiko Herrmann > Programm:gemeinsam Kunst schaffen, Austausch> Fest und Ausstellung:Samstag, 23. Juli, ab 16 Uhr, Dorfstraße 19a mit der örtlichen Blaskapelle und "Olli und die Blinden"; Eröffnung der Ausstellung im Zehentstadel sowie einer weiteren Ausstellung im Kunst-Container am Freundschaftsweg über Trinkgefäße; Vorstellung des Skulpturenfeldes in Pertolzhofen; Puppen-Trash-Theater
- Teilnehmer: Katja von Lübtow, Annette Reichhardt, Stewens Ragone, Albert Beedi , Marcus Stiefach-Dürr, Heiko Herrmann
- Programm: gemeinsam Kunst schaffen, Austausch
- Fest und Ausstellung: Samstag, 23. Juli, ab 16 Uhr, Dorfstraße 19a mit der örtlichen Blaskapelle und "Olli und die Blinden"; Eröffnung der Ausstellung im Zehentstadel sowie einer weiteren Ausstellung im Kunst-Container am Freundschaftsweg über Trinkgefäße; Vorstellung des Skulpturenfeldes in Pertolzhofen; Puppen-Trash-Theater






















Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.
Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.