Stadtflucht mit Künstlern

Einmal im Jahr pilgern die Fans moderner Kunst nach Pertolzhofen, vom Punker bis zum Bankdirektor. Künstler Heiko Herrmann hält hier die Stellung – und bringt seit mehr als 25 Jahren frischen Wind ins Dorf.

Als Künstler, Kunstvereinsvorsitzender und Organisator der "Pertolzhofener Kunstdingertage" hat Heiko Herrmann in fast drei Jahrzehnten seinen zweiten Wohnsitz im Dorf geprägt.
von Monika Bugl Kontakt Profil

"Pertolzhofen ist nicht unbedingt das Sprungbrett nach Chicago", sagt einer, der es wissen muss: der Künstler Heiko Herrmann. Er hat sich vor fast 30 von der Großstadt München aufs Land gewagt. Auf der Suche nach einem Atelier mit viel Platz ist er in Pertolzhofen fündig geworden, hat dort 1991 als "Fan von Bröselburgen" den Zehentstadel erworben und restauriert. Vor allem aber hat er hier die Kunst etabliert. Das begann 1993 mit den "Kunstdingertagen", einem zweiwöchigen Symposium mit Künstler-Kollegen, die das Leben in dem Dorf am Bayerisch-böhmischen Freundschaftsweg verändert haben. Heuer stehen von 25. Juni bis 6. Juli die "25. Pertolzhofener Kunstdingertage" an. Ein Jubiläum mit vielen Gästen der ersten Stunde.

"Entfällt", hieß es im vergangenen Jahr zur Enttäuschung vieler Kunst-Fans, die sich auf die Ausstellung am Ende des Künstler-Treffens gefreut hatten. Hausherr und Organisator Heiko Herrmann war erkrankt. Symposium und Ausstellung mit Abschlussfest, bei dem Dorfgemeinschaft und Edelweißkapelle aktiv werden, fielen aus. Jetzt wird der zweiwöchige Austausch mit Farbe, Pinsel oder auch Säge und Hammer samt Jubiläumsfeier nachgeholt.

Dann ist Schluss mit "Fluchtburg und Rückzugsort", den dann ziehen sechs bis acht Künstler ein in das Atelier mit großem Garten. In jeder Nische werden unterschiedlichste Techniken erprobt, der eine Gast braucht dringend Oberpfälzer Granit, ein anderer arbeitet mit Holz oder fertigt Skulpturen aus Metall. Die Idee dazu hatte der Hausherr aus dem Künstlerkollektiv Herzogstraße in München: gemeinsam essen, trinken schlafen und arbeiten. Vorbei war es mit der Ruhe in der ländliche Idylle. "Manche sind erst ins Bett gegangen, als andere schon wieder aufgestanden sind", erinnert sich der inzwischen 66-Jährige an turbulente Zeiten und anstrengende Phasen bei diesem "Austauschprogram".

"Man kann sich ein bis drei Tage verstellen, aber irgendwann kommt der wahre Kern ans Licht", hat er festgestellt. Und irgendwann kamen auch die Leute aus dem Dorf. "Anfangs waren alle noch sehr zurückhaltend", erinnert sich Herrmann, "der Erste war der Bäcker, der sein Schaufenster extra zu den Kunstdingertagen entsprechend dekoriert hat". Da gab es dann später die "Pertolzhofener Kunstdinger-Schnitten" und einmal sogar ein weißes Lebkuchen-Nashorn als Anspielung auf eine Skulptur. Ins Gespräch mit den Nachbarn kam man auch, weil immer irgendetwas fehlt, beispielsweise ein Betonmischer. Nicht selten wünschten sich auch die Handwerker, die Herrmann im Lauf der Jahre beauftragte, statt eines Honorars ein Kunstwerk.

Was moderne Kunst betrifft, so blicken die Pertolzhofener weit über die Kirchturmspitze hinaus. Besonders dann, wenn sich am 6.Juli der Garten von Heiko Herrmann mit zeitgenössischen Skulpturen und Bildern füllt.

Hauptsache heimisch

Bürgermeister Martin Prey vom Nachbarort und Gemeindesitz in Niedermurach kennt die Anekdote von dem inzwischen verstorbenen Erwin Rötzer, der sich als Lohn ein Bild von Herrmann wünschte. "Aber das gefällt dir doch gar nicht", gab der Künstler in Hinblick auf seinen abstrakten Stil zu bedenken. "Da hast du recht", sagte der Handwerker, "aber du bis jetzt hier der Maler im Dorf". Der "Zugezogene" aus München, der hier etwa ein Drittel seiner Zeit verbringt, war angekommen. "Der Heiko, der passt scho", hieß es schließlich. "Die Leute haben gemerkt, dass ich ihnen etwas bringe", stellt der Künstler fest. Im Gästebuch bringt es so mancher auf den Punkt, wenn er vom "schönsten Fest" beim Kunstdinger-Finale schwärmt, "weil da auch mal Fremde herkommen". "Wir sind tatsächlich weltweit im Gespräch", bestätigt Bürgermeister Prey mit einem Schmunzeln, "New York, Paris, London, Berlin - und Pertolzhofen", der Künstler habe tatsächlich die Dorfgemeinschaft verändert. "Und der Container macht auch was her", ergänzt seine Stellvertreterin Rita Salomon. Gemeint ist der Hochsee-Container am Bayerisch-böhmischen Freundschaftsweg, die "Kunsthalle Pertolzhofen", die Kunstvereinsvorsitzender Herrmann regelmäßig mit Ausstellungen bestückt.

"Prinzip eines Dorfes"

Zu den 25. Kunstdingertagen wird der Ort noch um eine Attraktion reicher: Am 6. Juli wird auf dem Dorfplatz eine Skulptur enthüllt, ein Geschenk des Kunstvereins an die Gemeinde. Das abstrakte Werk von Heiko Herrmann erinnert ein wenig an eine Figur, die sich auf zwei weitere stützt. Dargestellt hat der Künstler dabei das "Prinzip eines Dorfes", in dem die Leute einander helfen, wenn einer schwächelt. Ihr Titel: "Trag mich ein Stück".

Vom Kunstdünger zu den Kunstdingern:

Wenn Heiko Herrmann zurückblickt auf 25 Mal Kunstdingertage und die Anfänge, fällt ihm die Geschichte mit der Namensfindung ein. "Symposium war mir zu deppert", hatte er damals festgestellt. Ein Besuch bei der Baywa mit dem Künstler Ossi Fink sorgte für den Geistesblitz: Kunstdünger stand dort auf den Säcken, und im Nu war die Assoziation da zu den "Kunstdingern". Bei der Einladung an die Pressevertreter zur ersten abschließenden Ausstellung war allerdings ein Missverständnis vorprogrammiert. Das merkte Veranstalter Heiko Hermann, als er mit einem kleinen Häufchen an Gästen am Biertisch vor dem Atelier saß und eine Reporterin vorbeikam. "Die dachte tatsächlich, dass hier der Bauernverband verantwortlich ist und es um Kunstdünger geht."

25. Pertolzhofener Kunstdingertage:

"Keine Experimente" wollte Organisator Heiko Herrmann bei den 25. Pertolzhofener Kunstdingertagen wagen und hat deshalb viele gute Bekannte noch einmal eingeladen: Albert Beedi aus Karlsruhe, Franz Burkhardt (Wolfenbüttel, Montzen), Ossi Fink (München, Alto Adige), Ruth Gilberger (Köln), Herbert Heindl (München, Obernzell, Passau), Pia Mühlbauer (Arnschwang) und Martin Schneider (Geisenfeld, München). Was sie in der Zeit von 26. Juni bis 6. Juli produzieren, bekommen interessierte beim großen Abschlussfest rund um den Zehentstadel am 6. Juli ab 16 Uhr zu Gesicht. Dazu spielt die Edelweißkapelle, "Es gibt Feuer, Bier, Raketen, Essbares und Freude an der Kunst und am Leben" verspricht der Kunstvereinsvorsitzende. Führungen durch die Ausstellung finden um 18 und 19 Uhr statt.

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