17.05.2019 - 14:51 Uhr
PfreimdOberpfalz

Wenn die Kleider Henkel kriegen

Das antiquierte Blumenmuster löst einen Sturm der Begeisterung aus. Der Stoff ist perfekt, robust genug für den Einkauf, ideal für eine "Boomerang"-Tasche. Ein Beitrag zum Umweltschutz, der Spaß macht.

Marita Hausknecht, Cornelia Schäfer Resi Eichinger, Carola Reul und Maria Ostler-Scharl (von links) sowie Anja Paulus (nicht im Bild) nähen Einkaufstaschen, die schon bald in den Pfreimder Läden zirkulieren sollen - kostenlos oder gegen ein paar Cents.
von Monika Bugl Kontakt Profil

Die fünf Frauen, die sich an diesem Abend in der Rosengasse 22 in Pfreimd zum gemeinsamen Nähen von Einkaufstaschen treffen, strahlen übers ganze Gesicht, wenn sie ihre Modelle aus dem großen Wäschekorb auf den Tischen ausbreiten. "Diese hier war mal Bettwäsche", sagt die eine und deutet auf ein zartes Muster mit winzigen blauen Schirmchen. Daneben entfalten die Frauen Exemplare mit gewagtem Karo, mit Blümchen, Motiven für Kinder oder auch die "Herren-Tasche" in dezentem Beige oder mit Henkeln, auf denen bei näherem Hinsehen winzige Golfspieler auszumachen sind. Alles Unikate, hinter denen mehr steckt als ein kreatives Hobby, nämlich die "Boomerang-Tasche".

Cornelia Schäfer hat die Idee dazu aus Australien mitgebracht. "Meine Tochter lebt dort und hat sich für ein Projekt engagiert, das helfen soll, Plastiktüten zu vermeiden", erzählt sie. Schnell wurde auch die Mama aktiv und half beim Nähen der Taschen, die in den lokalen Supermärkten in den Umlauf kommen sollten. Mit dem Bumerang (englisch "Boomerang"), der Wurfwaffe der Aborigines, haben sie eins gemeinsam: Sie sind dazu bestimmt, zurückkehren, um dann wiederverwendet zu werden. Dieser Beitrag zum Umweltschutz beflügelt auch die Mitstreiterinnen von Cornelia Schäfer, die bei der Produktion der Taschen Wert darauf legen, dass hier alte und gebrauchte Stoffe oder Reste verarbeitet werden.

Eine Hauch von Nostalgie

"Das da sind Vorhänge aus den 50er Jahren, die aus dem Haas-Haus stammen, und die hier sind aus der Schwane" (früheres Gasthaus "Zum Schwan"), sagt Schäfer, "ist das nicht toll?". Mit Blick auf den Stapel an Stoffen stellt sie fest: "Da können wir noch ein paar Jahre nähen." Eine Ansage, die an diesem Tag niemanden in Schrecken versetzt, im Gegenteil. Begeistert packen die Frauen aus, was sie daheim ganz unten im Schrank gefunden und freuen sich darüber, so manchem heiß geliebte Kleid in Form einer Tasche wieder zu begegnen. "Wir wollen ganz bewusst keine neuen Stoffe verwenden", beteuert die passionierte Näherin und schmunzelt beim Gedanken an Farben und Formen, die eine Zeit heraufbeschwören, als sie 30 war.

Ein Standardmaß gibt es für die Taschen nicht, sie kommen mal größer, mal kleiner, breiter oder schmäler daher mit langen oder kurzen Henkeln. "Das sind keine einfachen Beutel", betont Maria Ostler-Scharl und zeigt auf die exakt genähten Ecken, die mehr Übersicht beim Ein-und Auspacken garantieren. Allerdings legen die Frauen, die sich hier im lockeren Kreis zum Nähen treffen, Wert darauf, dass der Stoff möglichst aus Baumwolle oder Leinen besteht.

Nicht jede ist so geschickt im Nähen wie die Initiatorin. "Ich beschränke mich lieber aufs Bügeln", gesteht Carola Reul, bei der als neuer Leiterin des Pfreimder Museums die organisatorischen Fäden zusammenlaufen. "Hier geht's ja auch um Sozialkontakte." Außerdem werden auch Helferinnen fürs Zuschneiden benötigt. "Wir könnten durchaus noch Leute brauchen", so der Tenor im Nähkreis, bei dem sich zur dritten Runde neben Schäfer, Ostler-Scharl und Reul Marita Hausknecht und Resi Eichinger eingefunden haben. Auch Anja Paulus und Theresia Kederer sind dabei, wenn es um diese Form des Upcyclings geht.

Schon beim zweiten Termin haben sechs Frauen 17 Taschen produziert, denen jetzt nur noch eins fehlt: ein Label oder Logo. Einen Entwurf, der dann seitlich auf ein Etikett gestempelt werden soll, gibt es schon. "Mach mit! - Der Umwelt zuliebe" soll die Aufschrift lauten, und mittendrin ein Kreis mit dem Hinweis auf die Stadt Pfreimd und das Museum.

Waschen inklusive

"Ob wir diese Taschen wirklich herschenken sollten?", überlegt Marita Hausknecht. "Vielleicht ist es besser, zumindest 50 Cent oder einen Euro zu verlangen, denn was nichts kostet, ist nichts wert." Schließlich will der Nähkreis die Taschen im Supermarkt auch wieder einsammeln und in regelmäßigen Abständen waschen. Doch um zwischen Preis oder Spende abzuwägen, bleibt noch etwas Zeit. Die aufwendigeren Designer-Taschen sollen ohnehin zugunsten des in Pfreimd geplanten Stadtmuseums verkauft werden. Ein Stand beim Bürgerfest ist der Auftakt für die Aktion, bei der die Unikate neben einem Beitrag zum Umweltschutz auch ein kleines Taschengeld abwerfen könnten für die kulturellen Pläne.

Cornelia Schäfer macht sich Gedanken, wie man die originellen Stoffreste am effektivsten verwenden kann: für den Taschenboden, die Seiten oder die Henkel.
Die original Boomerang-Tasche rechts hat Cornelia Schäfer aus Australien mitgebracht. Links ein Modell, für das ein Kissen aus dem Pfreimder Haas-Haus Verwendung fand.
Auch Kindertaschen mit Teddy, Frosch oder Feuerwehrauto gehören zu der Produktion. Die hochwertigeren Exemplare sollen beim Bürgerfest zugunsten des Museums verkauft werden.
Info:

Trend zum Upcycling

Beim Upcycling ( zusammengesetzt aus dem englischen "up" (nach oben) und recycling (Wiederverwertung) werden Abfallprodukte oder nicht mehr aktuelle Materialien in neuwertige Produkte umgewandelt. Die Wiederverwertung von bereits vorhandenen Sachen soll die Verwendung von Rohstoffen reduzieren helfen. Angesichts knapper Ressourcen gewinnt diese Methode zunehmend an Bedeutung. Inzwischen versuchen auch Unternehmen, herkömmliche Materialien durch die kreative Zweckentfremdung einer neuen Funktion zuzuführen. Obstkisten werden zu Regalen, Paletten, Weinflaschen oder Rohre mausern sich zu Elementen der Inneneinrichtung. Individualität ist dabei Trumpf.

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