10.08.2021 - 16:01 Uhr
PfreimdOberpfalz

Entdeckungsreise zu den Schätzen der Natur: Pfreimder Kräuterführerin kennt das wertvolle Grün

Ausgerechnet unter der Autobahn-Brücke bei Pfreimd behaupten sich Wilde Karde, Labkraut und Mädesüß. "Superfood" konkurriert mit Heilkraut. Hier geht Theresia Herdegen auf Schatzsuche.

Als zertifizierte Kräuterführerin setzt Theresia Herdegen aus Pfreimd auch auf die heilsame Wirkung von Wissen, wenn es um den Schutz bedrohter Arten geht.
von Monika Bugl Kontakt Profil

Wie man Kurs auf die Schätze der Natur nimmt, weiß Theresia Herdegen, seit sie 2014 ihre Ausbildung zur zertifizierten Kräuterführerin abgeschlossen hat. Mit Körbchen, Kostproben und Spickzettel ist sie seither im Landkreis unterwegs und bringt Neulinge mit ihrem Wissen über die Botanik zum Staunen. "Das alles hatte ich immer schon vor der Nase und nie bemerkt", wundert sich ein Rentner, der zum ersten Mal die Bitterstoffe der Wilden Möhre auf der Zunge schmeckt. Für eine kleine Führung mitten im Sommer hat die 45-Jährige einen Wegrand unter der Autobahnbrücke der A6 ausgesucht, auf den ersten Blick ein wenig unscheinbar. "Wenn man aber genauer hinschaut, sieht man, was für eine Vielfalt hier steht", sagt die Kräuterführerin. Einmal im Jahr darf und muss gemäht werden, damit diese Areale nicht verbuschen, düngen ist tabu.

Nur dann hat vielleicht die Wilde Karde eine Chance, die der oberflächliche Blick wegen ihrer Stachel einfach als "Distel" abtun würde. "Dabei ist sie einfach wunderschön, sie blüht interessanterweise aus der Mitte heraus nach unten und oben", erklärt die Fachfrau. Eine Tinktur aus ihrer Wurzel soll sogar gegen Borreliose helfen, ganze Bücher widmen sich nur dieser einen Pflanze. Doch die Expertin aus Pfreimd ist vorsichtig: "Für mich sind Kräuter Begleiter der Schulmedizin. Wenn ich krank bin, muss ich nachschauen, was dahinter steckt." Sie orientiert sich an Hippokrates' These "Lass deine Nahrung deine Medizin sein" und findet ihr "Superfood" nicht in den Regalen der Lebensmittelmärkte, sondern in der Natur um die Ecke. "Himbeeren, Brombeeren, Heidelbeeren, wozu brauche ich da Goji-Beeren?", wundert sich die 45-Jährige.

Giftig oder gut?

Weil so viel über die Kräuter in Vergessenheit geraten ist, geht der Lernprozess bei der Neuentdeckung oft über Jahre. "Es gibt Menschen, die machen so eine Exkursion schon zum dritten Mal in Folge mit", berichtet die zertifizierte Führerin. Das hilft, um ganz sicher zu gehen, dass hier die Wilde Möhre wächst und nicht ein anderer Doldenblütler, ein "giftiger Kamerad". "Sehen Sie diesen schwarzen Punkt in der Mitte?", fragt Theresia Herdegen ihre Begleiter. Das ist ein sicheres Zeichen, dass es tatsächlich die Urform der Karotte ist. "Wer Kräuter sammelt, nimmt nur das, was er hundertprozentig kennt, alles andere sollte man lieber weglassen", lautet die Devise. Das gilt auch für die watteartigen Blütenstände des Mädesüß mit seinem rot überlaufenen Stängel und der Duftwolke, die ganz klar mit Sommer assoziiert ist. "Da steckt Salicylsäure drin, ein Schmerzmittel", weiß Herdegen.

Nur wenige Meter weiter der nächste Fund: Echtes Labkraut. Hier ist es die Legende, die mehr beeindruckt als die potenzielle Wirkung auf die Lymphe. Die kleinen gelben Blüten sollen schon neben dem Jesuskind in der Krippe gelegen haben. Hebammen wissen sie zu schätzen, galt die Pflanze doch als Schutz gegen böse Flüche. Theresia Herdegen hält sich persönlich lieber an die Brennnessel: Kaum ein Salat kommt bei ihr ohne diese getrocknete Zutat auf den Tisch, frisch wird sie in Suppe gerührt. Was übrig bleibt, liefert Jauche für die selbst angebaute Gurken und Tomaten.

Giersch, Liebstöckel, Majoran, Oregano und Thymian: Es sind dann doch die herkömmlichen Favoriten, die Eingang in die Küche finden. "Ein Drittel für uns, ein Drittel für die Natur, ein Drittel für den Fortbestand", an diese Regel hält sich die 45-Jährige wenn sie erntet. Nicht alles kommt in den Topf. "Die Färberkamille ist eher was fürs Auge, das Zittergras macht sich gut in der Vase." Apropos Auge: Von der Schafgarbe weiß man zwar um ihre Gerbstoffe und die Wirkung eines Tees bei Frauenleiden, doch wer hat schon mal einen genauen Blick auf ihre gefiederten Blätter geworfen? Die haben der Pflanze den Beinamen "Augenbraue der Venus" eingebracht. "Erst wenn man solche Pflanzen mit allen Sinnen erfährt, merkt man sie sich auch", so die gelernte Industriekauffrau, die schon mal beim Grillen Feta-Käse in ein Huflattich-Blatt einpackt. Da ist noch eins, gleich neben dem Weißen Steinklee, dem Natternkopf und dem Blutweiderich.

Kräuterbrei gegen Juckreiz

"Eine Pflanze ist für mich wie ein Teil eines Orchesters, jede trägt zur Vielfalt bei": Mit diesem Rezept integriert die Kräuterführerin den Schatz aus der Natur in ihr Menü. Ein paar Erste-Hilfe-Tipps aus der grünen Apotheke kennt sie dank ihrer Ausbildung auch: Kiefernknospen gegen Halsweh oder zerriebenen Spitzwegerich gegen juckende Mückenstiche. "Den Brei auf die juckende Stelle geben, ein Huflattich-Blatt darüber, und mit Gräsern festbinden, fertig ist der Verband."

Um all diese Informationen aufzunehmen, müssen Interessierte nicht weit laufen. Allein 20 Kräuter behaupten sich auf der kleinen Insel unter der Brücke. Theresia Herdegen hat ihre Welt schon lange vor dem Artenschutz-Volksbegehren erkundet. Sie vertraut darauf, dass schon das Wissen um sie eine rettende Funktion hat. "Alles, was ich kenne, das schütze ich", so ihre Überzeugung. "Und ich hoffe, dass meine Teilnehmer auch weitererzählen, was sie wissen."

Heilkräuter und ihr kirchlicher Aspekt

Waldsassen
Info:

Kräuterwissen aus Kurs, Fachbuch und Apps

  • Ausbildung: an der Umweltstation Waldsassen Kurz für zertifizierte Kräuterführer (dauert ein halbes Jahr, an Wochenenden aber zum Teil auch während der Woche)
  • Führung: in unregelmäßigen Abständen und abhängig von der Jahreszeit
  • Fachwissen: Die Kräuterführerin rät, nie auf nur eine Quelle zu vertrauen und möglichst viele "Meinungen" einzuholen, sei es über Bücher oder Apps. gute Erfahrungen hat sie mit der App "Flora Incognita" gemacht.
  • Kontakt: Telefon. 0170/1513011. E-Mail: Herdegen.Theresia(@)t-online.de
  • Tipps zum Kräutersammeln: nur gesunde Pflanzen an unbelasteten Standorten verwenden, mehrfach kontrollieren, nur bei sicherer Kenntnis und nie alles pflücken

"Eine Pflanze ist für mich wie ein Teil eines Orchesters, jede trägt zur Vielfalt bei."

Kräuterführerin Theresia Herdegen

Kräuterführerin Theresia Herdegen

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