05.04.2021 - 12:10 Uhr
PfreimdOberpfalz

Lebensretter Andreas Igl erhält Christophorus-Medaille

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Der Unfall passiert in sieben Meter Höhe. Bei der Rettung geht es um Minuten. Dass der verletzte 26-jährige Anlagenmechaniker heute wieder lachen kann, verdankt er einem Arbeitskollegen, der jetzt die Christophorus-Medaille tragen darf.

Von einem ähnlichen Modell wie der Hebebühne im Hintergrund hat Andreas Igl aus Pfreimd vor drei Jahren einen Arbeitskollegen gerettet, der beim Rückwärtsfahren mit dem Brustkorb zwischen Geländer und einem Dachträger eingeklemmt wurde.
von Monika Bugl Kontakt Profil

Dieser Tag, ein Donnerstag im März 2018, hat sich bei Andreas Igl tief ins Gedächtnis eingebrannt. 21 Jahre alt ist er damals, als er plötzlich auf einer Baustelle in Pfreimd als Ersthelfer eingreifen muss. In sieben Meter Höhe hängt sein verletzter Arbeitskollege, eingeklemmt zwischen dem Geländer einer Hebebühne und einem eisernen Dachträger.

"Der Unfall ist in Rufweite passiert, aber da gab es nicht einmal einen Schrei", erinnert sich der heute 24-Jährige an jenen Augenblick, als aus Routine beim Abnehmen eines Fangnetzes zur Installation von Leitungen plötzlich ein Kampf um Leben und Tod wurde. Zusammen mit einem weiteren Mitarbeiter der Firma Igl Umwelt- und Gebäudetechnik, Josef Langmann, wählt er den Notruf und versucht, die Hebebühne über einen Notablass nach unten zu holen. Als diese Versuche scheitern, zögert der Anlagenmechaniker nicht lange und klettert kurzerhand zu dem Eingeklemmten in die Höhe. Er schafft es, ihn zu befreien, ohne dass er übers Geländer kippt, fährt die Anlage nach unten.

Doch für erleichtertes Verschnaufen bleibt keine Zeit. Der Arbeitskollege atmet nicht mehr, kein Puls, er ist blau angelaufen. "Ich konnte mir bis dahin nicht vorstellen, dass ein Mensch wirklich so blau aussehen kann", erinnert sich Andreas Igl an den Anblick des Verletzten. Ohne nachzudenken spult er ab, was er bei der Truppmann-Ausbildung bei der Feuerwehr Pfreimd gelernt hat und beginnt sofort zu reanimieren. Wie macht man so etwas? "Dreißig, zwei", sagt der junge Mann ohne zu zögern, "30 Mal pumpen, zwei Mal beatmen". Dazu musste er sich in diesem Moment nicht erst überwinden. "Das war wie ein Reflex", erklärt er. Noch heute denkt er dankbar an den Ausbilder bei der Feuerwehr, Bernd Beierlein, der als Maschinist und Rettungssanitäter die Grundlagen vermittelt hat. Und auch an den Grundsatz: "Man kann in so einer Lage nichts falsch machen, es ist nur falsch, wenn man da nichts macht."

Als schließlich damals der erste Rettungssanitäter mit Notfallkoffer die Halle betrat, hieß es: "Mach einfach weiter!". Denn auch die Profis mussten erst ihre Ausrüstung in Position bringen. Als sie übernahmen, war der Ersthelfer auch etwas außer Puste und staunte: "Hut ab vor der ganzen Rettungskette, gefühlt sind die mit Sanka und Feuerwehr in drei Minuten hier angerückt." Dem 21-Jährigen tat es gut, als ihn nach der Aktion die Freunde von der Feuerwehr in Empfang nahmen. Für den Verunglückten, der ins künstliche Koma versetzt wurde, ging es mit dem Hubschrauber in die Regensburger Uniklinik. Per Funk ließ der Notarzt schon mal einen Gruß an den kompetenten "Erste-Hilfe-Leister" ausreichten. "Das war für mich das größte Lob, wichtiger als jede Urkunde", erinnert sich der heute 24-jährige Retter.

Auch den dann folgenden Auflauf hat er nicht vergessen: Polizei, Berufsgenossenschaft, Kripo. Wie im Fernsehen beim "Tatort" sei das gewesen, jeder habe genau wissen wollen, wie das passiert sei. Immer wieder hat in den folgenden Tagen auch der junge Lebensretter in Gedanken alles noch einmal durchgespielt, immer wieder überlegt, ob er nicht doch noch eine Minute schneller hätte sein können. "Einfach mit jemandem darüber reden können, das hab' ich in diesen Tagen danach schon gebraucht", erzählt Andreas Igl.

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Was für eine enorme Erleichterung für alle, als das Unfallopfer schließlich nach fünf fünf Nächten im Krankenhaus und lediglich einer gebrochenen Rippe wieder die Klinik verlassen konnte. Sein Lebensretter wollte beim Abholen unbedingt dabei sein. "Ich kam da hin, und er lacht, ist voll gut drauf und will am liebsten schon wieder arbeiten", hat er sich gewundert.

Der Unfall ist schon fast vergessen, als zum Jahreswechsel 2020/2021 bei Andreas Igl ein Schreiben eintrifft, dass er bei der Post ein Päckchen abholen soll. Der Inhalt entpuppt sich als Urkunde samt Christophorus-Medaille, in Anerkennung einer "Rettungstat unter besonders schwierigen Umständen". Eine Belobigung, die normalerweise der Ministerpräsident bei einem Festakt überreicht und die wohl wegen Corona mit etwas Verspätung postalisch zugestellt wurde. Diese Ehrung auch zu akzeptieren, fand der junge Pfreimder im ersten Moment nicht einfach. "Mein Arbeitskollege hat genauso mitgeholfen, und viele andere waren auch beteiligt und sind nicht ausgezeichnet worden", überlegt er, "das lag mir im Magen".

Dafür freut er sich drei Jahre nach dem Unfall noch immer, wenn von dem geretteten Kollegen eine Nachricht oder ein Anruf auf dem Handy aufploppt. Der inzwischen 29-jährige Familienvater ist fit, kann sich aber auch jetzt noch nicht an den Unfall erinnern, lediglich an die Fahrt zum Unglücksort. "Letzte Woche waren wir zusammen auf Montage und haben darüber gesprochen. Was ihm genau passiert ist, war ihm wohl gar nicht so bewusst", so der Träger der Christophorus-Medaille, der das ganz gut so findet. "Es steht niemand in meiner Schuld, jeder andere hätte es genauso gemacht."

Diese Christophorus-Medaille samt Anstecknadel kam wegen Corona per Post bei Andreas Igl an.
Hintergrund:

Christophorus-Medaille als Belobigung

  • Kriterien: Seit 1. Januar 1984 wird neben einer Rettungsmedaille (Rettung unter Einsatz des eigenen Lebens) zudem die Christophorus-Medaille für Rettungstaten verliehen, die unter besonders schwierigen Umständen ausgeführt worden sind. Die Rettungsmedaille wird nicht an Personen verliehen, die wegen dienstlichen oder beruflichen Gründen der Schutz des Lebens anderer aus diesen Gründen anvertraut ist.
  • Medaille: Die in Silber gehaltene Christophorus-Medaille zeigt den heiligen Christophorus und enthält den Schriftzug "Öffentliche Belobigung für Rettung aus Lebensgefahr". Wie bei der Rettungsmedaille wird die öffentliche Belobigung im Bayerischen Staatsanzeiger bekanntgemacht.
  • Vorschlag: Jedermann kann Auszeichnungsvorschläge bei der Bezirksregierung, in deren Bereich die Rettungstat stattgefunden hat, formlos einreichen.
  • Übergabe: Auszeichnungen werden normalerweise vom Bayerischen Ministerpräsidenten im Rahmen einer Feierstunde überreicht.
  • Tragehinweis: Mit der Medaille kommt auch ein Hinweis, wie sie oder die beiliegende Anstecknadel zu tragen ist. Sie soll an der linken oberen Brustseite so befestigt werden, dass die Nadel durch die Außenkante des Revers verdeckt ist, und zwar bei allen feierlichen Anlässen. Andreas Igl hat sie noch nie angesteckt und lässt die Auszeichnung lieber im Schrank.

"Es steht niemand in meiner Schuld, jeder andere hätte es genauso gemacht."

Andreas Igl, ausgezeichnet mit der Christophorus-Medaille für Lebensrettung unter schwierigen Umständen

Andreas Igl, ausgezeichnet mit der Christophorus-Medaille für Lebensrettung unter schwierigen Umständen

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